Christine Ax / Kinga-Tshering
Bild: Christine Ax / Kinga-Tshering
14. August 2015  /// Politik Welt Wirtschaft

Gemeinwohlökonomie macht Bhutan noch glücklicher

Die AEMS Summer School lockte im Juli Interessierte aus aller Welt nach Wien. Einer von ihnen war Kinga Tshering, Parlamentsabgeordneter des Bhutaner Unterhauses. N21-Autorin Christine Ax hat sich mit ihm am Rande der Sommerschule unterhalten.

Wenn wir in Europa von Bhutan sprechen, wird oft „Glück“ im selben Atemzug genannt.

Es freut mich sehr, das zu hören.

Buthan setzt das Bruttosozialglück an erste Stelle?

Absolut, ja. Deshalb bin ich ja auch hier. In Bhutan interessiert man sich für die Themen dieser Sommerschule – alternative Wirtschafts- und Geldsysteme, Ökologie, Umweltschutz – schon seit den 1970er Jahren. Schon der Vorgänger des heutigen Königs hat das Bruttonationalglück als oberstes Ziel definiert. Glück ist wichtiger als Geld, Wirtschaft und Entwicklung. Das Wohlbefinden der Menschen steht immer im Vordergrund. Unser System fußt auf vier Säulen: der Umwelt,  Kultur und Tradition, Good Governance und einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, die  natürlich notwendig ist, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Wir versuchen, unsere Erfahrungen mit dem Rest der Welt zu teilen und unseren Beitrag zu leisten.

Was haben Sie im Rahmen der Sommerschule gelernt? Was war besonders beeindruckend oder interessant für Sie?

Ich habe vieles gelernt. Etwas, das ich besonders interessant für Bhutan finde,  ist die Gemeinwohlökonomie. Was die Unternehmen angeht, könnte uns dieses Modell sehr helfen.

Welchen Maßstab legen Sie an, wenn Sie von „wirtschaftlicher Entwicklung“ sprechen? Welches Wirtschaftsmodell liegt zugrunde?

Wir haben unser eigenes Modell und wollen niemanden kopieren. „Happiness“ ist seit 2011 Teil der UN „Millennium Development Goals“. Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy wollte 2009 Glück zu einem Entwicklungsziel machen und David Cameron wollte es ihm 2010 gleichtun. Aber wir machen das schon seit 1975.

Wer bestimmt in Bhutan, was „Glück“ ist? Ist es der König, die Bevölkerung?

Ich glaube, Glück ist einer der universellen Werte. Niemand muss es definieren. Man weiß, ob man glücklich ist oder nicht. Es für eine ganze Gesellschaft oder viele Gesellschaften zu definieren, ist schwierig. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wir haben verschiedene Faktoren, die wir benutzen, um den „Glücksquotienten“ zu ermitteln. Die religiösen Werte spielen hier eine Rolle und unser König, dessen Vision uns hilft „Glück“ zu erkennen. Es ist wohl eine Kombination aus all diesen Dingen. Glück kann nicht gesetzlich verordnet werden. Glück ist von Land zu Land unterschiedlich.

Sind Sie glücklich?

Ja, natürlich, wie nicht? Jetzt, wo ich in Wien bin! (lacht) Ich freue mich, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe, als Bhutaner meine Erfahrungen mit Gleichgesinnten teilen zu dürfen. Ich lebe im Moment, und im Moment bin ich sehr glücklich. Was Morgen passiert, weiß ich nicht.

Kinga Tshering4 - Kopie

Sie hatten gestern, bei der Klimakonferenz-Simulation, die wir gespielt haben, die Rolle der NGOs inne und waren sehr erfolgreich. Mir ist aufgefallen, wie wichtig NGOs sein können, wenn es darum geht, Verhandlungspartner wieder an einen Tisch zu holen. Haben Sie das auch so gesehen?

Es hat mich gefreut, der Gruppendynamik so helfen zu können. Oft wirkt es so, als hätten NGOs bei solchen multinationalen Verhandlungen eigentlich keine Macht. All diese großen Länder sind dort, mit viel Geld, vielen Ressourcen, viel Einfluss. Warum also sollten sie auf die NGOs hören? Ich dachte deshalb: Meine Rolle ist es, die Partner zusammenzuführen. Sonst brauchen diese Verhandlungen noch viel länger.

Wie steht ihr Land zum Klimawandel und den Klimakonferenzen?

Wir sind führend in vielen Bereichen. Wir sind mit 80 % Bewaldung eine wichtige Kohlenstoffsenke. 99 % unserer Energie kommt aus erneuerbaren Quellen – Wasserkraft, Solarzellen, Windkraft. Wir sind durchaus Vorreiter. Wir sind aber auch sehr klein, sodass unser Einfluss nicht gespürt wird.

Was ist der Unterschied zwischen ihrer Oppositionspartei und der Regierungspartei?

Unsere grundlegenden Ideen unterscheiden sich nicht wesentlich. Die regierende Partei und wir in der Opposition verfolgen das  Bruttonationalglück als oberstes Ziel. Unterschiede gibt es, wenn es darum geht, wie man dieses Ziel erreicht. Ideen, Programme und Umsetzung unterscheiden sich manchmal. Wir sind weder rechts noch links. Wir haben letztlich immer das gleiche Ziel.

 

Informationen über den Kleinstaat Bhutan

Eingezwängt zwischen den zwei bevölkerungsreichsten Ländern der Erde, Indien und China, ist Bhutan seit der Einführung einer Verfassung 2008 eine konstitutionelle Monarchie. Im selben Jahr wurden erstmals allgemeine Wahlen abgehalten. Dem waren jahrzehntelange Bemühungen einer Demokratisierung und Öffnung vorangegangen. Die „Bhutanische Partei für Frieden und Wohlstand“ (DPT) konnte damals 45 der 47 Sitze der Nationalversammlung erringen. Bei der letzen Wahl 2013 musste man mit 15 Sitzen in die Opposition wechseln. Den Premierminister Tshering Tobgay stellt jetzt die „Volksdemokratische Partei“ (PDP). Gleichzeitig gibt es in Bhutan einen seit Jahrzehnten schwelenden Volksgruppenkonflikt. Die ersten Lhotsampa, in der offiziellen Landessprache Dzongkha, soviel wie „Südländer“, sind schon im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert aus Nepal eingewandert. Vor allem seit den 1960er Jahren kamen viele Nepali in die fruchtbaren Tiefebenen im Süden Bhutans. Seit den 1980ern wurden den Lhotsampas sukzessive Rechte entzogen, auch durch die neue „Eine Nation, Ein Volk“-Offensive des damaligen Königs.  Dzongkha wurde zur verpflichtenden Landessprache, Nepali durfte in den Schulen nicht mehr unterrichtet werden. Traditionelle (nord-) bhutanische Gewänder mussten in öffentlichen Ämtern und bei Zeremonien getragen werden. Mit dem Zensus von 1988 verloren viele Lhotsampas ihre Staatsbürgerschaft und wurden nach Nepal abgeschoben oder zur Flucht gezwungen. Im Jahr 2008 lag die Zahl von Flüchtlingen in nepalesischen Camps bei rund 100.000. Seitdem wurde ein Großteil der Flüchtlinge von Drittländern aufgenommen, viele davon von den USA. Bhutan und Nepal haben in den bisherigen 15 Gesprächsrunden zu keiner Lösung des Problems gefunden.

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