30. September 2015  /// Gastkommentar Politik Umwelt Wirtschaft

Für eine Politik der Suffizienz

Gastkommentar von Manfred Linz

Nach weithin akzeptiertem Verständnis ruht Nachhaltigkeit, und mit ihr die Überlebensfähigkeit der menschlichen Zivilisation, auf den drei Säulen Effizienz, Konsistenz und Suffizienz. Effizienz richtet sich auf die ergiebige Nutzung von Materie und Energie. Konsistenz sucht naturverträgliche Technologien, die die Ökosysteme nutzen, ohne sie zu zerstören. Suffizienz erstrebt einen geringeren Verbrauch von Ressourcen durch eine verringerte Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, so weit die letzteren Material und Energie verbrauchen.

Suffizienz im Sinne dieses Textes ist also die bewusste und beabsichtigte Verringerung des Bedarfes an Energie, vor allem fossiler Herkunft, an endlichen Rohstoffen und an Fläche. Suffizienzpolitik richtet sich auf ihre Begrenzung in Produktion und Konsum durch fördernde und verpflichtende Maßnahmen der öffentlichen Hand.

Es gibt inzwischen viele Initiativen, suffizientes Leben und Wirtschaften in die Öffentlichkeit zu tragen, um für sie Aufmerksamkeit zu gewinnen und für sie zu werben. Mit ihnen, so ist die Hoffnung, kehrt Bedachtsamkeit zurück, Selbstbegrenzung wird als Gewinn erfahren. Simplify your Life! ist eines der Losungsworte.

Freilich: Die freiwillig Veränderungsbereiten bilden in einer Gesellschaft wie der unsrigen eine Minderheit von 10 oder auch 15 Prozent, und sie sind vor allem in den sozialen Mittelschichten zu finden. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist viel fester eingebunden in ihre soziale Lebenswelt, viel stärker durch Milieu und Gewohnheiten festgelegt, also weit weniger beweglich. Diese Mehrheit lässt sich nicht einfach als Person dazu aufrufen, anders besser zu leben. Aber auch das Verhältnis der Bereitwilligen zur Suffizienz bleibt gespalten. Auch bei ihnen entstehen Widersprüche zwischen Einsichten und Wünschen und zwischen Wünschen und konkurrierenden Wünschen (etwa zur CO2-Verminderung beizutragen und doch in den Urlaub zu fliegen). Gerade bezüglich der Suffizienz zeigen dieselben Menschen hier Betroffenheit und dort Indifferenz, verändern einiges in ihrem Leben und anderes nicht, sind eifriger bei den leichten Veränderungen als bei den einschneidenden.

Die oben erwähnten Initiativen wie alle vergleichbaren Bemühungen um soziales Lernen und alle unternehmerischen Experimente sind darum wichtig als Anreger, Treiber, Verstärker, Mutmacher. Die Fermentierung der Gesellschaft mit neuem Denken und neuen Erfahrungen ist unverzichtbar. Dennoch ist die Chance gering, dass ein energetisch verantwortlicher Lebensstil sich allein aus persönlicher Einsicht durchsetzen wird. Wirksame Suffizienz, also die aussagekräftige Verringerung des Bedarfes an Energie und Rohstoffen, lässt sich mit all diesen Impulsen vorbereiten – die ganze Gesellschaft wird sie aus den genannten Gründen nur erreichen, wenn sie politisch zur Geltung gebracht wird.

Ein gestaltender Staat

Das bedeutet: Die öffentliche Hand wird durch Ermöglichen und Fördern wie durch Gesetze und Verordnungen den Raum abstecken, in dem Freiheit herrschen kann. Sie wird erneuernde Potentiale begünstigen und den Ordnungsrahmen für sie schaffen. Er wird ein bestimmtes Verhalten mit Anreizen ermutigen und ein anderes mit Belastungen entmutigen. Steuern und Abgaben werden erhöht und schädigende Subventionen und Vergünstigungen werden beendet werden müssen. Inzwischen liegt ein Katalog von 30 konkreten Suffizienzpolitiken vor und ist unter http://wupperinst.org/info/detai/wi/a/s/ad/2854/ vom Publikationsserver des Wuppertal Institutes kostenfrei abzurufen.

Diese Untersuchung konzentriert sich dabei auf einen Ausschnitt der Nachhaltigkeit, der besondere Dringlichkeit hat. Es ist einmal die Notwendigkeit, die Erwärmung der Erdatmosphäre bei zwei Grad über dem Stand zu Beginn der Industrialisierung (um 1850) zu beenden und darum die Emittierung von Treibhausgasen aus fossilen Energiequellen in wenigen Jahrzehnten um 80 bis 95 Prozent zu senken. Es sind zweitens die strategisch knappen Rohstoffe, die so sparsam wie möglich eingesetzt werden müssen, um auf lange Zeit lebensnotwendige Produktionen zu gewährleisten.

Der Katalog ist nicht nach Sachgebieten aufgebaut, sondern nach Eingriffstiefe und vermutlicher Akzeptanz der Maßnahmen. Im ersten Abschnitt stehen Politiken, die wohl die Zustimmung des größten Teils der Bevölkerung finden werden, weil sie ihr Leben erleichtern oder jedenfalls nicht beschweren werden. Ihr Ertrag für den Klimaschutz und die Ressourcenschonung ist freilich begrenzt.

Der zweite Teil enthält Politiken, die Umstellungen und neues Nachdenken erfordern, die einen spürbaren Eingriff in das Gängige und so gern Gewählte bedeuten, für die Routinen gewechselt und neue Gewohnheiten gefunden werden müssen, die aber keinen tiefgreifenden Wandel der Lebensweise erfordern. Ihr Beitrag zum Erhalt der Natur fällt durchaus ins Gewicht.

Im dritten Teil stehen die Politiken, die in das gewohnte Leben und Wirtschaften eingreifen, die ein gründliches Umdenken und die auch Verzichte fordern. Dafür leisten sie einen entscheidenden Beitrag zum Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen.

Der Katalog will einen Überblick geben, worüber in einem der Nachhaltigkeit verpflichteten Teil der Gesellschaft nachgedacht wird. Über die mit den jeweiligen Politiken zu erreichenden Einsparungen, über ihre ökonomischen Konsequenzen und ihre sozialen Auswirkungen kann diese Aufstellung nur grobe Angaben machen. Um ihre Wirksamkeit, also ihre Stärken wie ihre Schwächen, im Einzelnen zu ermitteln, sind detaillierte Untersuchungen nötig.

Die drei Einsprüche

Während Effizienz und Konsistenz breite Zustimmung finden, weil sie Verbesserungen ohne Verzicht und sogar mit Wirtschaftswachstum versprechen, begegnet die Suffizienz deutlicher Reserve. Das gilt nicht, solange sie als persönliche Lebensweise gewählt wird. Da ist maßvolles Leben hoch geachtet. Eine als politische Aufgabe verstandene Suffizienz sieht sich dagegen lebhaftem Widerspruch ausgesetzt.

Es sind drei Einsprüche, die einer politisch verstandenen Suffizienz entgegengehalten werden. Die Vorbehalte lauten: Suffizienz sei 1) unzureichend, sie sei 2) undurchsetzbar und sie verletze 3) die der Demokratie so wichtige Entscheidungsfreiheit der Menschen.

1. Einspruch:  Suffizienz sei mengenorientiert und möge damit einen bescheidenen Beitrag zur Nachhaltigkeit erbringen, bleibe aber weit hinter der heute zu leistenden Aufgabe zurück, für eine weiter wachsende Menschheit die Naturproduktivität zu erhöhen. Das könne nur einem ökologisch modernisierten Industriesystem gelingen. Ein Konsumverzicht werde den von ihren Anhängern vorhergesagten ökologischen Kollaps nur unwesentlich hinauszögern.

Darauf ist zu entgegnen: Suffizienz versteht sich nicht als Alternative zu technologischen Innovationen, sondern sieht sich als mit Effizienz und vor allem mit Konsistenz zusammengehörig. Die Menschheit wird, um überleben zu können, auf naturverträgliche Technologien elementar angewiesen sein, und zwar so umfassend wie möglich. Nur: Mit Ausnahme der Sonnen- und Windenergie sind die grundlegenden Konsistenz-Technologien Vorhaben der Zukunft. Sie existieren als Pilotprojekte oder in kleinem Maßstab und haben für ihre großtechnische Anwendung nach dem gegenwärtigen Stand des Wissens lange Planungs- und Entwicklungszeiten vor sich. Für die ökologisch entscheidenden Jahrzehnte vor uns werden sie voraussichtlich nur eine begrenzte Wirkung entfalten.

Auch weiß niemand, ob sich alle Erwartungen, die sich mit den Konsistenztechnologien verbinden, auch erfüllen werden, ob sie wirklich so frei von Nebenwirkungen und Gefahren sein werden, wie ihre Protagonisten voraussagen. Auch die industrielle Ökologie ist nicht ressourcenneutral. Auch in ihr wird Materie aufgebraucht und werden Schadstoffe emittiert. Nicht alle Reste können zu Rohstoffen neuer Produkte werden. Vor allem aber bleibt in dem oben genannten Einspruch der wichtigste Beitrag der Suffizienz zur Nachhaltigkeit unerkannt. Nicht das Volumen der Einsparung ist ihr entscheidender Anteil, so unentbehrlich er ist, vielmehr das veränderte Denken und Verhalten: ein neues Verständnis von Werten und Wohlstand, die Einfriedung der Bedürfnisse, die Freiheit zum Genug, die Anerkenntnis von Grenzen der Inanspruchnahme der Natur. Auch wenn diese Erneuerung sich nicht als freiwilliger Entschluss, sondern erst als eine aus Verpflichtung entstehende Einsicht durchsetzen wird, ändert das nichts an dem fundamentalen Wandel, den sie herbeiführt.

2. Einspruch: Der zweite Einspruch lautet: Suffizienz sei ohne Aussicht auf Verwirklichung. Sie sei ein idealistischer Ansatz, den Einzelne sich zu Eigen machen mögen, der aber als Tugend einer ganzen Gesellschaft nicht anschlussfähig sei. Sie plädiere für materielle Bescheidenheit, für eine andere Art von Reichtum in einer mehr geistigen Wertorientierung. Diese Umwertung der Werte habe in der Breite der Bevölkerung keine Chance – vor allem nicht im globalen Maßstab. Das sich weltweit ausbreitende Konsumstreben auf einer materialistischen Wertebasis mache Suffizienz aussichtslos.

Auch wenn Suffizienz den meisten Menschen unerwünscht ist – sie wird unausweichlich werden. An zwei Feldern lässt sich die Unentbehrlichkeit der Bescheidung der wohlhabenden Kulturen zeigen. Einmal am Klimawandel. Energie-Effizienz und Erneuerbare Energien allein können technologisch möglicherweise in Deutschland und Europa, in Japan und den USA die Emission der Treibhausgase auf ein unschädliches Maß reduzieren, nicht jedoch global, weil in weiten Teilen der Erde Kohle und Gas (zusammen mit der Atomenergie) noch auf Jahrzehnte hin die vorherrschenden Energiequellen und damit die Haupttreiber des Klimawandels bleiben werden. Auch wenn Energie-Effizienz und Erneuerbare Energien forciert werden – ohne Einschränkung des Bedarfs an Energiedienstleistungen ist die Begrenzung der globalen Emissionen in der Nähe des 2° – Limits nicht mehr zu erreichen.

Auch die Sicherung der Welternährung wird ohne Suffizienz nicht gelingen. Dass die Erde auch 9 Milliarden Menschen ernähren kann, mag richtig sein, ist aber eine rein theoretische Aussage. Faktisch stößt das System der intensiven, auf fossile Energie gestützten Landwirtschaft an seine Grenzen und verursacht schwere Schäden. Die Fruchtbarkeit der Böden schwindet, die Wasserreserven schrumpfen, Monokulturen gefährden die Sicherheit der Ernten, die industrielle Methode trägt massiv zur Klimabelastung bei, während der Klimawandel seinerseits bis zu einem Drittel die Ernten bedroht. Aus all diesen Gründen wird sich die Nahrung anhaltend verteuern und damit für immer mehr Menschen unbezahlbar werden. Der hohe Fleischverzehr und der Überkonsum an Kalorien in den wohlhabenden Schichten weltweit wie die gewaltigen Verluste in der Nahrungskette schwächen weiterhin die Nahrungsgrundlage. Der Ausweg aus der offenen Schere schwindender Erträge und steigender Nachfrage ist eine ökologische und regionalisierte Landwirtschaft, Hand in Hand mit einem Verzicht auf industrielle Agro-Energie, einem verringerten Fleischkonsum, dem Vorrang saisonaler Produkte und einem Ende der Wegwerfmentalität – allesamt erhebliche Suffizienz-Elemente, die, um wirksam zu werden, eine verbindliche Regulierung benötigen.

3. Einspruch: Sobald es um verpflichtende Suffizienz geht, muss sie sich drittens dem Vorwurf stellen, sie verletze die Entscheidungsfreiheit der Menschen und sei darum in einer Demokratie unerträglich. Nun ist gemeinsame Einsicht, dass ein Zusammenleben der Menschen ohne Einschränkung der Freiheit der Einzelnen nicht gelingen kann. Erst die Begrenzung der Freiheit ist ihre Ermöglichung. Darum heißt es in Artikel 2 des Grundgesetzes: »Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt.« Wo Menschen zusammenleben, muss es für das Miteinander Regeln und damit Verpflichtungen geben, die eine mit dem Gemeinwohl unverträgliche Freiheit beschränken. Das ist jedem verständigen Menschen klar, und darum gibt es gegen das Strafgesetzbuch so wenig grundsätzlichen Widerspruch wie gegen die Straßenverkehrsordnung. Auch im alltäglichen Leben und schon vor jedem Suffizienzbezug sind Freiheiten eingeschränkt: das Waffenverbot, die Geschwindigkeitsbegrenzungen, und als frisches Beispiel ist hier das Rauchverbot in öffentlichen Räumen zu nennen. Immer dort wo und immer dann wenn es das gedeihliche Zusammenleben erfordert, muss das Freiheitsverlangen der Einzelnen zurückstehen.

In dieser kritischen Situation ist die Menschheit, was den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen betrifft. Weil sie hoch gefährdet sind, weil der Schutz des Klimas und damit das Wohlergehen unserer Kinder und Enkel von der Abkehr von fossilen Energiequellen abhängt, kann die Nutzung der Energie nicht der freiwilligen Einsicht der Einzelnen überlassen bleiben, sondern braucht, was Art und Menge angeht, verbindliche Setzungen. Ähnliches gilt für die strategischen Rohstoffe, die sich allmählich erschöpfen, wenngleich unterschiedlich schnell, und für die nicht vermehrbare Fläche.

Wird es denn überhaupt gehen?

Die Einbettung der Suffizienz in die Gesellschaft ist, wie aus den vorhergehenden Abschnitten erkennbar wird, kein leichtes Vorhaben. Alle Einsicht und alle Einübung verhindern nicht, dass Politiken, die sich auf die Begrenzung des Energie- und Ressourcenverbrauchs richten, in der gegenwärtigen Situation neben mancher Zustimmung auf Widerspruch und dazu auf ausgeprägte Uneinsicht stoßen.

Haben Suffizienzpolitiken dann überhaupt Aussicht auf Verwirklichung? Können für verpflichtende Suffizienz in Deutschland Mehrheiten zustande kommen? Für die leichteren durchaus, schon jetzt oder doch in naher Zukunft, weil sie erkennbare Vorteile enthalten, kaum sensible Bereiche berühren oder jedenfalls auf Einsicht hoffen können. Gleiches gilt für die Anfangsschritte der tiefer eingreifenden Suffizienzpolitiken. In ihrer vollen Ausprägung sind sie freilich gegenwärtig wohl nicht durchzusetzen. Die Klimaschäden haben bisher weder unser Territorium noch unser Bewusstsein spürbar genug erreicht. Es ist auch zu erwarten, dass es nicht zuerst die selbst erlebten Klimakatastrophen sein werden, die die Industrieländer zu einer handlungsbereiten Einsicht bringen, sondern der Rückstoß der Schäden in den warmen Erdzonen, die Bodenzerstörung dort, der Wassermangel, die Revolten gegen den Hunger, die daraus entstehen. Der zu erwartende Unfrieden in der Welt und die erfahrene Unmöglichkeit, sich gegen den organisierten Protest derer zu schützen, die ihr Elend nicht mehr hinnehmen, wird möglicherweise zu einer latenten Einsicht und Veränderungsbereitschaft in der Wahlbevölkerung der gemäßigten Zonen führen.

http://wupperinst.orgÜber den Autor

Dr. Manfred Linz ist freier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie im ProjektZentrum Berlin. Er hat das Studium der Theologie und Sozialwissenschaften absolviert. Seine Arbeitsschwerpunte liegen in der Öko-Suffizienz und Lebensqualität und dem Sozialen Lernen. Infos: wupperinst.org

Suffizienz als politische Praxis – Ein Katalog: Wuppertal Spezial 49 zum Download verfügbar: Der von Manfred Linz zusammengestellte Katalog von Suffizienzpolitiken ist nicht nach Sachgebieten aufgebaut, sondern nach Eingriffstiefe und vermutlicher Akzeptanz der Maßnahmen. Die von ihm vorgestellten 30 Politiken bilden keine erschöpfende Aufstellung. Es sind Beispiele, Stellvertreter, ein Strauß von Möglichkeiten sehr unterschiedlicher Reichweite. Zusammengefasst und mit einer Einführung von Manfred Linz versehen.

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