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Bild: (c) Karin Stanger
19. April 2016  /// Gastkommentar Politik

„Ich frage mich: Was tun in solchen Situationen?“

Gastkommentar von Karoline Peneder

Der Saal war dunkel, das Publikum still. Klaviermusik ertönte in unseren Ohren, als das erste Interview zur Flucht gespielt wurde. Farsi oder Arab? Das war die erste Frage im dargestellten Asylprozess. Und dann folgten Träume und Vorstellungen für die Zeit in Österreich. Das Stück zog mich in seinen Bann und ich schämte mich fremd für die österreichische Asylpolitik.

Plötzlich, die Tür knallte auf, ein Schwall Menschen platzte von der vorderen linken Seitentür des Audimax’ herein. Durch das Megaphon wurden Dinge gegrölt, die ich nicht verstand, oder an die ich mich nicht mehr erinnere. Ich war verunsichert, mein Herz begann zu klopfen, wirklich schnell. Meine Hand vor den Mund und die Augen starr. Ich war unsicher, gehört dies zum Stück? Was soll das? Ich will weg! Oder mich zumindest klein machen. Ein Fluchtinstinkt setzte bei mir ein. „Fuck fuck fuck fuck“, flüsterte ich. Denn es war schon klar, es waren die Identitären. Ihr Logo erschien groß an einem Transparent. Ein weiteres hielten sie stehend auf der bereits eingenommenen Bühne. Heuchler stand darauf geschrieben und war mit Kunstblut dekoriert.

Es ging alles so schnell, es war alles nicht wirklich einschätzbar. Was wollten sie und wie weit würden sie gehen? Die Schauspieler wurden von den ÖH-Leuten schnell von der Bühne gebracht als Flyer von der Galerie aus herunter segelten.

Während ich mich noch klein machend in Schockposition befand, begannen die Leute neben mir aufzustehen, Position zu beziehen, „Nazis raus!“ und „Antifaschista!“ zu rufen. In diesem Moment fand ich das wirklich stark, fast schämte ich mich dafür einfach weg zu wollen. Die Fäuste nach oben gerichtet, mehr und mehr Stimmen im Einklang, protestierend gegen das, was gerade passierte…
Und dann waren sie wieder weg.
Die Tür war wieder geschlossen und alle Leute im Publikum standen auf und schrien „Say it loud, say it clear, refugees are welcome here“.

Es war offensichtlich, alle standen unter Schock, oder waren zumindest sehr irritiert. Zunächst zogen sich die Schauspieler*Innen und das ÖH-Team zurück, um zu besprechen, wie weiter gemacht werden sollte – was nun noch überhaupt möglich sei zu geben.
In dieser Viertelstunde hatte ich Zeit ruhiger zu werden, mir war noch immer schlecht. Die Tatsache in einem dunklen Raum „eingesperrt“ zu sein, beziehungsweise aus einer Situation nicht bewusst raus gehen zu können, barg für mich den größten Unmut. Bilder zu Paris, dem Attentat im Konzertsaal kamen ohne es zu wollen auf. Völlig übertrieben, aber die Medien pferchten diese Bilder in meinen Kopf. Nicht zu wissen was passiert und nicht weg zu können. Da wirken die Wände plötzlich bedrohlich.

In dieser Viertelstunde, kaum ging eine Tür auf, blickten alle Gesichter instinktiv und ängstlich in jene Richtung. Unsere Ohren waren gespitzt, auch wenn die Körper allmählich ruhiger wurden.

Und dann wurde das Stück fortgesetzt. Standing Ovations für alle Schauspieler*Innen. Es wurde dort fortgesetzt, wo noch vor wenigen Minuten unterbrochen wurde. Die Stimmung im Raum blieb angespannt. Einzelne Klaviertöne bildeten wieder dieselbe melancholische Melodie und die Interviewszene begann von neuem. Der Schauspieler erzählte von seinem Traum, Sänger werden zu wollen. Dann stimmte er ein Lied an, ein ruhiges. Ich fühlte mich noch immer unsicher. Wie die Schauspieler*Innen in diesem Moment empfanden, kann ich schwer sagen, ich kann es mir nur vorstellen.

Im Nachhinein erzählte ein afghanischer Bekannter meiner Freundin, dass er zunächst die Reaktion des Publikums nicht richtig deuten konnte. Waren wir für oder gegen das was passierte? Er verstand nicht was geschrien wurde, sah nur die Fäuste in der Luft.

Und ja, es stimmt. „Nazis raus!“ spiegelt dieses schwarz-weiß-Denken wider. Definiert wird, wer böse und wer gut ist. Ich muss sagen, ich tue mir schwer damit. Es ist eine Gradwanderung zwischen einerseits, Position zu beziehen, deutlich zu machen, dass man sich nicht einschüchtern lässt. Und andererseits wird Gewalt reproduziert und auf gleiche Art und Weise auf die Anderen projiziert. Ob sprachlich oder körperlich, unabhängig des politischen Inhaltes, ob extrem rechts oder links, in der Ausführung steht doch im Grunde keiner dem Anderen etwas nach.

Ich frage mich, was tun in solchen Situationen? Hätten sich Verletzungen, die es laut Zeitungsberichten gab, vermeiden lassen können? Und noch wichtiger: Werden wir uns in einigen Jahren vorwerfen, dass wir alles schon längst hätten kommen sehen?

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