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Bild: © BMLFUW/Jana Madzigon

Hirnforschung und die Intelligenz der menschlichen Gesellschaft

Bei der Konferenz „Wachstum im Wandel 2016“ wurden vergangene Woche an der Wirtschaftsuniversität Wien verschiedene Aspekte des sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Wandels diskutiert. Wir berichten darüber in einem Schwerpunkt und letze Woche im Live-Blog der Konferenz.

Gastkommentar von Raimund Dietz

Vor ca. 66 Millionen Jahren starben die Dinosaurier aus. Ihre Gehirnmasse reichte nicht aus, um sich plötzlich verändernden Umweltbedingungen anzupassen. Was der Mensch den Dinosauriern voraus hat, ist die hohe Masse an Gehirn. Damit ist er luxuriös ausgestattet. Wozu er es eigentlich braucht, ist für die Hirnforschung nach wie vor ein Rätsel. Vielleicht ist es ein Geschenk aus der Zukunft, die der menschlichen, dank ihrer Zivilisation bisher erfolgreichsten Spezies, noch einiges abverlangen könnte.

Hilft uns die Hirnforschung dabei, den Weg in eine nachhaltige Zukunft zu gestalten? Dazu sollte Prof. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie in Göttingen auf dem letzten Tag der Konferenz vor einem großen Publikum produktive Anstöße geben.

Der Hirnforschung zufolge ist der Sitz der Intelligenz das menschliche Hirn. Der Mensch nützt es nur in einem geringen Ausmaß. Das ist, wie Hüther bemerkt, auch sehr ökonomisch, weil intensives Denken viel Energie verbraucht. Die Hirnforschung zeigt uns, wie wir vorhandene Potentiale besser nutzen, oder die Unterdrückung von Potentialen, wie das im gegenwärtigen Schulsystem passiert, vermieden wird. Nachdem das Gesamtpotential des Hirns biologisch mehr oder minder festgelegt ist, kann die Aufforderung „Mehr Hirn“, so der provokante Vortragstitel von Prof. Hüther, nur eine bessere Nutzung des bestehenden Potentials meinen. Das aber war nicht die Kernaussage Hüthers. Der Schwerpunkt seines Vortrages bestand darin, zu erläutern, wie höhere Intelligenz aus der Begegnung zwischen Menschen entsteht: „Aus zwei einzelnen Hirnen kann doppelt so viel Hirn entstehen“, — und unter welchen Bedingungen Begegnungen oder Beziehungen „gelingen“ können.

Damit aber verlagert Hüther die Entstehung des Orts der Intelligenz vom Hirn als gegenständlichem Ding auf Beziehungen, womit wir eigentlich bei einer ganz anderen Wissenschaft als bei der Neurobiologie oder der Hirnforschung sind. In diese Richtung, vermute ich, müsste die Bewusstseinsforschung konsequent gehen, wenn sie einen Beitrag zur Fragestellung leisten möchte, die auf der Konferenz im Vordergrund stand: Wie man kollektiv entschieden nachhaltiger mit den knappen Ressourcen umgehen könne, die der Menschheit zur Verfügung stehen.

Hier müsste man in systematischer Weise an den kommunikativen Prozessen anknüpfen, aus denen Gesellschaften bestehen. Gesellschaft besteht aus Kommunikationen und nur Kommunikationen, betonte der Systemtheoretiker Luhmann schon vor etlichen Jahrzehnten. Man kann Kommunikationen in der Tat als Synapsen „gesellschaftlicher“ Bewusstseinsbildung auffassen, mit dem bezeichnenden Unterschied, dass die neuralen Ströme im Gehirn immer nur in eine Richtung, Kommunikationen aber in beiden Richtungen verlaufen.

Auch die Erforschung von Geld als Medium der Vergesellschaftung wäre ein höchst interessantes Forschungsgebiet. Es könnte erhellen, wie Tauschkommunikationen „überpersönliche Formen der Kultur“ (so der Kulturphilosoph Georg Simmel) erzeugen, an denen sich Akteure orientieren und über die sie sich vergesellschaften; wie Geld Komplexität zu reduzieren gestattet um zu ermöglichen, neue und ganz unüberschaubare Komplexitäten aufzubauen; und wie diese überpersönlichen Formen zu Trägern und Treibern der Wohlstandsproduktion werden.

Weiter: wie oder ob diese Formen zu Wachstum zwingen. Man könnte systematisch untersuchen, was auf diese Weise in das einzelne bzw. kollektive Bewusstsein gehoben wird, und was systematisch ausgeblendet wird. Auf diesem Weg könnte man parallel zu Maturana und Varela, die Leben als Prozess der Erkenntnisgewinnung beschrieben, eine Theorie der Zivilisation als Theorie des Erzeugens oder der Entstehung gesellschaftlichen Wissens bzw. Unwissens entwickeln.

Man würde in ganz andere Bereiche vordringen, fernab von der Hirnforschung, der sich jüngst auch Ökonomen in Überschätzung der Leistungsfähigkeit dieser mit Begeisterung zuwenden, um nachzuweisen, dass sich Menschen doch nicht wie der berühmt-berüchtigte homo oeconomicus verhalten. Hüther könnte sich insofern bestätigt sehen, dass Bewusstsein nicht an das Individuum und schon gar nicht an dessen Hirn gebunden ist, sondern würde vielleicht auch zum Ergebnis kommen, dass es so etwas wie gesellschaftliche Intelligenz gibt, die in gewissen Belangen über die Intelligenz der Einzelnen unendlich hinausreicht, um in anderen Belangen aber doch sehr hinter dieser zu bleiben.

Die Bewusstseinsforschung sollte auch eine Antwort geben können, welche sozialen Systeme annähernd in der Lage sind, Bedingungen für ein „Gelingen von Gesellschaft“ zu erschaffen. Einer diesbezüglichen Frage aus dem Publikum wich Gerald Hüther nicht nur aus, sondern gab eine sehr relativierende Antwort. Er sagte, dass sich Gesellschaften schon immer auf Suchprozesse nach geeigneten Formationen begeben hätten, und dass das letzte Jahrhundert gezeigt hätte, dass solche Suchprozesse (ich denke an das sozialistische Experiment oder auch an den Faschismus) auch in die Katastrophe führen könnten. Diese Antwort finde ich allzu relativierend. So wie die Verstandestätigkeit auf das Funktionieren von gewissen Synapsen im Gehirn angewiesen sind, so funktionieren auch Gesellschaften nur bei gewissen Formen der Kommunikation. Leider haben uns die Humanwissenschaften diesbezüglich wenig Orientierung gegeben – zum großen Schaden der Gesellschaft.

Raimund Dietz
www.raimunddietz.com

Raimund Dietz beschäftigt sich beruflich schon seit Jahrzehnten mit dem Thema Geld und der Frage nach einer neuen Geldordnung. Als Autor veröffentlichte er zuletzt „Geld und Schuld ‑ eine ökonomische Theorie der Gesellschaft“. Auch für uns hat er schon einen Gastkommentar zu diesem Thema verfasst.
Mit N21 hat er über die „Wachstum im Wandel“- Konferenz in Wien berichtet, auf dem dortigen Live-Blog und jetzt auch auf n21.press.

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