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4. Mai 2016  /// Schwerpunkt Ernährung Umwelt

Guatemala: Der lange Marsch für das Wasser und das Recht auf Leben

Aus allen Teilen des Landes machten sich im April Tausende guatemaltekische KleinbäuerInnen über elf Tage hinweg auf den Weg in Richtung Hauptstadt, um gegen den Raub ihres Wassers durch Großplantagen und Staudammprojekte zu protestieren. Bei einem Großteil handelte es sich um Angehörige eines der insgesamt 23 indigenen Völker Guatemalas. Jene Menschen, die die spanischen Invasoren vor rund 500 Jahren als rückständig bezeichneten, weil sie Bäume, bevor sie sie fällten, um Verzeihung baten. Vermutlich wird es noch lange dauern, bis wir den bereits hunderte von Jahren dauernden großteils friedlichen und bewundernswert hartnäckigen Widerstand der indigenen Völker der Erde gegen die Zerstörung der Natur gebührend zu schätzen wissen.

Weit zu gehen, sind sie gewohnt. Viele tun es, um Wasser zu holen, tagtäglich. Wussten die Menschen in den Dörfern Guatemalas früher wenigstens, dass sie nach langen Fußmärschen Wasser finden würden, um es mit nach Hause zu nehmen, ist das heute nicht mehr so sicher, schreibt Kajkoj Máximo Ba Tiul. Darum marschieren sie nun Richtung Hauptstadt, um ihr Wasser gegen Palmölplantagen, Zuckerrohrfelder, Kraftwerke und Minen zu verteidigen.

“Wasser ist Leben”

Rund 2,5 Millionen Menschen gelten in Guatemala laut FAO als unterernährt, Tendenz steigend. Die Mehrheit von ihnen lebt am Land und teilweise von Subsistenzlandwirtschaft. Sie gehören damit einer weltweiten Mehrheit an: Geschätzt über 90 Prozent der Landwirtschaft Treibenden auf der ganzen Erde verfügen über nicht einmal ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Und produzieren darauf rund 70 Prozent aller Nahrungsmittel!

Als einzelne sind sie jedoch sehr verwundbar. Viele bebauen eine Fläche von weniger als zwei Hektar. Ein wertschätzender Umgang  mit der Natur ist dabei eine Selbstverständlichkeit. Bleibt jedoch das Wasser aus, entfällt die Ernte, und damit das Essen für die Familie. Sozialsysteme, die zeitweilige Notlagen auffangen, gibt es in Ländern wie Guatemala bestenfalls in Form temporärer Katastrophenhilfen.

Und obwohl das Land kein wasserarmes ist, wird diese Ressource immer knapper. Einerseits ändert sich der Niederschlag aufgrund klimatischer Veränderungen – Zentralamerika gehört zu den Regionen, die vom Klimawandel und auch vom Wetterphänomen “El Niño” bereits heute am stärksten betroffen sind und dies in Zukunft noch mehr sein werden –, andererseits nimmt die Verschmutzung von Flüssen und Gewässern rapide zu. Der großflächige Anbau von Energiepflanzen wie Zuckerrohr und Ölpalmen erfordert stetige Bewässerung. Und auch Staudammprojekte entziehen immer mehr Dörfern ihr Wasser.

“Wasser ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht”

Um auf diese Situation aufmerksam zu machen und Regierung und Parlament zum Handeln aufzufordern, marschierten nun tausende campesinas und campesinos und erreichten am vergangenen 22. April, dem Internationalen Tag der Erde, die Hauptstadt. Eine konkrete Forderung besteht in der Verabschiedung eines Gesetzes, das die Nutzung von Wasser reglementiert. Bis dato besteht hier eine gesetzliche Lücke. Darüber hinaus geht es jedoch viel allgemeiner um die Anerkennung des Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben sowie der Rechte von Mutter Erde. Und es geht um unterschiedliche Lebensentwürfe und eine klare Opposition zu einem extraktivistischen, das heißt, auf einem Raubbau an den natürlichen Ressourcen beruhenden Wirtschaftsmodell.

Eine Säulen dieser Wirtschaftsweise ist in Guatemala der Anbau von Ölpalmen. Zwischen 2008 und 2014 hat sich deren Anbaufläche von rund 60.000 auf 130.000 Hektar mehr als verdoppelt. In Folge wurden in den betroffenen Regionen viele Flüsse umgeleitet. Aus Palmöl wird unter anderem pflanzlicher Dieseltreibstoff erzeugt. Auf dessen Förderung setzt etwa die Erneuerbare-Energie-Richtlinie der EU. Auch wenn verschiedene Studien (zuletzt von den renommierten Instituten IIASA, Ecofys und E4tech) wiederholt darauf hingewiesen haben, dass deren klimaschädliche Wirkung unter Berücksichtigung der direkten wie indirekten Landnutzungsänderungen für den Anbau dieser Energiepflanzen unter Umständen sogar größer ist, als jene fossiler Treibstoffe.

Angesichts der notorisch korrupten Regierungen des Landes sowie dem Druck von Freihandelsverträgen, wie jenes mit den USA (Dominican Republic–Central America Free Trade Agreement, kurz: DR-CAFTA) von 2012 oder das 2013 vorläufig in Kraft getretene Assoziierungsabkommen der Länder Zentralamerikas mit der Europäischen Union (für ein endgültiges Inkrafttreten muss das Abkommen von allen EU-Staaten unterzeichnet werden. Bis April 2016 ist dies in 14 der 28 EU-Staaten erfolgt.), ist die Herausforderung für die KleinbäuerInnen Guatemalas gewaltig. Am 27. April misslang die Verabschiedung eines Gesetzes im guatemaltekischen Kongress, das die nicht genehmigte Umleitung und den Rückstau von Flüssen unter Strafe stellen sollte. Der Protestmarsch vom April 2016 war nicht der erste dieser Art, und er wird wohl nicht der letzte gewesen sein.

Siehe auch das im November 2015 bei uns erschienene Interview mit Alternativnobelpreisträgerin Vandana Shiva

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