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16. September 2017  /// Bewegung Gesellschaft Politik Wirtschaft

Fairer Handel schafft Perspektiven

Aktionswoche in Deutschland gestartet – Forderungen zur Bundestagswahl

Am 15. September 2017 startete die 16. Faire Woche unter dem Motto „Fairer Handel schafft Perspektiven“. Bis zum 29. September lädt die größte Aktionswoche des Fairen Handels in Deutschland mit mehr als 2.500 Veranstaltungen dazu ein, den Fairen Handel kennenzulernen und aktiv zu werden. Die Faire Woche wird vom Forum Fairer Handel e.V. in Kooperation mit dem Weltladen-Dachverband e.V. und TransFair e.V. veranstaltet.

Ein menschenwürdiges Leben für alle weltweit

Politische Forderungen des Fairen Handels zur Bundestagswahl 2017

Kleines Wahlkreuz mit großer Wirkung. Die Bundestagswahl am 24. September wird für die weitere Entwicklung des Fairen Handels in Deutschland wie auch international von Bedeutung sein. Davon sind das Forum Fairer Handel und der Weltladen-Dachverband überzeugt, weshalb sie gemeinsam „Politische Forderungen des Fairen Handels zur Bundestagswahl 2017“ formuliert haben. In Zeiten, da das Ausland und Menschen von dort, insbesondere Flüchtlinge, in Teilen der Bevölkerung als Bedrohung empfunden und Ängste geschürt werden, sollen den Negativ-Parolen positive Entwürfe eines „menschenwürdigen Lebens für alle weltweit“ entgegengesetzt werden. „Dabei geht es nicht um romantische Träumereien oder Utopien“, heißt es in dem Forderungskatalog, „sondern um Zukunftsbilder, die bis 2021 umsetzbar sind, wenn in den nächsten vier Jahren die notwendigen politischen Maßnahmen ergriffen werden.“

Drei Visionen für die Zukunft trägt der Faire Handel in die politische Arena, die jeweils mit drei konkreten Forderungen an die künftige Regierung untermauert werden:

· Faire Arbeitsbedingungen weltweit

· Eine bäuerliche Landwirtschaft, die alle Menschen ernährt

· Menschenwürdiger Umgang mit allen

Die Vision „fairer Arbeitsbedingungen“ zielt darauf ab, dass die Menschen „weltweit in Würde arbeiten und sich dadurch einen guten Lebensstandard leisten“ können. Dabei geht es neben dem Arbeits- und Unfallschutz auch um die Einhaltung der grundsätzlichen Menschenrechte. Diese „verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflicht“, so eine der politischen Forderungen, müsse „für deutsche Unternehmen entlang ihrer gesamten Lieferkette per Gesetz festgeschrieben werden“. Bei Verstößen sollen Betroffene aus dem Ausland gegen deutsche Unternehmen in Deutschland klagen können.

„Fairer Handel statt Freihandel“, lautet ein weiterer Forderungspunkt. Dabei geht es vor allem darum, die von der Europäische Union mit den afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten geschlossenen bilateralen Handelsabkommen „so schnell wie möglich rückgängig zu machen“. Besonders umstritten sind diese so genannten „Wirtschaftspartnerschaftsabkommen“ (EPA) für den afrikanischen Raum, weil sie dort billigen, weil subventionierten Agrarimporten aus Europa Tür und Tor öffnen, und damit den heimischen Kleinbauern die Absatzmärkte rauben. „Die EPAs machen es den afrikanischen Staaten fast unmöglich, eigene nationale und regionale Binnenmärkte aufzubauen und die Wertschöpfung vor Ort zu steigern“, kritisiert Manuel Blendin, Geschäftsführer des Forum Fairer Handel. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel habe eingestanden, dass einige der Handelsabkommen zwischen der EU und afrikanischen Staaten in die falsche Richtung gehen. Sofort nach der Wahl müsse sich Deutschland in der EU für eine Neuverhandlung der EPA-Verträge einsetzen, fordert Blendin.

Die zweite Vision einer bäuerlichen Landwirtschaft, die ökologische Nahrungsmittel produziert und den Bauern ein gutes Auskommen ermöglicht, kann auch von deutscher Seite unterstützt werden. Die Entwicklungspolitik wie auch die Agrarpolitik sollten vor allem Kleinbauern fördern, zumal ihre Wirtschaftsweise im Unterschied zur industriellen Landwirtschaft einen deutlich höheren Nährwert pro Hektar bei geringeren Dünger- und Energieeinsatz und ebenfalls weniger Umweltschäden produziert. „Die Konzernmacht eindämmen und unfaire Handelspraktiken verbieten“, ist eine weitere politische Forderung der Agrar-Vision.

Das dritte Handlungsfeld zielt auf die Verwirklichung humanitärer Grundwerte, was besonders die aktuelle Flüchtlingspolitik betrifft. Der faire Handel, so die Vision, strebe „eine weltoffene, solidarische Gesellschaft an, die lebenswerte Perspektiven für Schutzsuchende bietet und in der Rassismus und Diskriminierung keinen Platz haben“, heißt es im Forderungskatalog. An konkreten Maßnahmen werden eine „humane und integrative Asylpolitik mit fairen Asylverfahren“ verlangt sowie ein „ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben für Geflüchtete“. Damit ist die Förderung fair hergestellter Produkte im heiß umstittenen Bereich der Innen- und Integrationspolitik angekommen.

Visionen wollen einen weiten Ausblick geben. Auch die „Visionen des Fairen Handels“ reichen weit über den deutschen Wahlgang 2017 hinaus. Sie enthalten die Hoffnung, dass in den fairen Produkten, ihrem Konsum und ihrer Unterstützung, auch ein Stück Weltverbesserung enthalten ist.

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© Forum Fairer Handel e.V./Lukas Klose

Diese Perspektiven will auch die 16. „Faire Woche 2017“ vermitteln, die vom 15. bis 29. September stattfindet. Es handelt sich um die größte Aktionswoche des Fairen Handels in Deutschland, an der sich eine Vielzahl von Weltläden, Fairtrade-Towns, Schulen, Kirchen, Umweltgruppen und Privatpersonen beteiligen. Besuche von Handelspartnern aus dem Globalen Süden bilden den Höhepunkt der Fairen Woche, die mit einem „Coffee Fairday“ endet.

Zahlen zum Fairen Handel in Deutschland

Der Faire Handel bleibt weiter auf Wachstumskurs. 2016 wurde in Deutschland ein Umsatz von 1,3 Milliarden Euro mit Produkten aus fairer Produktion erzielt – 14 Prozent mehr als im Vorjahr. In den letzten vier Jahren hat sich der Umsatz sogar verdoppelt. Faire Produkte sind gefragt.

Als wichtigste Absatzschiene für die mehr als 7.000 Produkte mit dem Fairtrade-Siegel (Lebensmittel und Handwerksprodukte) hat sich der Einzelhandel etabliert: Supermärkte, Discount-Geschäfte und Bioläden, in Teilen auch gastronomische Betriebe. 80 Prozent des Umsatzes (1,05 Mrd Euro) wurden hier generiert. Die Fair-Handels-Importeure erreichten mit fair gehandelten Waren einen Umsatz von 190 Mio Euro; ein Anstieg um 2,5 Prozent. Die Importeure haben am gesamten Umsatz des Fairen Handels eine Anteil von rund 15 Prozent, der in den letzten Jahren im wesentlichen gleich blieb. Dritte Absatzschiene sind die rund 800 „Weltläden“ in Deutschland und der Verkauf über Weltgruppen. Sie machten 2016 einen Umsatz von 77 Mio Euor, der jedoch nur geringfügig über dem Ergebnis des Vorjahres (76 Mio). Die Weltläden sind die Fachgeschäfte des Fairen Handels mit der größten Auswahl an Lebensmitteln und Handwerksprodukten.

Das beliebteste faire Produkt ist unangefochten der Kaffee, mit einem Umsatz-Anteil von 36 Prozent. Jeder dritte faire Euro wird für den braunen Muntermacher ausgegeben. Die Südfrüchte wie Bananen, Ananas und Mango, kommen auf einen Anteil von 11 Prozent – bei starken Wachstumsraten in den letzten Jahren (2010: 11.200 t, 2016: 77.400 t). Andere Lebensmittel sind mit 17 Prozent beteiligt, Blumen 9 Prozent, Schokolade 4 Prozent. Textilien kommen auf einen Anteil von 6 Prozent, Kunsthandwerk 3 Prozent. Nicht alle fairen Produkte stammen aus südlichen Ländern. Aus dem „Globalen Norden“, vorwiegend Deutschland, werden Milch, Mehl und Backwaren geliefert und machen fünf Prozent am Gesamtumsatz des Fairen Handels aus.

Faire Produkte: Handelsorganisationen und Produktsiegel

Eigentlich unfair: Der Begriff „fair“ ist gesetzlich nicht geschützt. Darum gibt es in Produktion und Handel eine Vielzahl von Kennzeichnungen und Labels, die auf Verbraucherseite mitunter schon für Verwirrung sorgen können. Ein kleiner Führer durch den Dschungel der Siegel und Zeichen.

Die Basis-Definition: Als „fair“ gelten Produkte, bei deren Herstellung die Menschen- und Arbeitsrechte der Produzent*innen gewahrt und die Umweltressourcen geschont werden. Dafür wurden einheitliche Standards (Fairtrade-Standards) definiert, deren Einhaltung überwacht werden. So müssen sich zum Beispiel in den Herstellerländern die Kleinproduzenten in Organisationen zusammenschließen, damit demokratische Teilhabe, Transparenz und Nichtdiskriminierung einzelner Mitglieder oder sozialer Gruppen sicherstellt sind. Größere Plantagen und Verarbeitungsfirmen sind verpflichtet, ihren Beschäftigten soziale Rechte und Sicherung zu bieten. Dazu zählen das Verbot von Kinderarbeit, Einhaltung der Arbeitsgesetz, gewerkschaftliche Organisationsfreiheit und Kollektivverträge, die Möglichkeit zur Weiterbildung, existenzsichernde Löhne.

Das wichtigste Bindeglied zwischen den bäuerlichen Produzenten vor Ort und den Endverbrauchern sind die „Fair-Handels-Importeure“. Die größte Import-Organisation ist die GEPA, die mit mehr als 150 Genossenschaften in Afrika, Asien, Lateinamerika und auch in Europa zusammenarbeitet. Die GEPA-Produkte – Lebensmittel, Handwerksartikel, Textilien – werden mit eigenem Kennzeichen in Weltläden, vielen Supermärkten und Bioläden angeboten. Weitere Importorganisationen sind „El Puente – Partnerschaftlicher Welthandel“, die dwp eG Fairhandelsgenossenschaft mit Sitz in Ravensburg, BananFair e.V und die GLOBO Fair Trade Partner GmbH. Als Dachverband fungiert seit 2013 der Fair-Band Bundesverband für fairen Import und Vertrieb, dem sich über 30 kleine und mittlere Importeure und Handelsorganisationen angeschlossen haben. Darüber gibt es auf internationaler Ebene die World Fair Trade Organization (WFTO), die ebenfalls ein Label an Unternehmen vergibt, die alle Kriterien des Fairen Handels erfüllen.

Für den Verbraucher schließlich sind die Produkt-Siegel am wichtigsten, kann er doch über sie im Laden-Regal erkennen, ob er es mit einem fair hergestellten Produkt zu tun hat. Die häufigsten Siegel sind das schwarz-blau-grüne „Fairtrade“-Emblem des Vereins Trans-Fair (Fairtrade Deutschland) , die grüne „Naturland Fair“-Kennzeichnung sowie die Label von „Ecocert“ und „fair for life“. Alle anerkannten Siegel arbeiten nach den international definierten Fair-Handels-Prinzipien. „Naturland“ kennzeichnet mit seinem Qualitätssiegel seit sechs Jahren auch Produkte von deutschen Bauernhöfen, wenn die „fairen“ Kriterien erfüllt sind, darunter Milchprodukte und Backwaren.

Weitere Informationen:

https://www.faire-woche.de/die-faire-woche/faire-woche-2017/

https://www.forum-fairer-handel.de/fairer-handel/

Im Veranstaltungskalender zur Fairen Woche haben Sie alle Veranstaltungen der diesjährigen Fairen Woche im Blick. Hier können Sie sich alle Termine auf einer Karte oder in der Listenansicht übersichtlich anzeigen lassen und nach Kategorie oder Veranstaltungsort filtern.

https://www.faire-woche.de/veranstaltungen/?plzort=

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