2. August 2015  /// Europa Griechenland Wirtschaft

Griechenlands Finanzkrise und ihre Umweltfolgen

Dieser Artikel wurde uns von dem Team Agrotypos übermittelt. Seit 1993 fungiert dieses Team als Plattform, um wissenschaftliche Erkenntnisse im Umweltbereich in Griechenland aufzubereiten. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von 10 Personen, vorwiegend JournalistInnen und AgronomInnen, die täglich Nachrichten über Landwirtschaft und Umwelt in Griechenland sammeln und an Leser und User von Online- und Printmedien weitergeben.

Mit den Worten „The situation in Greece is really bad, right now“ hat sich AgroTypos an uns gewandt, um uns auf die aktuelle besorgniserregende Umweltsituation in Griechenland aufmerksam zu machen.

AgroTypos berichtet, dass die Bereiche der Umweltverträglichkeitsprüfung, der umweltrelevanten Auflagen im Baubereich und des Schutzes von Wäldern und Küstengebieten am meisten unter der Finanzkrise leiden.

Als Ursachen nennt AgroTypos die Budget-Kürzungen und das politische Wegschauen. Diese hätten zum Kollaps der nationalen Schutzgebiete geführt. Regulatorische Ungewissheit und eine sich ständig ändernde Preispolitik hätten Anbieter von erneuerbarer Energie an den Rand des Aussterbens gedrängt. Im Gegenzug dazu würden Projekte zur weiteren Ausbeutung von Öl- und Gasfeldern sowie von Kohleflözen und sogar Goldminen stärker fokussiert und gefördert.

Auf lange Sicht betrachtet, mahnt AgroTypos, würde dies negative Auswirkungen auf die Umwelt haben.

Erst kürzlich habe das griechische Umweltministerium sogar eine Gesetzesvorlage eingebracht, erzählt AgroTypos, die eine riesige Fläche an geschütztem Waldgebiet für höchst kontroverse und schädliche Entwicklungen öffne.

Die Recherchen hätten ergeben, so AgroTypos, dass die illegale Abholzung im Winter als Hauptverursacher der aktuellen griechischen Umweltkrise anzusehen sei. Viele Menschen hätten sich im Winter kein Heizöl mehr leisten können und sich Holz aus den griechischen Wäldern geholt. AgroTypos hat hierzu Professor Christos Vlachos von der Universität Thessaloniki, befragt. „In Krisenzeiten ist die Umsetzung von Umweltschutzgesetzen immer geschwächt. Selbst wenn diese existieren, werden sie nicht eingehalten. Und die Überprüfungssysteme, welche darauf achten, dass die Gesetze auch eingehalten werden, sind beeinträchtigt“, erklärt Vlachos. „Davon abgesehen, ist die Anwendung der Gesetze einer gewissen Flexibilität unterworfen“, führt Vlachos weiter aus. „Wenn jemand kein Geld für Heizöl hat, betreibt er illegales Holzfällen – manchmal mit der stillschweigenden Billigung der Autoritäten, die dafür Verständnis zeigen. Die Industrie wird auch nicht ordentlich kontrolliert, sodass es zur Verschmutzung der aquatischen Ökosysteme kommt. Erneuerbare Energien haben in finanziellen Notlagen weder für den Bürger noch den Staat Priorität. Und Gelder des National Strategic Reference Framework (NSRF), eines europäischen Förderprogrammes für Griechenland, werden nicht für notwendige Umweltthemen verwendet. Ein weiteres charakteristisches Problem sind die Brände, unter denen Griechenland jedes Jahr leidet. Es ist mittlerweile bekannt, dass das Land danach oftmals in Bauland umgewandelt wird.“

An der Umweltkrise in Griechenland sind die Industrieländer schuld

In weiterer Folge hat AgroTypos mit Dimitris Vafidis, Professor für Landwirtschaft, Ichthyologie (Anm. d. Red.: Fischkunde) und aquatische Umwelt von der Universität Thessalien, gesprochen. Dieser schilderte eine andere Ursache für die aktuelle Umweltsituation in Griechenland: „Wo es Armut gibt, ist auch die Umwelt negativ betroffen. Für den globalen Klimawandel sind jedoch die Industrieländer verantwortlich. Wetterextreme, steigende Meeresspiegel etc. sind auf die starken Ökonomien der Industriestaaten zurückzuführen, nicht auf die schwächeren.“ Er fügt hinzu: „Wir müssen uns trotzdem vor Augen halten, dass negative Einflüsse auf die Umwelt das Resultat eines längeren Prozesses sind. Die Verschmutzung des Pinios (dies ist ein wichtiger Fluss in der Region Thessalien) nur auf die Wirtschaftskrise zurückzuführen, wäre ein großer Fehler. Sie ist das Resultat von Jahrzehnten.“

AgroTypos hat sich weiter die Stellungnahme verschiedener, international tätiger Umweltschutzorganisationen angeschaut und analysiert. So wurde beispielsweise in einem kürzlich erschienenen Artikel des WWF die Wirtschaftskrise mit der Umweltkrise in Verbindung gebracht. Der WWF kritisiert darin die Finanzpolitik der EU scharf, im Speziellen die Handhabung der Griechenland-Krise, und hier vor allem die Vernachlässigung des Umweltschutzes. Denn es handle sich exakt um den Bereich, in dem die EU bis zuletzt eine Pionierstellung innegehabt habe: „Seit dem Mai 2010“, so der WWF, „als das erste Rettungspaket für Griechenland beschlossen wurde, hat sich die Krise auf weite Teile der EU ausgebreitet. Obwohl sich die Gründe wie auch die Auswirkungen der Krise in den jeweiligen Ländern unterscheiden, ist das Rezept immer dasselbe: Austerität und Haushaltskürzungen, Deregulierung des Umweltschutzes, Verkleinerung der öffentlichen Verwaltung in diesem Bereich, Senkung der Gehälter und des Lebensstandards.“

„Noch überraschender allerdings ist der Widerwillen der Europäischen Kommission, ihre eigene Gesetzgebung zu berücksichtigen“, so der WWF weiter und fragt sich: „Warum stimmen Strukturanpassungen, die verschuldeten Ländern auferlegt werden, nicht mit der gesetzlich vorgesehenen strategischen Umweltprüfung überein? Der tatsächliche Einfluss dieser Krisen auf das Naturkapital befindet sich noch nicht auf dem finanziell gesteuerten Radar der Europäischen Kommission.“

Weitere Informationen: agrotypos.com

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