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30. März 2016  /// Leben Umwelt

„Grundsätzlich zufrieden mit umweltpolitischen Entwicklungen in Wien. Aber viel Luft nach oben!“

Die Stadt Wien formuliert seit Jahren das Ziel der verstärkten Beteiligung von Bürger/innen bei Prozessen der Stadtentwicklung. So legen der Stadtentwicklungsplan 2025 und die Initiative „Smart City Wien“ großen Wert auf die Partizipation der Stadtbewohner/innen. Die zahllosen Bekenntnisse in politischen Sonntagsreden, formulierten Maßnahmenpapieren und beschlossenen Zielvorgaben kennen wir zuhauf. Doch wie sieht es mit der tatsächlichen Umsetzung einer „Smart City Wien“ aus? Und vielleicht interessanter im Sinne der angestrebten Partizipation: Wie nehmen Wienerinnen und Wiener die umweltpolitischen Entwicklungen in ihrer Stadt wahr?

Ideen und Visionen für ein zukunftsfähiges Wien

Von wegen Politikverdrossenheit und Desinteresse am Umweltschutz. Die Ergebnisse einer im Herbst 2015 durchgeführten Gesprächsreihe mit sechs Studierenden der Universität für Bodenkultur (Masterstudium) im Alter zwischen 22 und 35 Jahren lassen großes Interesse an der Umweltpolitik erkennen. In den Köpfen schlummern zahlreiche Ideen und Visionen für eine umweltschonende Entwicklung Wiens. Gesprochen und gedacht wird in Zeiten des Wiener Gemeinderatswahlkampfes 2015 über Aspekte bei Verkehr, Begrünungsmaßnahmen, Energieversorgung, Abfallwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung (klassische Landwirtschaft und Urban Gardening). Die Gesprächspartner/innen zeigen sich dabei nur mäßig zufrieden. Vielmehr erkennen sie in den fünf Handlungsfeldern Verkehr und Mobilität, Stadtbegrünung, erneuerbare Energien, Abfallwirtschaft und städtische Nahrungsmittelversorgung großes Verbesserungs- und Ausbaupotential.

Unterschiede in der Wahrnehmung umweltpolitischer Entwicklungen

Die Gespräche zeigen, dass umweltpolitische Entwicklungen in erster Linie über Medienkonsum (z.B. Online-Tageszeitungen, Social Media, lokale Wochenzeitungen), durch persönliche Gespräche mit Freund/innen sowie aufgrund der alltäglichen Bewegung durch die Stadt (z.B. Weg an die Universität oder in die Arbeit) wahrgenommen werden. Klar ersichtlich ist auch, dass einzelne Themen und deren Entwicklungsfortschritte in den beiden Handlungsfeldern Verkehr und Mobilität sowie Abfallwirtschaft in Form von journalistischer Berichterstattung und Werbeinseraten deutlich häufiger und regelmäßiger wahrgenommen werden, als jene in den drei Handlungsfeldern Stadtbegrünung, erneuerbare Energien und städtische Nahrungsmittelversorgung. Einige der Gesprächspartner/innen gaben explizit an, dass sie die Berichterstattung umweltrelevanter Themen oftmals als polarisierend, emotional aufgeladen und parteipolitisch motiviert wahrnehmen.

Kontroverse Beurteilungen der umweltpolitischen Entwicklungen

Die Beurteilung der wahrgenommenen Entwicklungen im Sinne des Umweltschutzes fällt naturgemäß in allen fünf Handlungsfeldern kontrovers aus. Auf der einen Seite werden dieselben wahrgenommenen Entwicklungen befürwortet oder abgelehnt (z.B. Parkraumbewirtschaftung, Stadtbegrünungsmaßnahmen, Begegnungszone Mariahilferstraße), auf der anderen Seite werden Entwicklungsfortschritte unterschiedlich wahrgenommen (z.B. Einschätzung des Ausbaus erneuerbarer Energieträger, Modal Split, Trends in der Landwirtschaft). Im Vergleich zu anderen Wien-spezifischen Themen (z.B. Wirtschaft, Sicherheit, Wohnen, Flüchtlinge) wird umweltbezogene Medienberichterstattung deutlich weniger häufig wahrgenommen. Medial werden einzelne Themen und deren Entwicklungen bei Verkehr und Mobilität sowie Abfallwirtschaft deutlich häufiger und regelmäßiger wahrgenommen, als jene in den Handlungsfeldern Stadtbegrünung, erneuerbare Energien und städtische Nahrungsmittelversorgung. Im Gegensatz dazu werden Entwicklungen bei Stadtbegrünung und städtische Nahrungsmittelversorgung (v.a. Urban Gardening) vorwiegend durch die alltägliche Bewegung durch die Stadt wahrgenommen.

An Ideen für umweltschonende Entwicklung Wiens mangelt es nicht

Angesprochen auf die zukünftige Möglichkeiten und Potentiale in den jeweiligen Handlungsfeldern äußern die Gesprächspartner/innen ihre Sicht auf aktuelle Geschehnisse. Dabei zeigt sich, dass sie vor dem Hintergrund mäßiger Zufriedenheit zahlreiche Verbesserungsvorschläge und visionäre Gedanken an den Tag legen.

Zitate_Ideen und Visionen

Top-Themen in der persönlichen Wahrnehmung

Zu den Themen, die die Gesprächspartner/innen häufig wahrnehmen zählen insbesondere der Umbau und die Konflikte um die Mariahilferstraße, die verbilligte Öffi-Jahreskarte, U-Bahn-Ausbau sowie Ausweitung des Parkpickerls und der Ausbau der Radwege. Darüber hinaus sind Bürgerbeteiligungskraftwerke, Abfallvermeidung und Recycling sowie Urban Gardening und Gemeinschaftsinitiativen zur Nahrungsmittelversorgung präsente Themen.

Themen der Wahrnehmung


Ein Blick ins Jahr 2030

Der Blick in die Zukunft fällt durchwegs optimistisch im Sinne des verstärkten Umweltschutzes aus. In den Interviews werden unterschiedliche Szenarien bzw. Gedanken für Wien im Jahr 2030 dargelegt. Die Gesprächspartner/innen äußern unterschiedliche Ideen, um die Verbesserungspotentiale auszuschöpfen. Neben der Notwendigkeit veränderter Rahmenbedingungen werden der Wunsch nach einem höheren politischen Stellenwert umweltrelevanter Handlungsfelder, Politikkohärenz sowie ein klar erkennbarer politischer Wille für Umwelt- und Klimaschutz geäußert. Parallel dazu sollte der Umwelt- und Klimaschutz auch eine höhere Priorität in der Bevölkerung genießen. Angesprochen auf den finanziellen Aufwand einzelner Umsetzungsmaßnahmen, erkennen die befragten Personen die kurzfristige Zielausrichtung vieler Bauvorhaben sowie die fehlende Bereitschaft zur langfristigen Kosten-Nutzen-Rechnung im Sinne des Umweltschutzes bei vielen Politik-, Planungs- und Wirtschaftsakteur/innen.

„Öffentliche Verkehrsmittel auf elektronischen Antrieb aus erneuerbaren Energien umstellen“

Einigkeit besteht darin, dass sich die Anteile des Radverkehrs, Fußgängerverkehrs und öffentlichen Verkehrs am Modal Split erhöhen werden. Im Gegenzug wird jener des motorisierten Individualverkehrs zurückgehen. Ebenso erwarten sich die Gesprächspartner/innen einen Ausbau der Elektromobilität (Anteilerhöhung der KFZs, Ausbau der Infrastruktur) und die Fertigstellung der neuen U-Bahn-Linie U5. Der Trend des Car-Sharing hält weiter an. Möglicherweise gibt es zusätzliche Anbieter/innen in Wien. Für einige ist die Umstellung der öffentlichen Verkehrsflotten (v.a. Busse) auf elektronischen Antrieb aus erneuerbaren Energien wünschenswert. Einige Gesprächspartner/innen erwarten sich eine flächendeckende Parkraumbewirtschaftung für Wien bis 2030.

„Viel wird sich in Sachen Stadtbegrünung nicht ändern“

Viele der Gesprächspartner/innen äußern sich skeptisch und erwarten sich lediglich geringfügige Veränderungen im Bereich der Stadtbegrünung sowie kaum zusätzliche Begrünungsmaßnahmen (z.B. Fassaden- und Dachbegrünungen und Gleisbegrünung) bis zum Jahr 2030. Den Grund erkennen sie in der mangelnden Relevanz gegenüber anderen politischen Maßnahmen. Die Meinung, dass Wien bereits genügend Park- und Erholungsflächen hat und deshalb kaum neue Flächen entstehen werden, dominiert. Anders sehen die Erwartungen im Bereich des Wohnbaus aus. Hier sehen die Gesprächspartner/innen bei Begrünungsmaßnahmen für Neubauten großes Potential.

„Wir werden 2030 einen höheren Anteil an erneuerbaren Energien in Wien haben“

Neben dem zunehmenden Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2030 sehen die Gesprächspartner/innen die unabdingbare Notwendigkeit zur Energieeinsparung und zur Energieeffizienzerhöhung. Sie sind sich einig, dass es einen höheren Anteil an erneuerbaren Energieträgern am Gesamtenergiemix geben wird. Nach Einschätzungen, werde die Energiewende bis 2030 jedoch nicht vollständig vollzogen sein. Einige Gesprächspartner/innen wünschen sich einen verstärkten Ausbau erneuerbarer Energien als bisher. Wünschenswert für alle sind vermehrte Bürgerbeteiligungskraftwerke zur Energieproduktion in Wien.

„Recycling wird stärker ausgebaut. Die Entsorgungsstruktur und -möglichkeiten für Haushalte werden verbessert“

Die Gesprächspartner/innen sehen bis 2030 kaum nennenswerte Entwicklungen in der Abfallwirtschaft. Ein ausschlaggebender Grund besteht darin, dass das bereits etablierte Wiener Abfallsystem gut funktioniert. Sie sind der Meinung, dass Abfall in den nächsten Jahren als Ressource zunehmend wertvoller wird. Das bedeutet, dass die energetische Nutzung sowie das ökonomische Potential ansteigen werden. Sie gehen davon aus, dass verstärkte Anstrengungen zur Vermeidung von Verpackungsmaterialien und Lebensmittelabfällen in Wien unternommen werden. Als Erwartungen bis 2030 werden langlebigere Produkte, das Verbot von Plastiksackerln, vermehrt geschlossene Stoffkreisläufe sowie zunehmende kaskadische Nutzung von Abfall formuliert.

„Die klassische Landwirtschaft wird stärker unter Druck geraten. Private Nahrungsmittelversorgung à la Urban Gardening ist auf dem Vormarsch“

Im Bereich der „klassischen Landwirtschaft“ sind sich die Gesprächspartner/innen der Abhängigkeiten und Wechselwirkungen zwischen der landwirtschaftlichen Produktion in Wien und den (inter-)nationalen Agrarmärkten bewusst. Demnach erwarten sie bis 2030 die Trendfortschreibungen für Wien, welche weltweit vielerorts zu beobachten sind (z.B. sinkende Betriebsanzahl, steigende Betriebsgröße, sinkende Produktionsfläche, schwankende Agrarpreise). Ebenso besteht Einigkeit bei der Erkenntnis steigenden Flächendrucks sowie der sich verschärfenden Nutzungskonkurrenz zwischen landwirtschaftlicher Produktion und Bautätigkeiten.

Einige der befragten Personen sehen 2030 einen höheren Anteil an biologisch produzierten Wiener Produkten. Zudem rechnen einige mit einem sinkenden Versorgungsgrad durch die Wiener Landwirtschaft und steigenden Lebensmittelimporten. Urban Gardening wird als Trend der privaten Nahrungsmittelversorgung, der erst am Anfang steht und somit bis 2030 fortgeführt wird, wahrgenommen. So wird es nach Einschätzungen vermehrt Flächen geben, auf denen die Wiener Bevölkerung ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen wird. In der Regel geschieht dies gemeinschaftlich. Projekte und Initiativen der privaten Nahrungsmittelversorgung stellen einen größer werdenden Teil der Ernährungssicherheit in Wien im Jahr 2030 dar.

Die Kunst dabei? Die Balance zu schaffen

Konzepte nachhaltiger Stadtentwicklung gewinnen zunehmend an Bedeutung. Klimawandel, steigender  Ressourcen- und Energiebedarf sowie zunehmende Bevölkerungsanzahl erfordern künftig zukunftsfähige Lösungen für die Bundeshauptstadt. Die Kunst dabei, ist die Balance zwischen sozialer Gerechtigkeit, wirtschaftlichem Wohlstand und ökologischem Verantwortungsbewusstsein. Man darf gespannt sein, wie die Beteiligung der Stadtbewohner/innen aussehen wird.


Das Projekt WAHRNEHMUNG UMWELTPOLITISCHER ENTWICKLUNGEN IN WIEN – EINE QUALITATIVE ERHEBUNG IN AUSGEWÄHLTEN HANDLUNGSFELDERN, durchgeführt von DI Florian Leregger, wurde von der Stadt Wien,  MA 7 (Kultur; Wissenschafts- und Forschungsförderung) unterstützt.

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