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2. September 2015  /// Gastkommentar Gesellschaft

Flüchtlingsdebatte: Fällige Lektionen

Gastkommentar Claus Reitan

Das ist doppelt bitter: Für die Lektionen, die wir zu lernen hätten, zahlen die Flüchtlinge und einige von ihnen mit dem höchsten Preis, ihrem Leben. Wir schulden jenen Hilfe, denen noch geholfen werden kann. Und wir sollten sehr etwas rascher lernen.

Wenn es die Umstände in ihren Ländern sind, die sie zur Flucht geradezu zwingen, dann sind diese Umstände zu ändern. Die Bekenntnisse und Pläne für Frieden und Gerechtigkeit liegen längst vor. Jeder kann Schritte am Weg zu den Milleniumszielen setzen. Jede und jeder kann täglich die Nachhaltigkeits-Ziele der Vereinten Nationen anstreben. Keiner kann sich darauf ausreden, nichts von der Lage der Welt und dem möglichen eigenen Beitrag zu ihrer Verbesserung gehört zu haben. Jede und jeder hat die Wahl, entscheidet sich jedoch zu oft für die Ausrede.

Die naheliegenden Reaktionen auf den Tod Hunderter Flüchtlinge zu Land und zu Wasser liegen in moralischer Entrüstung und Zuweisung von Schuld. Darin sind der Populismus und die Boulevardmedien einig Brüder und Schwestern, allerdings im bösen Geiste. Sie diskutieren den Standort von Zelten, die schon längst aufgestellt sein sollten. Sie verlangen Zäune gegen Flüchtlinge und Jagd nach Schleppern.

Die Folge dieser Holt-die-Polizei-Parolen? Die Österreicher sind ängstlicher als ihre Nachbarn, und in Österreich fürchten sich die Leser von Boulevardmedien mehr vor Kriminalität als jene von Qualitätstiteln. Angst ist jedoch ein schlechter Ratgeber, erst recht kein Lehrmeister. Doch das Ressentiment von Populismus und Boulevard macht das öffentliche Gespräch so primitiv wie seine Wortführer. Es ist daher nicht so komplex, wie es die Lage erfordert. So lange das so ist, zahlen andere für die Lektionen, die wir zu lernen hätten. Hunderte von ihnen mit dem höchsten Preis.

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