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8. Juli 2017  /// Bewegung Politik Wirtschaft

G20-Gipfel: „Weltordnung am Kipppunkt“

Interview mit Dirk Messner über die Kommunikation der Großen Transformation

Der G20-Gipfel der führenden Wirtschaftsnationen in Hamburg ist aus Sicht von Wissenschaftlern des Think-Tank-20-Verbundes von „historischer Signifikanz“ für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft und der internationalen Politik. „Noch nie war es so klar wie heute, dass die Welt komplett ökonomisch integriert und verflochten ist“, sagte Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in einem Pressegespräch in Berlin. Zugleich ergäben sich daraus viele Effekte, wie Finanzkrise, Migration, Terrorismus, Digitalisierung, die national nicht zu lösen sind, während Instrumente für die internationale Handlungsebene noch ausreichend fehlten.

Für Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn, steht die internationale Weltordnung derzeit „an einem Kipppunkt“. „‘Our Country First‘-Ideologien untergraben die Grundlagen des Multilateralismus, ohne die eine eng vernetzte Weltwirtschaft nicht funktionieren kann. Es wäre wichtig, wenn beim G20-Gipfel deutlich würde, dass dies von den allermeisten G20-Regierungschefs auch so gesehen wird“, sagte Messner. Zur internationalen Klimapolitik äußerte er sich mit den Worten: „Die US-Regierung hat entschieden, das Klimaabkommen von Paris zu verlassen. Umso wichtiger ist es, dass die die G20-Staaten, wie viele US-Bundesstaaten, beim Klimaschutz voranschreiten und ihn als Modernisierungsprojekt der Weltwirtschaft nutzen“.

Snower und Messner leiten während der deutschen G20-Präsidentschaft die offiziell mandatierten T20 (http://www.t20germany.org/), einem Zusammenschluss von Think Tanks der G20-Länder mit dem Ziel, forschungsbasierte Politikempfehlungen an die G20-Entscheider auszusprechen. Die T20 haben zentrale Herausforderungen für die G20 formuliert und Lösungsvorschläge entwickelt, die sie Ende Mai auf dem T20-Gipfel „Global Solutions“ unter dem Leitmotiv „Recoupling the world“ der Bundesregierung überreicht haben.

 Links:

Die G20-Insights-Plattform bietet Zugriff auf alle Politikvorschläge der T20 und weiterer Institute für die G20 in zwölf Politikfeldern: http://www.g20-insights.org/

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20170704_130822Zur Kommunikation der Großen Transformation

Interview mit Dirk Messner, Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE)

Frage: In der kommenden Woche findet in Berlin-Schwanenwerder eine Konferenz über die Kommunikation der Großen Transformation statt. Was ist Ihre Meinung: Gelingt die Kommunikation über ein so komplexes Thema?

Messner: Die schlechte Nachricht ist, dass ein großer Teil der Bevölkerung gar nicht weiß, was es mit der „Agenda 2030“ der Vereinten Nationen auf sich hat. In den europäischen Ländern liegt der Anteil der Menschen, die noch nie von den SDGs (Sustainable Development Goals) gehört haben, zwischen 80 und 90 Prozent. Wir haben es da ganz offensichtlich mit einem Kommunikationsdefizit zu tun. Die Agenda 2030 müsste den gleichen Bekanntheitsgrad wie die Erklärung der Menschenrechte habe.

Eine zweite Beobachtung, die ich mache, ist die, dass die deutsche Regierung die 2030-Agenda áktiv benutzt, um die eigene Nachhaltigkeitsstrategie vonanzubringen und sie mit Gesellschaft und Wissenschaft zu vernetzen. Das sieht man in dieser Weise in keinem einem anderen Land in Europa und auch nicht international. Da passieren in Deutschland derzeit interessante Dinge.

Die dritte Beobachtung ist, dass wir es sich im wesentlichen mit Aktivitäten der Exekutive zu tun haben. Im Parlament findet die Debatte kaum statt. Wir müssen uns deshalb anstrengen, dass die Parlamentarier, die diesen Agenda-Prozess antreiben sollten, sich mit dem Thema stärker auseinandersetzen als dies bisher der Fall ist. Gegenwärtig ist die Exekutive den Parlamentariern weit voraus.

Aber im Deutschen Bundestag gibt es doch einen Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung.

Aber der ist randständig. Dessen Status muss noch gestärkt werden. Und die Diskussionen im parlamentarischen Raum sind einfach noch unterentwickelt. Gegenwärtig wird der Prozess der nachhaltigen Entwicklung in Deutschland viel stärker von der Exekutive als von der Legislative getrieben.

Zurück zu den Medien. Wird nach Ihrer Einschätzung heute mehr über Themen der Transformation, des globalen Wandels, des Anthropozäns, berichtet als früher. Oder eher weniger?

Ich glaube, wir haben immer noch eine überschaubare Zahl von Journalisten, die sich hauptberuflich mit der Thematik beschäftigen. Es sind vielleicht 15 oder 20, schätze ich. Also Journalisten, die sich wirklich intensiv mit diesen Themen beschäftigen, die sich auskennen und in Qualitätsmedien dazu berichten. Eine relativ kleine Gruppe.

Ein weiterer Trend scheint mir zu sein, – so wie es bei den Grünen auf politischer Ebene passiert ist, wo viele Öko-Themen bei den anderen Parteien eingesickert sind – dass diese Themen in den Medien plötzlich auch im Wirtschaftsteil auftauchen oder im Politikteil. Es ist eine Art von Mainstreaming-Phänomen, was ja positiv ist. Mainstreaming kann aber andererseits auch bedeuten, dass das Ambitionsniveau gesenkt wird. Das vermindert auch die Dynamik, die es in der Gesellschaft bräuchte, um die große Transformation hinzubekommen. Und bei den digitalen Medien ist festzustellen, dass ein Großteil der Diskussion in Echoräumen stattfindet. Auch die Vertreter der Großen Transformation, wie Sie und ich, wir sind in unseren Echoräumen unterwegs. Wir müssen es erreichen, daraus auszubrechen und auch in andere gesellschaftliche Gruppen auszustrahlen, die wir noch nicht erreicht haben, ja in die Bevölkerung insgesamt.

Haben Sie Erkenntnisse zu diesem Thema der medialen Verbreitung aus anderen Ländern?

Unser Referenzinstitut in Großbritannien ist das Overseas Development Institute. In diesem Institut werden bei jedem wissenschaftlichen Projekt 20 Prozent der Mittel für Kommunikation und Diffusion ausgegeben. Bei uns sind es keine fünf Prozent. Auch in den USA hat das World Resources Institute eine sehr professionelle Struktur, wie Kommunikation betrieben und auf diesem Wege unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen erreicht werden. Bei uns in Deutschland ist das noch nicht so richtig verankert. Ich will aber erwähnen, dass das DIE eine Gruppe für den Aufgabenbereich Kommunikation und Diffusion aufgebaut hat. Vor zehn Jahren waren wir bei null, heute haben wir dazu sieben Personen beschäftigt. Das ist ein Versuch, um das, was wir wissenschaftlich produzieren, an die Akteure heranzutragen und an Instanzen, mit denen wir ins Gespräch kommen möchten.

(Die Fragen stellte Manfred Ronzheimer)

Zur Schwanenwerder-Konferenz: Programm und Anmeldung:

http://www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/systeme/ffu/aktuell/17_06_tagungsankuendigung.html

 www.eaberlin.de/seminars/data/2017/wir/fortschritt-im-kreislauf

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