Walter Mathes
Bild: Walter Mathes
6. April 2016  /// Editorial Schwerpunkt Ernährung

Editorial: Ernährung und Nachhaltigkeit

In den kommenden Wochen wird sich N21 mit einem neuen Schwerpunkt dem Thema Ernährung widmen. Essen zählt zu den grundlegendsten Bedürfnissen des Menschen. Wie wir uns ernähren beeinflusst unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden und hat auch direkte Auswirkungen auf unsere Umwelt und unseren Planeten. Auch nach dem Abflauen der großen Welternährungskrise steht der Ernährungssektor vor einer ganzen Reihe an lokalen und globalen Herausforderungen. Die wachsende Weltbevölkerung, Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten, steigende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten und Klimawandel sind nur einige Beispiele dafür.


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Ganzheitliche Ernährungssysteme, die die Produktion, den Vertrieb und den Konsum von Nahrungsmitteln beinhalten, zählen zu den Eckpfeilern nachhaltigen Wirtschaftens und eines schonenden Umgangs mit natürlichen Ressourcen. Unsere Ernährungsweise kann nachhaltig gestaltet sein – oder auch nicht. Und dies in sowohl wirtschaftlicher als auch ökologischer und sozialer Hinsicht. Der Weltagrarrat, ein Zusammenschluss von Regierungen, NGOs, Unternehmen und renommierten WissenschafterInnen, hat bereits im Jahr 2008 die erforderlichen Weichenstellungen weg vom industriellen Agrarwachstum und hin zu einer Förderung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und ökologischer Anbaumethoden aufgezeigt. Langfristig zählt die Frage, wie eine auf neun Milliarden angewachsene Menschheit ernährt werden kann, ohne die Ressourcen unseres Planeten dauerhaft über Gebühr zu beanspruchen, zu unseren größten Herausforderungen.

Darüber hinaus ist das Recht auf Nahrung ein seit Jahrzehnten international anerkanntes Menschenrecht und unter anderem im UN-Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte festgeschrieben. Die Frage des Zugangs zu quantitativ ausreichender und qualitativ angemessener Ernährung ist heute in erster Linie eine Frage der Verteilung. Doch obwohl auf unserem Planeten ausreichend Lebensmittel zur Verfügung stehen, ist die Menschheit noch weit davon entfernt, Hunger – gleichbedeutend mit chronischer Unterernährung – in allen Teilen der Erde wirksam zu eliminieren. Unterernährung tritt dann ein, wenn ein Mensch über einen längeren Zeitraum zu wenig Kalorien durch Nahrung aufnimmt, um seinen erforderlichen Tagesbedarf zu decken. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) nennt als Richtwert 1.800 Kilokalorien am Tag.

Auch wenn die Zahl der weltweit Hungernden offiziellen Statistiken zufolge seit einigen Jahren langsam rückläufig ist, gelten laut FAO gegenwärtig immer noch rund 800 Millionen Menschen als chronisch unterernährt. Die Mehrheit davon lebt in Asien, der größten Anteil von Hungernden an der Gesamtbevölkerung findet sich in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Laut Index der Welthungerhilfe ist weltweit jedes vierte Kind durch Unterernährung in seinem Wachstum behindert. Auch nach Europa kehrte der Hunger mit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise zurück. So waren laut Eurostat im Jahr 2011 mehr als ein Viertel aller Kinder akut armutsgefährdet. Die Beendigung von Armut und Hunger standen und stehen gerade deshalb sowohl bei den UN-Milleniumszielen als auch ihren Nachfolgern, den Globalen und damit explizit weltweit geltenden Nachhaltigkeitszielen, an oberster Stelle.

Doch auch auf der gleichsam anderen Seite der “Ernährungsmedaille” zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Einem aktuellen Forschungsbericht zufolge sind weltweit erstmals mehr Menschen fettleibig als untergewichtig. Im Durchschnitt wiegen wir heute rund 1,5 kg mehr als noch vor 40 Jahren. Das Interesse an den Auswirkungen unserer Ernährung rückt deshalb auch in unseren Breitengraden zunehmend in den Fokus von Politik, KonsumentInnen und Unternehmen. Ernährungsgewohnheiten ändern sich und neue Esskulturen entstehen. KonsumentInnen möchten sich über die ökologischen und sozialen Auswirkungen von Produkten informieren und Entscheidungen anhand objektiver und transparenter Kriterien treffen. Die Nachfrage nach nachhaltigen Produkten im Ernährungssektor steigt kontinuierlich an. Nicht alle können jedoch immer frei und selbstbestimmt entscheiden, wie sie sich ernähren wollen. Nicht zuletzt spielen dabei auch bei uns soziale Unterschiede eine gewichtige Rolle.

Das Ernährungsthema berührt unterschiedliche Politikbereiche und betrifft Landwirtschaft, Handel, Umwelt, Energie und Ressourcen ebenso wie Gesundheit und ländliche wie urbane Entwicklung. Auch demokratiepolitische Fragen werden bei den Weichenstellung unserer künftigen Nahrungsmittelproduktion eine wichtige Rolle spielen. Diese verschiedenen Aspekte wollen wir im Rahmen der kommenden Wochen bei N21 in Beiträgen zu den vielfältigen Fragen rund um das Thema Ernährung behandeln und mit unseren LeserInnen diskutieren. Bereits bei der internationalen Konferenz “Wachstum im Wandel”, der sich unser letzter Schwerpunkt widmete, war Ernährung auf den Podien wie im Publikum Thema. Unsere beiden KollegInnen Anna Holl und Christian Hinterberger haben bei der Konferenz mehrere ExpertInnen zum Thema interviewt, darunter Agrarforscher und Alternativnobelpreisträger Hans Herren, Filmemacher Kurt Langbein (“Landraub”) und REWE-Nachhaltigkeitschefin Tanja Dietrich-Hübner. Die dabei entstandenen Kurzfilme bilden ab morgen den Auftakt unserer Reihe.

Im Anschluss macht sich Gastautor Wilfried Bommert Gedanken über einen möglichen Wandel im Bereich Ernährung und wie dies auf politischer Ebene demokratisch initiiert und begleitet werden könnte. Florian Leregger wird sich mit Gemeinschaftsgärten, deren vielfältige Wirkungen auf Wohlbefinden und Lebensqualität sowie ihren Potentialen für die urbane Nahrungsmittelversorgung der Zukunft befassen. Weitere geplante Beiträge widmen sich unter anderem dem Stellenwert von Ernährungssicherheit in der Entwicklungszusammenarbeit, den Zusammenhängen zum globalen Ressourcenverbrauch, neuen Visionen, Ideen und Konzepten auf globaler bis lokaler Ebene, wie etwa Ernährungssouveränität und solidarische Landwirtschaft, sowie Ernährungsgewohnheiten im Rahmen nachhaltiger Lebensstile.

N21 wünscht eine spannende und anregende Lektüre!

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2 Antworten zu “Editorial: Ernährung und Nachhaltigkeit”

  1. seit jahrzehnten praktiziere ich besonders im frühjahr „essen von der wiese“. gerne lade ich hiermit eine oder 2 von euch berichterstatterInnenn ein mich/ uns dabei eine woche lang zu begleiten, wie wir jeden tag rausgehen, um unser essen zu sammeln und es zubereiten. gerne auch beschreiben wir im detail, woher wir die lebensmittel bekommen, die wir nicht selbst erzeugen. weitgehend kommen wir dabei ohne supermarkt aus, was ich als einen wichtigen schritt ansehen aus dieser agrarindustrie rauszukommen. ich freue mich über eine kontaktaufnahme. liebe grüsse, eva schmid

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