Manfred Ronzheimer
Bild: Manfred Ronzheimer
4. Juli 2016  /// Bewegung Gesellschaft

„Dramatisch falsch informiert“

Konferenz in Schwanenwerder über die Rolle der Medien in der Großen Transformation

Wird über die „Große Transformation“, den grundlegenden Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit, in den Medien zu wenig berichtet? Lässt sich womöglich ein umfassender Informations-Blackout zu Themen planetarer Auswirkung feststellen? Und wenn dem so ist, lassen sich andere, neue Medien aufbauen, die die Fakten und Handlungsnotwendigkeiten des Anthropozäns besser in die Bevölkerung tragen?

Darüber diskutierten Ende Juni auf der Berliner Wannsee-Insel Schwanenwerder die Teilnehmer der Konferenz „Blackout Planet. Die Große Transformation und das Schweigen der Medien“. Veranstalter waren die Evangelische Akademie Berlin, das Haus der Zukunft und das Forschungszentrum für Umweltpolitik der Freien Universität Berlin. Auch N21 war mit einer Präsentation durch Fritz Hinterberger vertreten.

Um es vorweg zu nehmen: Die Auffassungen zur Blackout-These waren geteilt. Während einige der Referenten erhebliche Defizite bei der medialen Verarbeitung der „großen gesellschaftlichen Herausforderungen“ sahen, befanden andere, dass der Umwelt- und Nachhaltigkeitsjournalismus seine Chronistenpflicht und Wächterrolle durchaus passabel erfülle. Beiden Gruppen gemeinsam war aber die Sorge, dass der rasch voranschreitende Medienwandel in Kombination mit dem Wegfall journalistischer Arbeitsplätze Qualität und Umfang der transformationsbezogenen Berichterstattung verringern könnte – und es auch schon tut.

Medienversagen vor den Klimaleugnern

Stefan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und 2011 Mitautor der WBGU-Studie zur „Großen Transformation“ hob in seiner Eröffnungs-Keynote hervor, dass es in der Wissenschaft eine 97-prozentigen Konsens über die Realität des Klimawandels geben. „Aber die Öffentlichkeit ist darüber dramatisch falsch informiert“, sagte Rahmstorf. Die meisten Mediennutzer seien der Meinung, die Wissenschaftler wären in dieser Frage 50:50 gespalten. „Hier liegt ein Medienversagen vor, wenn das beim Publikum so ankommt“. Ein Grund Grund dafür sei die vor allem in den USA vorherrschende Medien-Regel, zu jeder Position eine Gegenmeinung zu präsentieren. So wird jeder neue Befund der Klimaforschung um einen Widerspruch eines Klimaskeptikers ergänzt, auch wenn dessen Faktenaussagen nicht stimmen.

Gut dokumentiert ist in den USA, wie die Fraktion der Klimaskeptiker über Stiftungsmittel aus der Fossilwirtschaft finanziert werden. Zwischen 2003 und 2010 wurden 558 Millionen Dollar für Aktivitäten der Klimaleugner ausgeben, berichtete Rahmstorf. Eine solche Verdrehung der öffentlichen Diskussion halte aber davon ab, über das eigentlich Notwendige zu berichten. Die Konsequenz des Potsdamer Klimaforschers: „Ich blogge, um meine Themen und Ansichten direkt zum Ausdruck zu bringen, ohne den Filter der Medien“.

Notwendige Debatten, die Rahmstorf derzeit in den Medien vermisst, sind etwa: Wie muss das Pariser Klima-Abkommen, das ein sensationeller Erfolg ist, umgesetzt werden, um zu einem maximalen Temperaturanstieg von nicht mehr als 1,5 Grad zu kommen? Denn die in Paris gemachten Zusagen führen zu einem Anstieg um 3 Grad. Bis wann müssen wir unsere Umstellung auf 100 % erneuerbaren Strom erreicht haben? (Bis 2040). Bis wann dürfen keine fossil betriebenen Autos und Heizungen mehr in Betrieb sein? (Bis 2030). Rahmstorf: „Darüber liest man leider noch sehr wenig in den Medien“.

Dieter Janecek, Bundestagsabgeordneter der Grünen, war der Auffassung, dass es in Deutschland – anders als in den USA – das „Schweigen der Medien“ nicht gebe. So sei sein Vorschlag, bis zum Jahr 2025 auf emissionsfreies Autofahren umzusteigen, von den deutschen Medien aufgegriffen worden. Auch bei anderen Themen, wie Divestment oder Fahrradvolksbegehren, habe er keine mediale Ablehnung erfahren. Im Zusammenhang mit seiner Mitgliedschaft bei den Tutzinger „Transformateuren“ schnitt Janecek das Problem an, dass es eine Ängstlichkeit gebe, „Botschaften auszusenden, die auch angreifbar sind“. Zum Beispiel weniger Fleisch essen oder weniger Auto fahren. Auch seine Partei habe damit einschlägige Erfahrungen gemacht. Seine persönliche Devise laute aber: „Lassen Sie uns über die Chancen reden“. Daher sollten auch in den Medien „mit aller Kraft die Zukunftsthemen nach vorne gebracht werden“.

Bürger an der Umweltpolitik beteiligen

Auch Christiane Schwarte, die im Bundesumweltministerium in der Grundsatzabteilung tätig ist und früher selbst Pressesprecherin eines Umweltministers war, kam mit der Wahrnehmung: „Ich kann die Diagnose vom Schweigen der Medien nicht teilen“. Sie kenne viele engagierte Medienleute in diesem Bereich. Die Energiewende sei auch eine mediale Erfolgsgeschichte. Schwarte zitierte aber auch eine Untersuchung des Grimme-Instituts, wonach dem deutschen Fernsehen das „Agendasetting für die Nachhaltigkeit“ nicht gelungen sei: „Ausbleibende Wirkungen“. Zwar sei ihr persönlicher Befund nicht so negativ, doch müsse eingeräumt werden, dass allein schon die Zentralbegriffe Nachhaltigkeit und Große Transformation sprachlich „schwer vermittelbar seien“. Hier wären eigentlich (die Grimme-Studie stammt von 2004) neue Untersuchungen zur Situation und Verbesserungsmöglichkeiten nötig.

Die BMU-Vertreterin schilderte weiter, wie ihr Haus neue Ansätze entwickelt, um die Bürger stärker an der Umweltpolitik zu beteiligen. Dies geschehe im Rahmen einer strategischen Neuausrichtung der Umweltpolitik („Agenda für eine integrierte Umweltpolitik bis 2030“), an der gegenwärtig gearbeitet werde. Dazu wurden in sechs Städten „Bürgerräte“ und „Bürgerumweltforen“ veranstaltet, in denen es nicht um Regierungs-PR ging, sondern darum, die Meinungen der Bürger zur Umweltpolitik aus erster Hand zu erfahren. Die am häufigsten diskutierten Themen waren Ernährung, Landwirtschaft und Tierschutz. Das Feedback der Bürger sei gut bis sehr gut gewesen, teilweise auch recht „verbändekritisch“, etwa bei Fragen des Klimaschutzes. Leider sei es so gewesen, dass sich die örtliche Presse, musste Frau Schwarte ihre Medienlob etwas relativieren, „für diese Basisarbeit nicht interessiert“ habe.

Den zweiten Teil dieses Artikel finden Sie hier.

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