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26. Juni 2015  /// Kultur

Heute schon dilettiert?

Über das schwierige Verhältnis von Profis und Amateuren

In der Antike war es die edelste Pflicht eines freien Bürgers, der res publica zu dienen und sein edles Selbst zu vervollkommnen. Neben dem Kriegshandwerk standen auch andere Künste hoch im Kurs. Es schickte sich durchaus, in diversen Künsten zu dilettieren. Das Wort «dilettieren» hatte damals selbstverständlich keinen üblen Beigeschmack. Wie sollte es auch? Meinte es doch schlichtweg nur: «sich an etwas erfreuen».

Die kleinliche Frage, welche Künste standesgemäß sind, hat in der Vergangenheit jedoch selbst große Geister sehr bewegt. Nicht nur in Griechenland stand in der Hierarchie der Künste das «Geistige» ganz oben und der Spaß hatte dort aufzuhören, wo die Anstrengung, die Arbeit anfing, die man lieber den Banausen überließ. Kein griechischer Aristokrat konnte es sich leisten, den Eindruck zu erwecken, er habe es nötig, etwas selber zu machen. Echte Amateure oder Dilettanten gaben sich der Kunst hin, ohne einen schnöden Zweck zu verfolgen. Es sei denn es diente der Befähigung, Schönheit und Einmaligkeit des eigenen Selbst.

Oh schönes Selbst!

Während unser Bildungswesen heute gar nicht schnell genug junge Menschen der «employability» zuführen kann und in immer kürzeren Studienzeiten Experten heranbildet, gab es aus aristokratischer Sicht in der Vergangenheit gute Gründe, sich mit der Ausbildung Zeit zu lassen und mehr Mühe zu geben. Vor allem in der Renaissance und in der Aufklärung wollte man es nicht so eng angehen. Das Ziel war ein möglichst umfassend gebildeter, vollkommener Mensch. Außerdem gab es noch kein Fernsehen.

Das Leben am Hof der Fürsten unterlag interessanten Regeln, die uns im «Handbuch für Höflinge» von Baldassare Castiglione von 1528 überliefert wurden. So wissen wir heute, was ein aufstrebender Aristokrat damals alles können musste, damit das Auge seines Herrn wohlwollend auf ihm ruhte und die Karriere am Hofe gesichert war.

Neben zwingend erforderlichen Hauptkompetenzen wie umfassender Gelehrsamkeit, perfekter Beherrschung des Kriegshandwerks, außergewöhnlichem Mut und bedingungsloser Treue war es damals sehr angesagt, auch noch in Nebenrollen zu brillieren. Dazu gehörten Konversation, Dichten, Tanz und musikalische Übungen. Dem Höfling wurde Raffinesse bei der Vermittlung seiner zahllosen Vorzüge nahe gelegt. Man möge doch bitte jeden Anschein von Anstrengung bei der Zurschaustellung der eigenen Kunstfertigkeiten vermeiden, denn wahre Kunst sei nur dort zu finden, wo man die Kunst nicht sehe. Besser man vollführe seine Kunststückchen ganz beiläufig. So entstehe der Eindruck, dass einer, der Schweres mit so geringer Mühe zustande bringe, weit Größeres leisten könne, wenn er nur Eifer und echten Fleiß an den Tag lege[1]. Die tiefere Kunst des Höflings bestand nicht in der Erlangung wahrer Virtuosität, sondern im Andeuten von Fähigkeiten.

Wozu es führen kann, aber nicht muss, wenn besonders ambitionierte Amateure es „der Welt einmal richtig zeigen wollen“, dafür sind der römische Kaiser Nero und wohl auch Hitler die berüchtigtsten Beispiele. Nero sagt man nach, dass er alle umbringen ließ, die es bei seinen dilettantischen Aufführungen an Begeisterung fehlen ließen. Ganze Stadteile Roms soll er niedergebrannt haben, um eigenen Architekturentwürfen Platz zu schaffen. Während Adolf Hitler am Ende seines Lebens doch keine Gelegenheit mehr erhielt, seine wahren Berufung als Großstadt-Architekt zu leben. Schade für ihn, denn er hinterließ in Berlin genügend unbebaute Flächen in bester Lage.

Politik als Kunst des Andeutens von Fähigkeiten?

Jahrhunderte lang war es die vornehmste Aufgabe des Herrschers, seinem Volk und seinen Höflingen in allen Künsten voranzugehen. Spätestens seit der Renaissance war das Dilettieren an den Höfen Europas mindestens üblich. Es wurde getanzt, gemalt, gesungen, gezeichnet, gedrechselt und komponiert, was das Zeug hält. Selbst gemalte, selbst gedichtete und selbst geschriebene Liebesbeweise galten als ungleich galanter, als solche, die man kaufen konnte. Dass die Damen dennoch gute Augen hatten, davon handelt „Cyrano de Bergerac“ eines der traurig-schönsten Theaterstücke, die jemals geschrieben und später verfilmt wurde – vor allem mit Gerard Depardieu in der Hauptrolle.

Auch wenn die dilettierenden Fürsten nicht wirklich alles konnten (das geht doch auch gar nicht!), so muss man ihnen doch zugute  halten, dass sie wenigstens versuchten, ihren «Untertanen» ein gutes Beispiel dafür zu sein, wozu ein umfassend gebildeter Mensch in der Welt taugt. Und es darf uns auch ruhig ein wenig wehmütig stimmen, dass ambitionierte HerrscherInnen sich früher noch bemühten, ihr Volk mit einem breiten Repertoire an Künsten zu erfreuen. Schade, dass bisher kein gut bezahlter Imageberater Angela Merkel oder Nicolas Sarkozy überzeugen konnte, öffentlich in unpolitischen Künsten zu dilettieren.

Ob das Bierkrüge stemmen zu den politischen oder zu den unpolitischen Künsten zu zählen ist, wurde bisher nur wenig diskutiert. Macht nichts, möchte man ihnen allen spontan zurufen! Der nächste Wahlkampf kommt bestimmt.

Wo die Arbeit anfängt, hört der Spaß auf

Und wie gingen wir, das Volk damit um? Nun, auch die Bauern und Handwerker hatten manchmal Lust und Zeit dilettieren – aber erst nachdem alle notwendigen Arbeiten erledigt waren. Wenn das Volk drechselte, dann tat es dies nicht als Heilmittel gegen die Melancholie oder als höfische Andeutung von Fähigkeiten. Viele Künste waren auch ihnen jenseits der Notwendigkeit der Mühe wert. Man nennt dies heute meist Volkskunst, und wir finden manches davon in den Museen.

Wir haben es vor allem dem Protestantismus und dem Kapitalismus zu verdanken, dass das Dilettieren so übel in Verruf kam. Die Beziehung zwischen Amateuren und Profis war schon immer etwas angespannt. Wofür man Verständnis entwickeln kann, wenn man sich in die Lage eines ehrlichen Drechslermeisters versetzt, der im 16. Jahrhundert Kaiser Maximilian dabei hilft, an der extra für ihn eingerichteten Drehbank solange Elfenbeinrohlinge zu zerschrotten, bis endlich ein vorzeigbarer Kandelaber dabei herauskam. Man stelle sich bitte den Drechsler vor, wenn er dabei ehrliche Begeisterung zeigen musste – was auch eine Kunst ist. Die nicht unbegabten Werke des kaiserlichen Gedrechsels kann man übrigens noch heute in der Dresdner Kunstkammer besichtigen.

Womit wir beim Kern der Animositäten sind: Während der Amateur/Dilettant die Kunst um ihrer selbst willen ausübt, muss der Profi und Experte von seiner Kunst leben. Das wirft Fragen auf: Was würde der Profi tun, wenn er unabhängig wohlhabend wäre? Würde er dann endlich das tun, was er wirklich will? Oder würde er seiner Arbeit aus purem Vergnügen nachgehen? Wieviel Geld muss man für seine Arbeit verlangen, um nicht Gefahr zu laufen, als Dilettant verleumdet zu werden?

Dass beim Profi der Spaß aufhört, wenn’s dem Amateur erst richtig anfängt Spaß zu machen, dafür ist die Beziehung zwischen dem Kunsthandwerk und dem Kunsthandwerk ein wunderbares Beispiel. Spätestens seitdem der Kunsthandwerkermarkt erfunden wurde, leidet das Kunsthandwerk so sehr unter diesem Begriff, dass man sich immer wieder auf die Suche nach einer anderen Bezeichnung machen musste, um sich als Nicht-Kunsthandwerker zu profilieren. Die letzte große Makramee-Welle, ausgelöst von einschlägigen Fachzeitschriften und dem Deutschen Hausfrauenbund, hätte die Existenz tausender wahren Unikat-Designer und „angewandter Künstler“ bzw. begnadeter „Meister-Designer“ fast vernichtet! Da kann man schon mal sauer werden!

Freiheit und Notwendigkeit

Nun sind wir doch wieder beim Grundwiderspruch der Arbeit angelangt – ihrem Sado-Masochistischen-Charakter. In der Bibel steht: Du sollst Dein Brot im Schweiße Deines Angesichts verdienen. Das wurde und wird von vielen noch immer sehr ernst genommen. Was Spaß macht, kann keine Arbeit sein – und wenn’s Arbeit ist, kann es keinen Spaß machen! Erst der Schweiß heiligt Mittel und Werkzeuge. Wer nicht ARBEITET soll auch nichts Essen und bekommt deshalb auch kein Grundeinkommen.

An die Arbeit ihr Dilettanten und Amateure

Nun ist in diesen Tagen auch bei uns das Selbermachen endlich wieder in Mode. Mit dem Stricken fing es an. Jetzt essen die ersten Berliner Hauptstädter selbst gezogenen Salat aus Prinzessinnengärten. Und am Bodensee und nicht nur dort, gibt es Dörfer und Städte, die ihr Geld selber machen und ihre Energie. Und auch das kann inzwischen jeder „Praktiker“ auf seinem Dach selbst. In «Fab-Labs» bauen Anhänger der Piratenpartei «Personal Fabricators» – Fabber genannt – die sich selber reproduzieren. Da bekommt das Selbermachen einen noch wundersameren Klang! Das erfolgreichste Nachschlagewerk und das erfolgreichste Betriebssystem der Welt – Wikipedia und Linux – wurden von Selbermachern in die Welt gesetzt. Die Bauanleitungen für die 50 Maschinen, die ein Dorf braucht, um autark zu leben, stehen zum Download bereit! Die Liste dessen, was wir selber machen können wird immer länger: Marmelade, Möbel, Musik, Verfassungen, Geld und vielleicht sogar Glück. Womöglich sogar unsere gemeinsame Zukunft.

Da bleibt mir nur noch zu sagen: Möge die Übung gelingen! Es gibt viel zu tun! Fangt schon mal an!

 

[1] Zitiert nach Alexander Rosenbaum, Der Amateur als Künstler, S. 26

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