CC0 Public Domain (by geralt/Pixabay.com)
Bild: CC0 Public Domain (by geralt/Pixabay.com)
12. Januar 2018  /// Gastkommentar Gesellschaft Wirtschaft

Gedanken im Januar: Prozente

Gastbeitrag von Meinhard Miegel

Das Symbol für Prozente, das uns in der Produktwerbung fortwährend entgegenstrahlt, ist zu einem magischen Zeichen geworden. Seine Botschaft: Hier geschieht Gutes. Der Anbieter von Gütern oder Diensten verlangt vom Nachfrager weniger als er eigentlich verlangen könnte.

Eine noble Haltung, die allerdings in neuerer Zeit Ausmaße angenommen hat, die nachdenklich stimmen sollten. Zwanzig oder dreißig Prozent sind beinahe zur Regel geworden und sechzig oder siebzig Prozent keine Seltenheit mehr. Und Prozente gibt es immer und überall – als Vorweihnachts-, Weihnachts- oder Nachweihnachtsbonus, bei Sortimentsumstellungen, Geschäftsverlegungen oder Firmenjubiläen oder einfach nur so. Einen Anlass gibt es immer.

Ginge es hier mit rechten Dingen zu, müssten die Wirtschaft und namentlich der Handel längst an Auszehrung zu Grunde gegangen sein. Aber nichts dergleichen ist zu beobachten. Mehr noch: Je generöser sich die Anbieter geben, desto üppiger gedeihen sie.

Nun gibt es zweifellos Fälle, in denen einem redlichen Kaufmann das Wasser bis zum Halse steht und er seine Ware um fast jeden Preis losschlagen muss. Die Regel ist dies allerdings nicht. In der Regel ist die Welt der Prozente, Rabatte und Vergünstigungen eine Welt chronischer Überproduktion und verstopfter Vertriebswege, eine Welt der Mondpreise, Nepper, Gaukler und im Ergebnis übervorteilten Verbraucher oder kurz, eine aus den Fugen geratene, kranke Welt.

Bei Gelegenheiten wie Weihnachten ist dies trefflich zu besichtigen. Der Stellenwert solcher Feste bemisst sich fast nur noch nach den getätigten Umsätzen. Sind diese hoch, ist alles in Ordnung. Anderenfalls ist es ein trauriges Fest. Aber die Menschen sind ja willig. Pro Kopf gaben sie in Deutschland 2017 fast 500 Euro für Geschenke aus – abzüglich Prozenten versteht sich.

Wo aber ist in Gesellschaften, in denen selbst einstmals kirchliche Feste kaum noch etwas anderes sind als rauschhafte, mit allen Mitteln der Vertriebstechnik angekurbelte Konsumorgien, die Ritze, durch die noch etwas anderes dringen kann? Gewiss gibt es Menschen, die sich von diesen mehr oder weniger abgewandt haben, und ihre Zahl scheint sogar zu steigen. Aber der Weg von hier bis hin zu einer Geisteshaltung, die über den einzelnen hinausweist, ist weit.

Menschen haben um diese Geisteshaltung gerungen, seitdem sie sich ihrer selbst bewusst wurden. Sonderlich erfolgreich waren sie damit jedoch nicht. Jedenfalls dröhnen sich heute die meisten mit dem Allerbanalsten zu, mit Dingen, die sie kaum zufriedener, geschweige denn glücklicher machen. Sie haben verlernt, innezuhalten und ihre eigentlichen, auch spirituellen Bedürfnisse zu erkennen.

Ein kleines Experiment mag hilfreich sein: für eine Weile konsequent Augen und Ohren vor jenen verführerischen Rabatten, Prozenten, Sales und Sonderaktionen verschließen und nur das erwerben, was man wirklich braucht. Das könnte nicht nur eine Erholung für den eigenen Geldbeutel sein, sondern zugleich auch ein Anreiz für eine sachgerechtere Preisgestaltung mit weniger aufgeblähten Phantasiepreisen und -rabatten. Das wäre nicht zuletzt ein Beitrag zu einem redlicheren, faireren Markt und eine große kulturelle Leistung.

Meinhard Miegel ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung kulturelle Erneuerung. Nach Tätigkeiten in der Wirtschaft und Politik leitete er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG BONN) und anschließend das Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung. Darüber hinaus lehrte er an der Universität Leipzig und war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Einrichtungen. Er ist Verfasser vieler Bücher und Publikationen im Bereich von Wirtschaft und Gesellschaft.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich hier und wurde hier auf N21 mit der Erlaubnis des Verfassers noch einmal geteilt.

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