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Bild: Fritz Hinterberger
11. Juli 2015  /// Glosse Wirtschaft

Griechenland und wir

In den Salzburger Nachrichten ist Griechenland wieder Titelthema. Die ersten fünf Seiten sind dem Showdown gewidmet. Gerhard Schwischei schreibt in seinem Leitartikel: „Gerade nach den jüngsten Erfahrungen mit Griechenland ist mehr denn je klar, dass der Euro ohne stärkere Durchgriffsrechte auf einzelne Mitgliedsländer ein fragiles Projekt bleibt“. Auf Seite 3 beschreibt Stefanie Pack die aktuelle Situation aus Sicht der „Institutionen“, während auf Seite 4 ein deutscher Historiker zitiert wird, der in einer „bitteren Bilanz“ die „katastrophale Fehlentwicklung“ beklagt, der Beitritt zur EU habe nicht dazu beigetragen, die griechische Wirtschaft zu modernisieren und das Klientelsystem zurück zu drängen, in dem bis heute 800 Familien mehr als 90 Prozent des BIP kontrollieren.

„Modern“ wäre wohl, dies zu Global Players umzuverteilen, die den Gesetzen des internationalen Finanzkapitals gehorchen. Ebenfalls auf Seite 4  wird dem „Schimpfen“ in der CDU/CSU über Griechenland eine Drittel Seite eingeräumt und auf Seite 5 den Tiraden Guy Verhofstadts im Europaparlament über Griechenland und Tsipras.

Unter der Überschrift „Wirtschaftsforscher wundern sich über Syriza“ zitiert die Zeitung eine Erklärung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), in dem das Reformprogramm, zu dem das Land gedrängt wird, unterstützt wird. Immerhin werden auch die kritischen Stimmen aus USA zitiert – von Obama ebenso wie von Ökonomen à la Krugman und Sachs.

Zwei Seiten weiter, auf der Titelseite des Kulturteils dann gänzlich andere Töne: „Die Zukunft muss als Ziel gelöscht werden. Man sollte sich den Urlaub nicht mit Zukunftsgedanken über ein volles E-Mail-Fach verderben lassen“, schreibt Bernhard Flieher im „Journal“. „Nichts mehr mäandert, sondern es wird reguliert. Keiner schlendert noch. Die meisten eilen“, wird da beklagt.

Und immerhin: „Neuerdings ist der Urlaub auch nur mehr Durchgangsposten. Wahrscheinlich kommt das daher, dass Arbeit so ernst genommen wird, weil immer weniger eine haben“.   Seine „simple Lösung“, wie mit Emails während des Urlaubs umzugehen sei, ist genau aus diesem Grund wenig realistisch: „löschen, löschen, löschen“. Schön für ihn, wenn er sich das leisten kann.

Kollegen! Redet Ihr eigentlich miteinander? Habt Ihr schon mal drüber nachgedacht, wie das eine mit dem anderen zusammen hängt? Mehr Wettbewerb, Leistung, sparen – das Credo der dem Wirtschaftsliberalismus verpflichteten „Institutionen“ führt doch genau dazu, dass die, die Arbeit haben, immer intensiver arbeiten, während die Arbeitslosigkeit steigt und die Natur weltweit dem Wirtschaftswachstum geopfert wird. Vielleicht sollten wir nicht nur neidisch auf „die Griechen“ sein, die uns Dieter Bartels in seinem Athener Tagebuch so liebevoll beschreibt. Vielleicht sollten wir – im deutlich reicheren Teil Europas – damit beginnen, einmal anderen den Vortritt zu lassen. Zugunsten unserer eigenen Lebensqualität.

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