6. September 2015  /// Gesellschaft Leben

Erfolgsrezept Menschlichkeit

Soziale nachhaltige Entwicklung beinhaltet globales menschliches gerechtes Handeln. Gewalt hat hier keinen Platz. Im Alltag findet sich diese derzeit jedoch mehr denn je.

Denn Gewalt wird aktuell verstärkt für Auflagen- und Reichweitenerhöhung von Medien verwendet – in Form von Bildern von Toten oder Sterbenden. Nicht nur für Heranwachsende wird dies zunehmend zum Problem, auch unter Erwachsenen nehmen dadurch Angstzustände zu.

Auf Newsreportagen mit wiederholenden, sensationellen gewalttätigen Inhalten reagieren wir mit großem Stress. Dies hat ein Team der University of California in Irvine herausgefunden, indem es die Reaktionen von 4.500 Menschen landesweit in den USA nach dem Bombenanschlag beim Boston-Marathon erhoben hat. Das Ergebnis der Studie: Menschen, die sich sechs oder mehr Stunden Nachrichten aussetzten, wiesen mehr akute Stresssymptome auf als Leute, die direkt am Ort des Geschehens waren. Ein Grund für die extreme Reaktion könnte laut Experten sein, dass die Newsberichterstattung in ständiger Wiederholung eine Bilderreihe präsentiert, während man über das Geschehen spricht.

Warum ist es uns nicht möglich, eine Situation herzustellen, wo diese Bilder der Gewalt nicht zustande kommen? Oder anders gesagt, falls Gewalt zustande kommen würde, würde diese sofort offengelegt und gebremst werden. In dem Fall würden alle Menschen rund um uns sofort helfend eingreifen. Warum ist dies nicht der Fall?

Weil Gewalt nicht nur ein Tabu ist, sondern auch ein Schmerz, der eine Schmerzgrenze überschritten hat – und damit ein Phänomen wird, welches uns Angst macht und unsere menschliche Existenz bedroht. Mit dieser Bedrohung haben die meisten von uns nicht gelernt zu leben. Stattdessen haben viele von uns gelernt, zu schweigen und zu über-leben. So wird von Generation zu Generation ein schweigendes Muster im Umgang mit Gewalt vorgelebt.

Bitte um „Abrüstung“

Grauenhafte Bilder von toten Erwachsenen und toten Kindern an den Stränden Europas werden aktuell in der Öffentlichkeit gezeigt. Wer sich dagegen ausspricht, bekommt zur Antwort, dass es um den „Kampf gegen die Beschönigung der Verhältnisse“ geht. Als Vorbild wird in diesen Tagen die weltweite Kampagne gegen den Vietnamkrieg vorgebracht, konkret das Massaker von My Lai.

Um zu verstehen, was Leichtenfotos wie damals in uns bewirken, lohnt sich ein Blick in die Hirn- und Sprachforschung: Was immer wir lesen, sehen oder hören, wird nicht beliebig wahrgenommen oder gespeichert. Unsere Sinneseindrücke im Gehirn werden verarbeitet, indem sie mit früheren Erfahrungen verglichen werden. Unser Gehirn konstruiert dann ein neues Muster. Dieses Muster erfasst die Bedeutung des Stimulus für das zukünftige Verhalten.

Unsere Wahrnehmung ist somit nicht ein Abbild der Realität, sondern alle unsere Wahrnehmungen geschehen im Kontext unserer angeborenen und gelernten Erfahrungen. Das bedeutet, wir spiegeln mit unseren Sinnen nicht die Welt, sondern wir konstruieren mit unseren Gehirnen eine gemeinsame Welt, so erklärt dies der Schweizer Sprachforscher Urs Böschenstein. Jede Form der Berichterstattung, jedes Bild hilft uns bei diesem Prozess der Weltkonstruktion.

Das bedeutet wiederum, Medien übermitteln keine gewalttätigen Informationen, sondern sie verhelfen Lesern, Hörern und Usern dazu, ihre Erfahrungen mit Gewalt zu vergleichen. Bilder mit Leid und Gewalt berühren uns, stressen uns, machen uns Angst. Große Angst. Sie tragen sogar das Potential in sich, viele von uns zu überfordern und zu traumatisieren. Posttraumatische Belastungsstörungen können die Folge sein.

Unser menschliches, evolutionäres Erfolgsrezept zeigt sich stärker

In Form der Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen gegenüber. Tausende Freiwillige helfen den Flüchtlingen in diesen Tagen, besiegen die Angst, motivieren weitere tausende freiwillige Helfer und schaffen ein neues Bewusstsein für unsere Menschlichkeit.

www.psychotherapie-prof-bauer.deDenn weder Krieg, Kampf, noch Gewalt haben uns Menschen in unserer Evolution vorangetrieben, sondern Intelligenz, Kooperation, Geschlechterparität, weitgehender Egalitarismus und kreativer Erfindungsreichtum , so beschreibt dies der Mediziner, Psychotherapeut und Neurologe Joachim Bauer. „Wir sind friedliche, egalitär eingestellte und auf Kooperation ausgerichtete Wesen“. Gelingende soziale Beziehungen sind das A und O unseres Lebens. Unser Trieb, unser Bedürfnis nach Bindung, Gemeinschaft und Zugehörigkeit, motivieren uns und halten uns vital.

Gegenseitiges Vertrauen und gute Zusammenarbeit verbinden uns untereinander. Es reicht schon alleine aus, einem freundlichen und zugewandten Menschen zu begegnen. Von anderen Menschen Vertrauen zu erhalten, sozial akzeptiert und in einer Gemeinschaft integriert zu sein, macht uns glücklich.

Wir streben nach einer fairen Ressourcenverteilung

Das ist unser zentrales menschliches Triebziel. Und noch viel mehr. Wir streben im Grunde unseres Herzens nicht nach Gewinn, Macht und Überlegenheit, sondern nach einer fairen Ressourcenverteilung ganz im Sinne des „egalitarian brain“ oder des „social brain“. Etwas einem anderen Lebewesen zu geben, anderen zu helfen oder Gerechtigkeit walten zu lassen, ist aus der Sicht unseres menschlichen Motivationssystems ein „lohnendes“ Unterfangen. Auch dann, wenn wir kein Geld und keinen Vorteil dafür erhalten, so Bauer weiter.

Nichts spricht dafür, dass wir Menschen kämpfen müssen, dass Gene kämpfen müssen und nichts spricht dafür, dass wir oder unsere Gene Altruismus schlecht und Egoismus gut finden würden. Alles spricht für gelingende Beziehungen als unbewusstes Ziel aller menschlichen Bemühungen.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.