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29. September 2015  /// Gesellschaft Wirtschaft

Für eine neue Geldordnung

Gastkommentar von Raimund Dietz

Der Menschheit ist mit Geld ein Werkzeug hinzugewachsen, das ihr ermöglicht, Großgesellschaften zu bilden, in relativem Frieden zu leben, den Einzelnen große Spielräume bei der Entfaltung ihrer Lebenspläne zu eröffnen und Wohlstand zu bilden, der noch vor wenigen Jahrhunderten undenkbar erschien. Der durch Geld ermöglichte und durch Geld getriebene Prozess ist aber nicht nur mit großen Chancen, sondern auch mit großen Risiken verbunden. Beispiele sind die Umweltzerstörung, verursacht vom permanenten im Geldsystem angelegten Wachstumsdruck, und die Finanzkrise, ausgelöst durch unsinnige, aufgeblähte Vermögenswerte, denen entsprechend große Schuldenbelastungen gegenüberstehen. Der nötige Solidarzusammenhang wird auch durch die permanente Umverteilung zugunsten der bereits übermäßig Wohlhabenden zerstört.

Der Volksmund sagt: „Geld regiert die Welt.“ Aber dem Geld darf die „Regierung“ nicht überlassen werden, da es aus sich heraus zur Verselbstständigung neigt und aus sich heraus weder Rücksicht auf Natur noch auf Verteilungsgerechtigkeit nimmt.

Auch wenn Geld das Gesicht der Welt radikal ändert, ist die Menschheit der Herausforderung, die Geld praktisch und geistig darstellt, bisher nicht gerecht geworden. Mit wenigen, aber bisher verkannten Ausnahmen reagierte die Menschheit mit Ignoranz und Ablehnung auf Geld. Im letzten Jahrhundert, als sich Geld als Medium der Gesellschaftsbildung endgültig gegen feudale Verhältnisse durchgesetzt hatte, gab es mit Kommunismus und Faschismus zwei mächtige Gegenbewegungen. Der erste behauptete, eine bessere Gesellschaft ohne Geld schaffen zu können – das Opfer dieser Idee etwa 100 Millionen Tote. Letzterer versuchte „die Juden“, auf die die Gesellschaft die Erledigung „schmutziger“ Geldfunktionen übertragen hatte, auszurotten.

Die Geldignoranz bzw. der Geldhass sind Ausdruck des Widerstands der Bürgergesellschaft gegen sich selbst. D.h., die Bürgergesellschaft hat noch keine Identität mit sich gefunden.

In Anlehnung an das Weltbild der klassischen Naturwissenschaften tut die Wirtschaftstheorie so, als ob die Wirtschaft ein geschlossenes mechanisches System wäre. Dem aber ist nicht so. Wirtschaft ist zwar ein spontanes Gebilde, aber wir haben durchaus Gestaltungsräume, ja, um das System – die Bürgergesellschaft, das Beste, was die Menschheit bisher entwickelte – zu erhalten und weiterzuentwickeln, müssen wir gestalten. Dazu muss man aber wissen, wie das Wirtschaftssystem als Geldsystem funktioniert. An diesem Wissen aber hapert es. Jeder will zwar mehr Geld verdienen, aber kaum jemand interessiert sich dafür, wie das Geldsystem funktioniert und wie die Wirtschaft als Geldwirtschaft funktioniert. Die Wirtschaftswissenschaften modellieren Wirtschaft im Allgemeinen so, als ob Geld keine Rolle spielen würde.

Die Geldvergessenheit der Theorie paart sich mit der Geldversessenheit der Individuen. Trotz der Wirkungsmächtigkeit des Geldes ist Geld eines der großen Tabus. Je mehr wir es verdrängen, desto mehr aber beherrscht es uns.

Die Bürgergesellschaft – wir alle sind Bürger (!) – muss (endlich) Kompetenz über eines ihrer zentralen Medien erlangen. Zur Erhaltung und Humanisierung und zu einem ökologisch verantwortlichem Umgang mit diesen Lebenswelten darf man an Geld nicht vorbeigehen. Geldreform ist daher Teil der Gesellschaftsreform. Die Bürgergesellschaft braucht ein funktionierendes, d.h. nicht hypertrophes Geldwesen. Geldreform ist für die Bürgergesellschaft eine permanente Aufgabe.

Über den Autor

Ökonom, Systemforscher, Geldphilosoph Raimund Dietz, Dipl. Volkswirt, Dr. rer. pol., geb. 25.08.1944, humanistisches Gymnasium (Österreich), Studium der Wirtschafswissenschaften, Politischen Ökonomie und Mathematik in Berlin, Langjähriger Mitarbeiter am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, Konsulent osteuropäischer Regierungen, Aufsichtsratstätigkeit, Coach und Trainer, Lehrtätigkeit, Autor etlicher Bücher, darunter: Geld und Schuld ‑ eine ökonomische Theorie der Gesellschaft, Marburg: Metropolis-Verlag 2015, 4., überarbeitete Auflage, 438 S.

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