"Spreading homo sapiens" by NordNordWest (Public Domain)
Bild: "Spreading homo sapiens" by NordNordWest (Public Domain)
27. September 2015  /// Gesellschaft Klima Welt

Fluchtgrund Klimawandel

Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Wanderungsbewegungen. Migration findet meist innerhalb eines Landes statt, oder Menschen ziehen in Nachbarländer um. Da der Hauptschauplatz solcher Wanderungsbewegungen heute die Länder des Globalen Südens sind, ist dieses Geschehen nur selten Gegenstand von Berichterstattung.

Freiwillige oder unfreiwillige Migration?

2013 waren rund drei Prozent der Weltbevölkerung MigrantInnen (ca. 232 Millionen Menschen). Aber nur ein Teil von ihnen war auf der Flucht. Und noch nie waren es so viele wie 2014. Das UN-Flüchtlingshochkommisariat UNHCR spricht aktuell von 60 Millionen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

In den vergangenen Tagen und Wochen haben sich täglich Tausende durch Ungarn und Österreich hindurch bis nach Deutschland „durchgeschlagen“. Die meisten kommen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder Somalia, die schon lange Schauplätze von Bürgerkriegen sind und deren Konflikte für uns oft nur noch schwer nachvollziehbar sind. Viele wurden bei uns von Teilen der Bevölkerung sehr verständnisvoll aufgenommen.

Die komplexen Zusammenhänge zwischen dem Phänomen der Migration und ihren Ursachen sind vielfach unklar. Neben Krieg und Gewalt gibt es viele andere Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen. „Die Gründe für Migration lassen sich in der Praxis kaum auseinandersortieren“, sagt die Umweltsystemwissenschaftlerin Jill Jäger, die sich schon vor Jahren intensiv mit dem Thema forcierter Migration auseinandergesetzt und eine Reihe von Studien in einem 2010 veröffentlichten Buch zusammengefasst hat. „Nehmen wir das Beispiel Kirgisien. Dort ist nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zunächst die Wirtschaft zusammengebrochen, was über eine Bodenverschlechterung zu Ernährungskrisen geführt hat. Wer kann dann schon sagen, ob die dadurch verursachte Migration primär politisch, wirtschaftlich oder ökologisch verursacht wurde.“

Prognose Klimaflucht

Die Migrationsforschung beschäftigt sich schon lange mit den Ursachen und den Folgen von Migration. Und sie geht davon aus, dass neben der kriegerischen Gewalt, deren Ausmaß und Folgen nicht vorhersehbar sind, die umweltbedingte Migration in Zukunft eine wachsende Rolle spielen wird. So prognostizieren einschlägige Studien zwischen 25 Millionen und einer Milliarde „Klimaflüchtlinge“ in den nächsten 40 bis 50 Jahren. Auch wenn diese Zahlen mit großer Vorsicht zu betrachten sind, so zeigt sich doch deutlich, dass es sich bei den zunehmenden Trockenperioden, Küstenüberschwemmungen, Wasserverschmutzungen und -knappheiten sowie Bodenverlusten nicht nur um reine ökologische Probleme handelt. Darüber hinaus ist ein Teil dieser Entwicklungen „menschengemacht“.

Der Komplexität dieses Geschehens versucht die Migrationswissenschaft mit dem Begriff des “Migrations-Umwelt-Nexus” gerecht zu werden. Eine allgemeingültige Definition der Begriffe „Klimaflüchtling“ und „Umweltflüchtling“ gibt es bisher noch nicht. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) definiert das Phänomen behelfsmäßig als “Personen oder Personengruppen, die sich infolge plötzlicher oder voranschreitender Umweltveränderungen, die ihre Lebensbedingungen nachteilig verändern, veranlasst sehen, ihre Heimat vorübergehend oder auf Dauer zu verlassen und entweder innerhalb ihres Landes oder ins Ausland migrieren”.[1]

Beispiel Maissaat in Guatemala

Wenn im zentralamerikanischen Guatemala Anfang Mai die ersten grauen Wolkentürme aufziehen, freuen sich die KleinbäuerInnen. Dann ist es Zeit, den Mais auszusäen, das Hauptnahrungsmittel in der Region. In den letzten Jahren hat sich der Zyklus des Regens jedoch merklich verändert. Es regnet kürzer, aber intensiver, und es kommt immer öfter zu längeren Trockenperioden. Für die jungen Maispflanzen hat das verheerende Auswirkungen. Stimmt die Ernte nicht, entfällt die Ernährungsgrundlage für viele Familien. Hunger und Mangelernährung sind die Folge. Diese Familien gehören damit heute schon zu dem Teil der Weltbevölkerung, der vom Klimawandel besonders stark betroffen ist. Die Frage stellt sich, ob diese  Menschen demnächst zu Klimaflüchtlingen werden?

Anfangs wurde das Thema Klima-Migration von der Wissenschaft noch eng mit Sicherheitsfragen verknüpft. Der IPCC, der Zwischenstaatliche Ausschuss über Klimaveränderungen, warnte Anfang der 1990er Jahre davor, dass es infolge des Klimawandels zu mehr Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen und dadurch zu Wanderungsbewegungen kommen werde. Inzwischen sind die WissenschaftlerInnen vorsichtiger geworden. Auch die These, dass Einwanderung zwangsläufig zu Umweltzerstörung, Ressourcenverknappung und Konflikten führt, lässt sich nicht verallgemeinern. Es gibt auch Beweise für das Gegenteil. So konnten einige Gemeinden in Nordwestafrika die Folgen des Klimawandels mit Hilfe der Investitionen von MigrantInnen sogar besser bewältigen.[2]

Hilfreiche Vernetzungsdichte und Veränderungsgeschwindigkeit

Neue soziale Netzwerke und der Transfer von Wissen, Geld und Technologien, die mit Migrationsbewegungen einhergehen, können sich ausgesprochen positiv auswirken. Dies gilt sowohl für die Regionen, die MigrantInnen aufnehmen, als auch für Länder die einen Teil ihrer Bevölkerung durch Migration verlieren. Die Weltbank schätzte die Rücküberweisungen von MigrantInnen in ihre Heimatländer im Jahr 2014 auf insgesamt 436 Milliarden US-Dollar.

Nicht nur aus der Perspektive der Betroffenen bietet Migration für manche Ursprungsgemeinden eine der Chancen zur Anpassung, auch an nicht klimabedingte Umweltveränderungen. Dennoch ist Auswanderung für den oder die einzelne oft der letzte Ausweg. Jill Jäger unterstreicht die Bedeutung einer ganzheitlichen Betrachtung der Ursachen von Migration. „Wir sehen, dass dort, wo solche Probleme ganzheitlich, also ökonomisch, ökologisch und gesellschaftlich, also im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung angegangen werden, die Menschen am ehesten die Möglichkeit haben, in ihrer Heimat zu bleiben“, so die Wissenschaftlerin.

Notwendige Anpassungsstrategien

Internationale Organisationen wie das UNHCR befassen sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie mit dem Thema „Klimaflüchtlinge“ umgegangen werden soll. Die Europäische Kommission geht derzeit in ihren Veröffentlichungen davon aus, dass der größte Teil der Klimaflüchtlinge in ihren Regionen bleiben wird. Zugleich bezeichnet sie Migration aber auch als eine legitime Strategie zur Bewältigung des Klimawandels. In einigen Dokumenten geht sie sogar noch einen Schritt weiter: Sie empfiehlt, Mobilität und Arbeitsmigration als eine sinnvolle Anpassungsstrategie zu fördern.[3]

 

Quellen und weitere Informationen:

  • The Hamburg Conference Declaration 2013: Actions for Climate-Induced Migrationhttp://www.climate-service-center.de/imperia/md/content/csc/workshopdokumente/hamburgconference/hamburg_declaration_final.pdf
  • Klimanavigator 2015: Klimawandel und Migration: http://www.klimanavigator.de/dossier/dossiers/057759/index.php

[1] publications.iom.int/bookstore/free/migration_and_environment.pdf

[2] www.klimanavigator.de/dossier/artikel/057989/index.php

[3] ec.europa.eu/europeaid/sites/devco/files/swd-2013-138_en_12.pdf

Eine Antwort zu “Fluchtgrund Klimawandel”

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.