Verein Monetative e.V.
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7. September 2015  /// Bewegung Wirtschaft

Geldsystem und Nachhaltigkeit

Gastbeitrag von Klaus Karwat

Mehr und mehr wird erkannt, dass für die Frage der Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftssystems auch die Frage eine Rolle spielt, wie das Geldsystem gestaltet ist. Und dabei spielt eine besonders wichtige Rolle, wie Geld überhaupt geschaffen/geschöpft/emittiert wird. Dies ist weder naturgegeben noch unveränderliches Schicksal, sondern eine politisch-ökonomische Vereinbarung, die große Auswirkungen hat und deshalb in einer Demokratie von den entsprechenden Gremien getroffen und intensiv diskutiert werden sollte.

Fatalerweise herrschen über die Frage der Geldschöpfung in der Bevölkerung, in der Wirtschaftswissenschaft, der Politik und sogar innerhalb des Bankwesens Missverständnisse und Halbwissen: Meistens wird davon ausgegangen, dass die Zentralbank die einzige Stelle ist, die Geld schaffen darf, und dass die Geschäftsbanken dieses Geld lediglich weiterverleihen. Dies trifft allerdings nur auf Bargeld zu, das tatsächlich nur von der Zentralbank in Umlauf gebracht werden darf. Bargeld wird heute aber aufgrund der technischen Neuerungen des Informationszeitalters (Computer, Smartphones etc.) immer weniger verwendet. Die heute vorherrschende Geldart ist das elektronische Giralgeld: Jeder hat heute ein Girokonto, um seine wichtigsten finanziellen Transaktionen abzuwickeln. Die wenigsten von uns wissen aber, dass das Giralgeld ausschließlich von den Banken selbst geschaffen und in Umlauf gebracht wird: Zum Beispiel, wenn ein verzinster Kredit vergeben wird, aber auch, wenn eine Bank einen Vermögensgegenstand von einer Nichtbank erwirbt, zum Beispiel ein Grundstück oder ein Wertpapier. Die heutige Geldschöpfung ist also zu einem großen Teil in der Hand der Banken. Dagegen engagieren sich weltweit inzwischen viele Geldreform-Initiativen, die erreichen wollen, dass auch elektronisches Geld, genauso wie heute das Bargeld, ausschließlich von einer öffentlichen Zentralbank geschaffen werden darf. Dieses so öffentlich geschaffene Geld heißt Vollgeld, im angelsächsischen Raum „Sovereign Money“. Es soll nicht mehr verzinst von den Banken, sondern unverzinst über öffentliche Ausgaben in Umlauf gebracht werden. Deutscher Vertreter der Vollgeldbewegung ist der Verein Monetative e.V., in der Schweiz gibt es sogar eine Volksinitiative, die gegen Ende dieses Jahres über 100.000 Unterschriften einreichen wird, um eine Volksabstimmung über das Geldsystem zu initiieren.

Was hat Geldschöpfung mit Nachhaltigkeit zu tun? Da werden meist zuerst die Auswirkungen von Zinsen genannt. Denn der größte Teil des Giralgelds wird geschaffen, wenn die Banken verzinste Kredite vergeben. Der Zins zwingt den Kreditnehmer, mehr Geld zurückzuzahlen, als er vorher bekommen hat. Das zwingt ihn wiederum zu wirtschaftlicher, geldbewerteter Tätigkeit und gibt so einen Wachstumsimpuls auch für die Geldmenge. Bleibt das Wachstum aus, kann entweder der Kredit nicht zurückgezahlt werden, oder aber das benötigte Geld wird von anderen transferiert, was auf Dauer soziale Schieflagen erzeugt. Dieser Wachstumseffekt des Zinses wäre abgemildert, wenn neues Geld zumindest bei seiner Entstehung unverzinst in Umlauf gebracht würde, wie von der Vollgeldbewegung gefordert.

Der Zins ist aber nur ein Aspekt der Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit der heutigen Technik der Geldschöpfung. Ein weiterer wichtiges Argument betrifft die Verschuldung: Heute sind Entstehung von Geld und Verschuldung eng miteinander gekoppelt, da bei der Auszahlung von Krediten ja kein bisher schon vorhandenes Geld weitergereicht wird, sondern neues Geld entsteht. Umgekehrt bedeutet das, dass bei der Tilgung von Krediten das vorher geschaffene Geld wieder verschwindet. Würden nun mehr Schulden zurückgezahlt als neue Schulden aufgenommen, würde sich die Geldmenge verringern, was problematische wirtschaftliche Auswirkungen (Stichwort Deflation) haben könnte. So ist unser jetziges Geldsystem zwingend auf eine immer weiter ansteigende sowohl öffentliche als auch private Verschuldung angewiesen.  Aber sowohl öffentliche als auch private Verschuldung erzeugen finanziellen Druck, der nur durch Erhöhung der Einnahmen bzw. Senkung der Ausgaben gemildert werden kann. Im öffentlichen Bereich werden dann die Weichen für weiteres Wirtschaftswachstum zum Beispiel durch das Ausweisen von neuen Gewerbegebieten gestellt, während Ausgaben für den Umweltschutz oft gestrichen werden, wenn der öffentliche Haushalt knapp ist. Private Verschuldung erzwingt die Aufnahme von zusätzlichen, mit Geld entlohnten Tätigkeiten und somit einen Impuls zum Wirtschaftswachstum, bei dem die Frage der Nachhaltigkeit dann ein eher unwichtiges Kriterium ist: Hauptsache, die drückende Verschuldung kann abgebaut werden. Fragen der Nachhaltigkeit unserer Wirtschaft fallen bei Überschuldung regelmäßig in ihrer Wichtigkeit hinter die finanziellen Sachzwänge zurück. Die Koppelung von Geldschöpfung und Verschuldung wäre in einem Vollgeldsystem beendet, denn neues Geld würde dort ohne Verschuldung über öffentliche Haushalte in Umlauf gebracht.  Dazu kommt ein wichtiger „Einmalfaktor“: Bei der Umstellung des jetzigen Systems auf ein Vollgeldsystem könnte die gesamte derzeitige unbare Geldmenge auf Girokonten durch öffentlich geschöpftes Geld ersetzt werden: Ein Betrag von ca. 5 Billionen € in Europa, mit dem die öffentliche europäische Verschuldung in Höhe von ca. 9 Billionen € zu einem Teil abgebaut werden könnte. Dann stünde auch mehr öffentliches Geld für nachhaltige Entwicklung zur Verfügung, das auch dringend benötigt wird. Denn Umwelt ist ein öffentliches Gut, für das auch öffentliches Geld investiert werden muss. Es gibt zwar einige private Stiftungen, die sich um nachhaltige Entwicklung kümmern, aber das reicht von der Summe nicht aus.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Nachhaltigkeit ist die Erstverwendung von neu geschaffenem Geld: Im derzeitigen System sind es ausschließlich die Banken, die darüber entscheiden, wohin neues Geld fließt. Solche erstmaligen Geldflüsse ziehen andere Geldflüsse nach sich: Wenn zum Beispiel private Anleger beobachten, dass die Kurse gewisser Aktien steigen, möchten Sie auch gerne dabei sein, wenn es gilt, Kursgewinne zu erzielen. Die Absicht der Banken ist meist kurzfristige Gewinnerzielung und weniger nachhaltige Entwicklung. Wobei es auch manche kleinere ethisch orientierte Banken gibt, die anders handeln, das sind aber eher die Ausnahmen. Das Geld, was nach dem Willen der Banken vornehmlich in Spekulation und Kurssteigerung fließt, fehlt bei nachhaltigen Investitionen, die eine weniger schnelle Rendite abwerfen. In einem Vollgeldsystem würde neues Geld vorwiegend über öffentliche Haushalte in Umlauf kommen. Ob die Frage der Nachhaltigkeit dabei eine wichtige Rolle spielt, entscheiden dann die Wählerinnen und Wähler, denn sie entscheiden über die  Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten, die über öffentliche Haushalte abstimmen.

In einem Vollgeldsystem wären Banken reine Finanzintermediäre: Sie würden ihr eigenes Geld und das Geld ihrer Anleger weiterverleihen. In einem solchen System wären Anleger und Banken direkt miteinander verbunden, und so hätten Geldanleger auch eine direktere Mitsprachemöglichkeit bei der Vergabe von Krediten. Auch andere Finanzierungsmodelle, wie z.B. crowdfunding oder Privatdarlehen, wären gegenüber Bankkrediten gleichgestellt. Heute ist das  anders, denn Banken können selbst Geld schöpfen und haben deswegen einen entscheidenden Finanzierungsvorteil. Auch aus einem anderen Grund werden Banken in einem Vollgeldsystem aber ihr Denken umstellen müssen: Die implizite Rettungsgarantie für große Banken wird es in einem Vollgeldsystem nicht mehr geben. Denn das Finanzsystem wäre nicht gefährdet, wenn einzelne Banken zusammenbrechen. Dann wird jede einzelne Bank dafür verantwortlich sein, welche Geldanlagestrategien sie verfolgt und dann letztendlich auch dafür geradestehen müssen. Diese individuelle Verantwortung von Banken wird im derzeitigen Geldsystem auch noch aus einem anderen Grund unterlaufen: Derzeit sind alle Banken über einen zweiten Geldkreislauf mit sogenannten Reserven (=unbares Zentralbankgeld) miteinander verbunden, der den Geldkreislauf des Publikums überlagert. Die Banken müssen deshalb ungefähr im Gleichschritt arbeiten, sonst ergeben sich nachteilige Ungleichgewichte in diesem zweiten Geldkreislauf, was in Krisen zu einer Gefährdung des Zahlungsverkehrs führen kann. Für einzelne Banken mit anderen ethischen Überzeugungen ist es sehr schwierig, hier auszubrechen. So werden alle Banken in einem verhängnisvollen Strudel mitgerissen, wenn große Banken über die Maßen spekuliert haben. In einem Vollgeldsystem könnten Banken nachhaltig arbeiten und überleben, ohne von verantwortungslosen arbeitenden Banken beeinflusst und gefährdet zu werden. Derzeit regiert Größe die Finanzmärkte, eine Größe, die sowohl too-big-to-fail, als auch too-big-to-jail ist: Kaum jemand wird für seine Taten zur Verantwortung gezogen. Zwar werden derzeit Regeln erlassen, um die großen Banken an die Kandare zu nehmen. Doch diese Regeln erzeugen einen so großen Verwaltungsaufwand, dass wiederum kleinere Banken, für die es diese Regeln gar nicht bräuchte, die Leidtragenden der Entwicklung sind. Kleinere Raiffeisenbanken und Sparkassen können ein Lied davon singen.

Das jetzige System, in dem Banken selbst Geld produzieren, tendiert historisch gesehen mittel- und langfristig immer zu überschießender Geldschöpfung. Das bedeutet, dass die Geldwirtschaft in immer neue Bereiche vordringt, denn das zu viel geschöpfte Geld will ja auch verzinslich angelegt werden. So geraten dann bei gleichzeitiger öffentliche Finanznot bisher öffentliche Bereiche, die nachhaltig und ohne Profitinteressen bewirtschaftet wurden, unter privaten Renditedruck: Wasserversorgung, Rentenversicherung, öffentliche Verkehrssysteme, um nur einige Bereiche zu nennen. Auch eine vom Geldüberhang angeheizte Inflation von Vermögenspreisen ist nicht nachhaltig, was derzeit zum Beispiel bei den Pachtpreisen für landwirtschaftliche Flächen zu beobachten ist: Grundbesitz gilt als sichere Geldanlage, und deshalb werden die Pachten so hoch, dass ökologische Landwirtschaft nur mehr schwer finanzierbar ist. Deswegen ist es für eine nachhaltige Entwicklung wichtig, die überschießende Geldproduktion unter genaue Kontrolle zu nehmen.

Immer wieder entstehen in unserem derzeitigen System Finanzkrisen, denn die private Produktion und Erstverwendung von neuem Geld führt zur Bildung von Finanzblasen. Das Zusammenbrechen dieser Blasen muss dann mit dem Einsatz von großen öffentlichen Finanzmitteln verhindert werden, wie derzeit zum Beispiel mit mindestens 1 Billion €, die von der EZB in die Finanzmärkte investiert werden.  Dieses Geld fehlt für Investitionen in nachhaltige Entwicklung.  Es bleibt deswegen zu hoffen, dass endlich auf breiter Front auch über die Art und Weise nachgedacht wird, wie unser Geld in die Welt kommt. Ohne ein solches Nachdenken wird eine nachhaltige Entwicklung der Weltwirtschaft immer wieder von Problemen behindert werden, die ihren Ursprung in unserem instabilen Finanzsystem haben. Das Finanzsystem kann aber verändert werden, wenn viele das wollen: Packen wir es an!

Klaus Karwat ist Vorsitzender der Monetative e.V., einem gemeinnützigen Verein, der eine Reform des Geldsystems in Deutschland anstrebt. Karwat ist studierter Politik- und Verwaltungswissenschaftler. In den 1990er Jahren Kreis- und Gemeinderat im Landkreis München, Schwerpunkt kommunale Haushaltspolitik. Mitbegründer einer Münchner Wohnungsgenossenschaft. Nach Lebensstationen in Südfrankreich, Rom und Liverpool lebt er seit 2000 als Übersetzer in Berlin (u.a. 100%-Money von Irving Fisher).

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