fhi
Bild: fhi
19. September 2015  /// Gesellschaft Wirtschaft

Forschung für eine gleichere Verteilung

Gestern wurde an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien ein neues Institut eröffnet: das Forschungsinstitut „Economics of Inequality (INEQ)“. Im übervollen Festsaal freuten sich Rektorat, ProfessorInnen und Studierende, aber auch Vertreter der Politik und aus Verbänden, Institutionen und Organisationen darüber, dass diese Forschung jetzt auch institutionell verankert ist.

Es sei der Schlussstein des Rektorats von Christoph Badelt, sagte ORF-Journalistin Rosa Lyon in ihrer Anmoderation. Rektor Badelt: „Eine Wirtschaftsuniversität muss über gesellschaftlich relevante Themen forschen.“

Rethinking economy“ war ja schon das Motto zur Eröffnung des neuen Campus der WU am Wiener Welthandelsplatz. Das ganze Spektrum gesellschaftspolitisch relevanter Themen und Positionen müssen abgedeckt werden.

WU
Der neue WU-Campus in Wien (Foto: fhi)

Ein interdisiplinäres Forschungsgebiet

Die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen ist weltweit aber auch in Österreich in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen. Das neue Institut müsse auch Lösungsvorschläge machen, wie man in der Politik  darauf reagieren kann, um diese Schere wieder zu schließen, sagte WU-Rektor Badelt. Die Zahl der Besucher dieser Institutseröffnung sei ein Symbol für das große Interesse an solchen Fragestellungen.

Initiiert wurde und geleitet wird das Institut von Wilfried Altzinger gemeinsam mit seinen ProfessorInnen-Kolleginnen Sigrid Stagl und Karin Heitzmann. Sie stellten ein sehr umfassendes Programm vor, das von empirischen Studien zur Verteilungssituation über die Zusammenhänge von Umwelt und Verteilung innerhalb unserer Generation und über die Generationen hinweg in die Zukunft, aber auch von Region zu Region, zwischen Frauen und Männern bis hin zu ganz konkreten Politikvorschlägen reichen.

Publikum
Das Publikum war am Freitag zahlreich. (Foto: fhi)

Wie schnell die Schere auseinander geht, zeigte in seiner Key Note Michael Förster von der OECD. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat erst vor einigen Monaten in einer viel beachteten Publikation darauf hingewiesen, dass die zunehmende Ungleichheit die Wirtschaft eher bremst als beflügelt. Das Verhältnis der Einkommen der reichsten 10% zu dem der ärmsten 10% beträgt in den OECD-Ländern heute 10:1 und ist seit den 1980er-Jahren, als es noch 7:1 betrug, kontinuierlich gestiegen.

Vor allem prekäre Beschäftigungsverhältnisse tragen in allen OECD-Ländern dazu bei, dass zwar die Beschäftigung zunimmt, aber eben auch die Ungleichheit. Und das in reicheren Ländern überdurchschnittlich. Vor allem ärmere Haushalte bis hinein in die Mittelschicht fallen zurück und damit reduzieren sich auch ihre Chancen, in die Zukunft zu investieren – was sie selbst, aber auch die Wirtschaft als Ganzes weiter schwäche. Daher stimme auch das Argument konservativer Ökonomen nicht, dass die Umverteilung ärmerer Bevölkerungskreise das Wirtschaftswachstum gefährde.

Wie die Schere wieder geschlossen werden kann

Dabei gilt: je mehr Frauen am Erwerbsleben teilnehmen, desto geringer die Ungleichheit. Vor allem Vollzeitarbeitsmöglichkeiten für Frauen sollten daher von der Arbeitsmarktpolitik gefördert werden, so Förster. Neben der Zahl sei auch die Qualität der Arbeitsplätze entscheidend: „more and better jobs“, wie es sich ja auch die EU auf ihre Fahnen geheftet habe, stehen aber in der konkreten Wirtschaftspolitik Europas schon länger nicht mehr ganz oben auf der Tagesordnung. Ähnliches gilt für eine Bildung, die möglichst gleiche Chancen für alle anstrebt – und zwar von den ersten Lebensjahren an.

Schließlich könne eine Verbesserung der Steuer- und Transfersysteme (also Sozialleistungen) für eine effizientere Umverteilung genutzt werden, sagte Förster.

Highlight des Nachmittags war dann der Festvortrag des Doyens der europäischen Ungleichheitsforschung, so Rosa Lyon, Sir Anthony B. Atkinson, der seit über 30 Jahren in London und Oxford an diesem Thema forscht und soeben ein Buch mit dem Titel „Inequality – What Can Be Done?” veröffentlicht hat. Gerade die vor uns stehende technische Entwicklung, die immer weniger Arbeit für die Produktion und Verteilung hochwertiger Produkte benötigt, wird – so Atkinson – die Entwicklung in Zukunft noch verschärfen.

Atkinson
Der Brite Anthony Atkinson forscht bereits seit über 30 Jahren zum Thema „Ungleichheit“. (Foto: fhi)

What can be done?

Drei Politikbereiche (von insgesamt 15, die er in seinem Buch behandelt) sprach Atkinson in seinem Vortrag an, mit denen die Ungleichheit verringert werden könnte,  wenn – und mehrmals betonte er dieses „wenn“ – eine solche Umverteilung gewünscht sei: Steuern und Sozialleistungen, Beschäftigungspoltitk sowie die Verteilung des Kapitals. Zu diesen Möglichkeiten gehöre auch ein Bürgergeld, also ein Grundeinkommen, wie es in der gerade laufenden internationalen „Woche des Grundeinkommens“ ja von vielen zivilgesellschaftlichen Gruppen gefordert wird.

Auch wenn Atkinson sein Bürgergeld eher nicht so „bedingungslos“ fordern würde wie die Aktivisten der Grundeinkommenswoche, deren Anliegen wir in dieser Woche ausführlich dokumentierten, ist es doch ein wichtige Forderung. Im Zusammenhang mit vielen anderen seiner Umverteilungsvorschläge durchaus radikal, folgte Atkinsons Vortrag großer Applaus von den Zuhörern – darunter immerhin auch Sozialminister Hundstorfer, Vertreter der Nationalbank und anderer staatstragender Organisationen.

It can be done! Das neue Forschungsinstitut kann sie und uns als Zivilgesellschaft dabei unterstützen, dafür zu sorgen, dass es auch getan wird.

Links:

4 Antworten zu “Forschung für eine gleichere Verteilung”

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.