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Bild: Christine Ax
28. September 2015  /// Gesellschaft Leben

Höherer Lohn? Oder doch lieber mehr Freizeit?

Letzte Woche startete in Österreich die Herbstlohnrunde. Auch heuer beginnen die Verhandlungen mit den rund 180.000 MetallerInnen. Neben deutlichen Einkommenszuwächsen erhoffen sich die Gewerkschaften eine Ausweitung der sogenannten Freizeitoption, die den Beschäftigten die Entscheidung zwischen Lohnerhöhung und zusätzlicher Freizeit ermöglicht. Doch welche Motive sind für die Beschäftigten ausschlaggebend, wenn sie sich zwischen mehr Geld und mehr Freizeit entscheiden können?

Die Freizeitoption

Die Freizeitoption ermöglicht es den Beschäftigten, sich individuell zwischen einer Lohn-/Gehaltserhöhung und zusätzlicher Freizeit zu entscheiden. Voraussetzung dafür ist der Abschluss einer freiwilligen Betriebsvereinbarung zwischen Unternehmen und Betriebsrat. Außderdem können nur jene Beschäftigte von der Freizeitoption Gebrauch machen, deren Lohn/Gehalt dadurch nicht unter die kollektivvertraglich vereinbarte Mindestgrenze fällt. Einmal vereinbart, erhalten die Beschäftigten monatlich zusätzliche Freizeit gutgeschrieben, die entweder stunden- oder tageweise konsumiert oder auch über einen längeren Zeitraum hinweg angespart werden kann.

Die Freizeitoption wurde erstmals 2013 im Kollektivvertrag der Elektro- und Elektronikbranche eingeführt. Bei den damaligen Verhandlungen wurde ein Lohnplus von 3% erzielt. Beschäftigte, die sich für die Freizeitoption entschieden, erhielten dementsprechend fünf Stunden Freizeit pro Monat bzw. 60 Stunden pro Jahr gutgeschrieben. 2013 haben sich etwa 10 % der Beschäftigten in der Elektronikindustrie für die Freizeitoption entschieden. In Anbetracht der Tatsache, dass im ersten Jahr noch zahlreiche Unklarheiten im Raum standen (z.B. Sozialversicherungspflicht) und der Entscheidungszeitraum sehr kurz war, ist diese Zahl doch beachtenswert. Entgegen den meisten Erwartungen war die Inanspruchnahme relativ gleichmäßig über alle Gehalts- und Altersgruppen verteilt.

Die Freizeitoption wurde seitdem wiederholt in den Kollektivvertrag der Elektroindustrie aufgenommen und auch in anderen Branchen wie Bergbau und Stahl, Fahrzeugindustrie und Papierindustrie eingeführt. In der Metallindustrie wurde die Freizeitoption bislang nur in zwei der sechs MetallerInnenverbände angewandt. Diesbezüglich fordert die ArbeitnehmerInnenvertretung die Einführung bei allen sechs Branchenverbänden.

Entscheidungsmotive der Beschäftigten

Doch was sind die Gründe, die Beschäftigte dazu veranlassen, sich für mehr Freizeit anstatt eine Einkommenserhöhung zu entscheiden? Im Zuge meiner Masterarbeit habe ich ArbeiterInnen und Angestellte der Elektroindustrie befragt, die die Möglichkeit hatten, sich 2013 für die Freizeitoption zu entscheiden. Welche Motive und Rahmenbedingungen für deren Entscheidung ausschlaggebend sind, wird im Folgenden beleuchtet.

Zunächst liegt die Vermutung nahe, dass sich Beschäftigte mit höherem Einkommen eher für die Freizeitoption entscheiden. Tatsächlich waren finanzielle Aspekte oft ausschlaggebend bei der Entscheidung für eine Lohnerhöhung. Allerdings wählten auch teilweise Beschäftigte mit sehr hohen Einkommen (und ohne Kinder) die Lohnerhöhung, während sich einige SchichtarbeiterInnen wiederum für die Freizeitoption entschieden. Aus den Interviews ging hervor, dass Geld oftmals aus einer langfristigen Perspektive gesehen und stark mit Sicherheitsaspekten verknüpft wird, wodurch sich die Entscheidung zur Lohnerhöhung (vor allem bei Besserverdienenden) zum Teil erklären lässt.

Demgegenüber scheint Bildung eine ausschlaggebende Rolle zu spielen. Unter den Befragten gab es ein klares Muster: Unter den Beschäftigten, die sich für die Freizeitoption entschieden hatten, war der Bildungsgrad deutlich höher als unter jenen, die die Lohnerhöhung gewählt hatten. Auffallend war auch, dass Befragte mit höherer Bildung viel stärker den Wert von Freizeit bzw. Zeit mit der Familie und Kindern hervorgehoben haben, verglichen mit jenen mit niedrigerem Bildungsniveau. Dieser Zusammenhang erklärt sich möglicherweise dadurch, dass Personen mit längerem Bildungsweg weniger durch arbeitsweltliche Einflüsse und stärker durch alltägliche Erfahrungen geprägt werden. Für Menschen mit höherer Bildung dürften daher Freizeit und Zeit mit der Familie tendenziell wichtige Werte in ihrem Leben darstellen.

Zu erwähnen sind auch die Gründe, weshalb sich Beschäftigte gegen die Freizeitoption entschieden. Neben den bereits genannten finanziellen Faktoren gaben die Befragten oft an, dass sie die zusätzliche Freizeit nur schwer hätten konsumieren können. Viele berichteten, dass sie nicht einmal ihre derzeitigen Urlaubsansprüche abbauen könnten, da sie unter starker Arbeitsbelastung stünden, bzw. niemand sie bei Abwesenheit vertreten könne. Diese Aussagen sind auch im Kontext einer sich verändernden Arbeitswelt zu sehen. In der Vergangenheit bestand ein Großteil der Tätigkeiten noch aus standardisierten Abläufen, sodass Beschäftigte recht leicht ersetzt werden konnten. Die heutige Arbeitswelt hingegen ist gekennzeichnet von zunehmend komplexer werdenden Tätigkeiten, die ein hohes Maß an Wissen, Kreativität und Eigenverantwortlichkeit erfordern. Parallel dazu entwickelte sich die Tendenz, die Erfüllung von Arbeitsaufträgen verstärkt nach dem Ergebnis zu beurteilen. Ging es noch vor einigen Jahren darum, eine gewisse Arbeitszeit abzuleisten, sehen sich Beschäftigte nun immer öfter mit dem Anspruch konfrontiert, eine geforderte Leistung abzuliefern. Durch diese Tendenz, die in der Soziologie unter dem Begriff „Subjektivierung“ von Arbeit beschrieben wird, kommt es zu einer Verlagerung der Verantwortlichkeit vom Management zu darunterliegenden Ebenen. Beschäftigte erfahren dadurch zwar einen Zugewinn an Autonomie, allerdings steigt so auch die Gefahr der Selbstausbeutung. Diese Tendenzen können in diesem Zusammenhang auch als wesentlicher Hinderungsgrund für die Inanspruchnahme der Freizeitoption betrachtet werden.

Link zur Studie „Reduction of Working Time in Austria. A Mixed Methods Study Relating a New Work Time Policy to Employee Preferences“: http://www.foreurope.eu/fileadmin/documents/pdf/Workingpapers/WWWforEurope_WPS_no097_MS225.pdf

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