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26. Juli 2017  /// Gesellschaft Umwelt

Eine Australierin in der Arktis – Was können Inuit und Aborigines der modernen Welt lehren?

Kalinda Palmer, aboriginale Australierin, besucht Grönland und reflektiert den ökologischen Wandel

In den letzten vier Monaten habe ich als Teilnehmerin einer Delegation von Youth4Arctic beobachtet und erspürt, wie die arktische Landschaft sich verändert. Jeden Tag lösen sich die umgebenden Gletscher in Eisberge auf und werden vom Meer verschlungen, während die wärmende Sonne Leben zu den Menschen und Tieren bringt. Hier kommt einem die Landschaft unantastbar vor: die Berge sind zum Besteigen zu hoch und das Meer zum Eintauchen zu kalt. Die physikalischen Grenzen machen klar, dass diese Landschaft nicht vom Menschen beherrscht werden, sondern nur wahrgenommen und aus der Ferne geschätzt werden kann.

Doch leider ist dies nicht der Fall, denn Grönland wurde gewaltig berührt von den Folgen der industriellen Produktion. Das Klima ändert sich rasant und initiiert eine Kette an gegenwärtigen ökologischen und kulturellen Folgen, die heute schon gesehen und gespürt werden. Mir stellt sich spontan die Frage: warum? Warum haben wir so etwas geschehen lassen? Warum leben wir in einer Welt, die der Natur so feindlich gegenübersteht? Und warum sorge ich mich so sehr um dieses Land, das weit weg ist von meinem eigenen? Meine Suche nach Antworten führten mich zu einem kulturellen Zusammenstoß zwischen den Ureinwohnern Australiens und der Arktis.

Mutter Natur und Mutter der See

Ich bin in Kimberly, im Bundestaat Western Australia aufgewachsen. Dort habe ich oft den Begriff von der ‚Mutter Natur‘ gehört, was bedeutet, der Erde mit Respekt und Sorgfalt zu begegnen. Das Land wird als Elternteil gesehen, das uns nährt und mit uns teilt. In Grönland trägt ‚Mutter Natur‘ den Namen ‚Sassuma Arnaa‘ – die Mutter der See. Beide Kulturen äußern ihre Werte und Ideen durch Geschichten, die man sich erzählt. Meine indigene Kultur hat viele Geschichten, die sich auf die ‚Traumzeit‘ beziehen. Diese Geschichten berichten von von der spirituellen Schöpfung, der Entwicklung der Menschheit und der natürlichen Welt. In Grönland kennzeichnen ähnliche Geschichten die Beziehung zwischen den Menschen und der spirituellen Welt.

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Foto: Youth4Planet

Ich habe die Geschichte von Sassuma Arnaa seit meiner ersten Ankunft in Grönland ständig in mir getragen. Die „Mutter der See“ ist einer der zentralen Erscheinungen in der Inuit-Kultur: sie wohnt am Meeresgrund, beobachtet und beurteilt von dort die Menschen. Wenn einzelne Personen die Natur missachten, indem sie ohne Sorgfalt und Grund Leben töten, dann ist sie von der Unreinheit entehrt, ihre Haare wickeln sich um die Meerestiere und ziehen sie von der Oberfläche zurück. Die Jäger bekommen die Folgen der Handlungen ihrer Gemeinde zu spüren, wenn das Essen knapp wird. Um die Tiere wieder freizusetzen, muss der mächtigste Schamane in ihr Reich eindringen und ihre Haare säubern. So haben die Jäger die Möglichkeit, mit Respekt und Achtsamkeit gegenüber ihren Handlungen wieder für das Überleben ihrer Gemeinden zu sorgen.

Der Nutzen des Totem

Die Moral und die Werte, die in dieser Geschichte eingebettet sind, erinnern mich an die Totem-Gebräuche der Aborigines. In unserer Kultur wird uns von den Stammesältesten unser Totem gegeben, wenn wir noch sehr jung sind. Sie beobachten uns, wie wir in den Flüssen und Buschlandschaften spielen, wie wir gemeinsam mit unserer Familien und Freunden wachsen. Mir wurden die Verantwortung der Regeln und Folgen des Totemismus bewusst, als ich neun Jahre alt war. Ich bekam damals eine Schildkröte und ein Schwarzkopfpython.

Es ist verboten, dem eigenen Totem-Tier Schaden zuzufügen, es zu töten oder zu essen. Sollte ein Mensch dies trotzdem tun, wird sein Körper bluten und er wird krank. Dieser Brauch hat mir nicht nur den Respekt und Wert für die Tiere gelehrt, sondern auch meinen Sinn für Eigenständigkeit, Selbstliebe und Stolz. Durch die Spiritualität vermeiden wir die erweiterte Kluft zwischen Menschen und Tieren. Anstatt den Menschen zu überhöhen und in ein besonderes Licht zu stellen, sind wir stolz auf unsere Totem, sehen die Charakteristiken, Stärken und Schwächen von Tieren als eine Darstellung unserer eigenen Identität.

Ähnlich wie die Aborigines in Australien ihr Land sehen, empfinden die Inuit das Meer als ihren Versorger. Die Erzählungen und die Gebräuche beruhen auf der Idee, dass Menschen auf ihre natürliche Welt achten müssen und dafür sorgen, dass die spirituellen Beziehungen erhalten bleiben. Innerhalb dieser Werte sind Verantwortung, Überleben und Balance die Leitthemen. Die Inuit befürchteten, dass durch ihre eigenen Handlungen Essen knapp wird, ganz ähnlich wie die Aborigines befürchten, dass Krankheiten folgen, wenn sie ihr Totem nicht schützen. Beide Kulturen verstehen, dass ihre Handlungen und Wechselwirkungen mit ihrem Land sowohl gegenwärtige als auch zukünftige Folgen nach sich ziehen werden.

Mischung der Kulturen

Heute sind beide Kulturen mit der westlichen, der modernen Welt verbunden. Die Vor- und Nachteile der Kolonisierung sind überall erkennbar, unter anderem an dem Aussehen der Menschen. Viele Grönländer haben blaue Augen, die sie den Dänen zu verdanken haben, während viele Aborigines eine hellbraune Haut haben. Diejenigen mit heller Haut wurden früher ‚half cast’ genannt, was bedeutet: nur zur Hälfte fertig. Während dieser Ausdruck zwar jetzt kulturell unangebracht ist, erfüllt der Gedanke, eine Mischung aus unterschiedlichen Kulturen zu sein, Grönländer wie Aboriginals zunehmend mit Stolz. Nicht weil es begehrenswert wäre, ‚westlich’ zu sein, sondern aus dem Empfinden, dass wir dazu beitragen, eine neue Welt zu formen, die Tradition, Modernität und Gemeinsamkeit verbindet.

Es geht um das Gefühl der Verbundenheit, sei es mit einem bestimmten Tier oder einer Landschaft. Dieses Gefühl erlaubt uns Mitgefühl und Liebe spüren. Es sind diese starken Gefühle, die mich und andere motivieren, uns gegen die Art und Weise zu stellen, wie die moderne Welt derzeit mit der natürlichen Umwelt umgeht. Das Verständnis, dass meine Kultur, und viele andere Kulturen auch, wie die der Inuit, auf eine nachhaltige und respektvolle Weise leben können und gelebt haben, gibt mir die Hoffnung, dass diese Orientierung auch weitere Verbreitung finden kann. Ohne diese Verbindung und Beziehung zum Leben und zur Natur gehen diese Werte verloren und werden ersetzt durch die Habgier einer ökonomischen Welt, die auf Ausbeutung ausgerichtet ist und dafür das Aussterben von Tierarten und das Verschwinden von indigenen Kulturen in Kauf nimmt.

Die Schönheit der Welt wahrnehmen

Ein großer Anteil der Bevölkerung hat es leider vergessen oder hat es nie gewusst, wie es ist, die natürliche Schönheit und den Frieden zu genießen, der in den Wäldern, den Gletschern und Wüsten gefunden werden kann. Das Wahrnehmen der Schönheit dieser Welt ist ein Schritt näher an dem Verständnis, dass wir zum Überleben diese natürliche Welt wahrlich brauchen. So wie unsere Vorfahren die Bäume für den Sauerstoff brauchten, die Pflanzen als Medizin und die Tiere für die Ernährung.

Auf die Weisheiten der alten Kulturen zu hören, ist weit entfernt von der Weltsicht des industrialisierten, modernen Menschen. Aber wir sollten diese Weisheiten nicht kopieren, sondern uns von ihnen inspirieren lassen.  Man muss kein Aborigine oder Inuit sein, um diese Werte für relevant zu erachten und ihnen zu folgen. Wie mir mein westlicher Vater gezeigt hat, ist jeder Mensch in der Lage, die Umwelt zu schätzen und zu respektieren, egal welcher Herkunft er ist. Indem diese Inspiration verbreitet wird, kann eine Welt entstehen, in der Kultur, Wirtschaft und Umwelt gleichmäßig miteinander verbunden sind.

Das führt mich zur letzten Frage: Warum sorge ich mich um ein Land, das so weit weg ist von meinem eigenen? Das Erkennen der Ähnlichkeiten der zwei Kulturen hat mich zum Auffassung geführt, dass die weite Arktis auch mein Land ist, und dass die Inuit auch meine Familie ist. Wir sind alle Indigene – Eingeborene – auf diesem Planeten.

Die Erde ist unser Zuhause, und unsere Mutter. Wir sollten sie nähren, wie sie uns nährt.

Dieser Beitrag erschien erstmals auf Englisch bei Youth4Planet und ist hier zu finden

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