Susanne Wolf und Fairtrade
Bild: Susanne Wolf und Fairtrade
13. September 2015  /// Bewegung Gesellschaft

Fairtrade: Im Einklang mit der Natur

Rund um Marcala, Honduras, befindet sich ein traditionsreiches Kaffeegebiet. Wie Fairtrade dort gelebt wird, zeigt die Kooperative COMSA.

fairtrade„Wir müssen die Verbindung zur Natur wiederfinden!“ Fredy Perez erklärt den Besuchern der Finca Fortaleza, worum es bei COMSA geht. Umgeben von sattem Grün, erzählt der Kaffeefarmer von seinem eigenen Zugang zu Fairtrade: ursprünglich herkömmlicher Kaffeebauer, sah Perez eines Tages ein Video über Umweltzerstörung. Das Video war Teil einer Aufklärungskampagne von COMSA, Fairtrade-zertifizierter Kaffeegenossenschaft in Marcala, Honduras. Damals wurde dem Kaffefarmer klar: „Wenn Pestizide alles in ihrer Nähe abtöten, töten sie letztendlich auch mich.“ Grund genug für Perez, auf Bio-Anbau umzustellen und Mitglied von COMSA zu werden.

fredy_kinderHeute leitet der 35-Jährige die Finca Fortaleza, „Übungsfarm“ von COMSA. Hier werden Farmer im Bio-Anbau geschult und lernen Alternativen zum Kaffeeanbau wie etwa Bienenzucht kennen. Selbst aus dem benachbarten Ausland reisen Interessierte an, um sich hier zu informieren. Biologischer Kaffee wird auf der Finca Fortaleza unter Pfirsichbäumen und Zedern angebaut, dazu Bio-Salate, Gemüse und Obst aller Art. Das Herzstück der Farm ist jedoch die Herstellung des eigenen Düngers: Aus Ernteabfällen und organischem Material entsteht das flüssige oder feste „Gold“, mit Mineralien aus gemahlenen Steinen oder Muscheln angereichert. „Alles, was wir für die Bio-Landwirtschaft brauchen, ist bereits vorhanden“, ergänzt Perez.

Wachsende Gemeinschaft

Wir befinden uns im Hochland von Honduras; es ist Regenzeit und die leuchtenden Grüntöne der Pflanzenwelt sind überwältigend. faitradeDie Kaffeeernte, die hier von November bis April stattfindet, ist bereits vorbei. Marcala ist das traditionsreichste Kaffeeanbaugebiet des kleinen mittelamerikanischen Landes, schon vor über 100 Jahren bauten deutsche Auswanderer hier Kaffee an und gaben ihr Wissen an die Nachkommen der Lenkas, Ureinwohner von Honduras, weiter.

Susanne WolfCOMSA wurde 2001 mitten in einer der schlimmsten Kaffeekrisen der letzten Jahrzehnte gegründet. Die Kaffeepreise erlangten einen historischen Tiefstand, die Weltmarktpreise deckten nicht einmal die Hälfte der Produktionskosten. In dieser Zeit gingen die vorhandenen Kaffeekooperativen in Marcala in Konkurs oder lösten sich einfach auf. Auch COMSA kämpfte am Anfang mit großen Problemen, die größte Schwierigkeit war die Vorfinanzierung der Ernte für die Mitglieder. Auch fehlende internationale Märkte waren eine Herausforderung. Erst als die Genossenschaft die Fairtrade-Zertifizierung erlangte, wendete sich das Blatt. Seither wächst die Organisation, die heute 830 Mitglieder zählt und sich mit Leib und Seele der Biolandwirtschaft verschrieben hat: 600 Mitglieder sind Bio-zertifiziert.

Natürliche Pflanzenschutzmittel

faitradeKaffeebauern wie Mario Perez, Mitbegründer von COMSA, profitieren von der Mitgliedschaft, sind aber auch aufgefordert, sich einzubringen. „Von Fairtrade-Bauern wird erwartet, ihr Denken zu ändern“, sagt Perez, der gemeinsam mit seinem Sohn Mario Jr. die Finca Cascavelles leitet. Der 20-Jährige zeigt uns, wo die Kaffeepflanzen mitten im Wald wachsen. Er erzählt, dass die Folgen des Klimawandels auch hier spürbar seien: früher dauerte die Regenzeit von Mai bis November, in den letzten Jahren regnete es jedoch insgesamt viel weniger. Mit steigenden Temperaturen reift der Kaffee schneller, was zu einem Abfall in der Qualität führt.

Susanne WolfDazu kommt die allgegenwärtige Gefahr von „La Roya“, einem Pilz, der unter anderem von stark wechselhafter Witterung verursacht wird: Eine Kaffeerost-Epidemie vor einigen Jahren brachte viele Farmer an den Rand ihrer Existenz. Ein Ernteverlust von 30-40 Prozent im Jahr 2013 war die Folge. Heute hat man Möglichkeiten gefunden, La Roya vorzubeugen, mit natürlichen Mitteln: Die Kaffeesträucher werden mit Mineralien bespritzt, um die Pflanzen zu stärken und so den Pilz abzuwehren. COMSA unterbricht damit den sonst üblichen Kreislauf aus chemikalischer Behandlung und finanzieller Abhängigkeiten.

Bio-Landwirtschaft

fairtradeSo negativ sich der Kaffeerost auf die Kaffeefarmer auswirkte, so eröffnete er doch neue Perspektiven, da sie gezwungen waren, sich nach Alternativen umzusehen. Eine davon war der Bio-Anbau von Obst und Gemüse und in weiterer Folge der Bio-Markt von COMSA, der jeden Sonntag in Marcala stattfindet. Hier werden Tomaten, Zwiebel, Käse, aber auch Hühner aus Bio-Landwirtschaft angeboten. Die Preise sind bewusst denen von herkömmlichen Produkten angeglichen – was den Markt bei der Bevölkerung sehr beliebt macht. Auch die Bienenzucht auf der Finca Fortaleza und anderen Farmen war eine direkte Folge von La Roya, um Alternativen zum Kaffeeanbau zu schaffen.

Sonia Alejandra Medinas Kaffeepflanzen wurden ebenfalls Opfer von La Roya, ihre gesamte Ernte wurde 2013 dadurch zerstört. faitradeDoña Sonia, die dem indigenen Volk der Lenka angehört und als deren spirituelle Führerin gilt, erbte neun Hektar Land von ihrem verstorbenen Mann, mit dem sie acht Kinder großzog. Der Schaden durch den weit verbreiteten Pilzbefall war so groß, dass der Staat finanzielle Unterstützungsprogramme für Kleinbauern ins Leben rief. Sonia nutzte mit Hilfe ihrer gleichnamigen Tochter die Finanzierung, um den Kaffee neu anzupflanzen. „Wir haben nach den biologischen Erkenntnissen von COMSA gearbeitet”, sagt Doña Sonia stolz. Einige Kaffeepflanzen tragen nach weniger als zwei Jahren schon die ersten Fruchtstände. „Dank Fairtrade erhalten wir einen höheren Preis“, ergänzt die 68-Jährige, die sonst Vereine und Politk ablehnt. Doch von COMSA ist sie überzeugt: „Die Fairtrade-Prämie erreicht die Menschen und schweißt uns zusammen.“

faitradeFairtrade wirkt

Über die Verwendung der Fairtrade-Prämien wird innerhalb von COMSA gemeinschaftlich entschieden. Großer Wert wird dabei auf Bildung gelegt: „Wir können Honduras verändern, wenn wir unseren Kindern Bildung ermöglichen¨, sagt Rudolfo Peñalba, Geschäftsführer von COMSA. Viele arme Familien schicken ihre Kinder nicht in die Schule, weil sie ihre Hilfe auf der Farm benötigen – und weil ihnen Bildung nicht wichtig erscheint.

faitradeSogar eine eigene Radiosendung, in der es Unterricht für Kinder und Jugendliche gibt, hat die Kooperative ins Leben gerufen. Und COMSA setzt schon bei den Kleinsten an: Gemeinsam mit Jeny, 11, Axel, 8 und Mildred, 11 stellt Fredy Perez auf der Finca Fortaleza mit Hilfe von Mikroorganismen und Melasse das Wundermittel MM her. Es wirkt als Dünger oder Medizin gegen verschiedenste Krankheiten. Landwirtschaft im Einklang mit der Natur wird hier groß geschrieben.

faitradePläne hat COMSA viele: den Ausbau der Biolandwirtschaft und Schulungen, kindliche Früherziehung oder Unterstützung von Schulen. Ein besonderes Anliegen ist auch die Gleichstellung der Frau, wofür ein eigenes Gender-Committee gegründet wurde. „Frauen werden etwa in Form von Kleinkrediten unterstützt“, sagt Joselina Maunueles, Leiterin des Gender-Committees. Fredy Perez kann seinen Sohn dank der Fairtrade-Prämie auf eine bilinguale Schule schicken. „Fairtrade hat unser aller Leben verändert.“

Zahlen und Fakten

Kaffee ist nach Erdöl weltweit der zweitwichtigste Exportrohstoff, 2014 wurden weltweit 16.500 Tonnen Rohkaffee eingekauft. Über 25 Millionen Menschen sind weltweit mit Anbau, Verarbeitung und Handel von Kaffee beschäftigt. 70-80 Prozent des Kaffees wird von Kleinbauern produziert, deren Wohlergehen vom jeweils erzielbaren Verkaufspreis abhängt. Kaffee wird an der Börse gehandelt, seit dem Zusammenbruch des Kaffeeabkommens 1989 haben die Preisschwankungen stark zugenommen. Fairtrade sorgt für stabile Mindestpreise und bessere Arbeitsbedingungen für Kaffeebauern.

Der Fairtrade-Mindestpreis für gewaschenen Arabica-Kaffee liegt momentan bei 1,40 UDS pro Pfund; für biologisch angebauten Kaffee erhalten die Bauern zusätzlich einen Aufschlag von 30 US-Cents/Pfund. Darüber hinaus unterstützt die Fairtrade-Prämie (20US-Cents/Pfund) Kooperativen bei sozialen Projekten oder Projekten zur wirtschaftlichen Weiterentwicklung.

75 Prozent des weltweit gehandelten Fairtrade-Kaffees kommt aus Lateinamerika und der Karibik.

Es gibt zwei Sorten von Kaffee: Robusta und Arabica. In Honduras wird Arabica-Kaffee angebaut, der nur in höheren Lagen wächst; er gilt als hochwertiger als der Robusta-Kaffee. In Honduras beträgt der Anteil der Kaffeeexporte am Gesamtexportvolumen 20 Prozent.

Der COMSA-Kaffee wird in erster Linie nach Europa und hier vor allem nach Deutschland exportiert. Er steht für Café Organico de Marcala Sociedad Anonima. Sein Umsatz betrug im Jahr 2014 11,9 Millionen US-Dollar. www.cafeorganicomarcala.net/

Fotocredits: Fairtrade und Susanne Wolf

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