Anna Holl
Bild: Anna Holl
22. August 2015  /// Leben Textil Wirtschaft

„Das Schicksal keines Menschen ist gleichgültig“

Liebe Anna, du fliegst morgen nach Bangladesch. Alleine. Es ist nicht das erste Mal, dass du in die Welt fährst um darüber zu schreiben. Wo warst du schon?

Das erste Mal ist es nicht. Aber ich bin das erste Mal alleine in Asien. In den letzten Jahren war ich in Ost-Afrika unterwegs: Südsudan, Uganda und Rwanda. Dort war ich als Volontärin, als Auslandsstudentin und Touristin. Und ich habe gleichzeitig Geschichten erzählt, die mir wichtig erschienen.

Warum machst du das? Ist es nicht gefährlich? Was sagen deine Eltern und Freunde? Ehrlich gesagt: Wenn meine Tochter das machen würde, wäre ich leicht beunruhigt. Frauen sind in diesen Regionen keineswegs sehr sicher.

Die Frage habe ich schon oft gehört. Ist es nicht gefährlich? Naja, vielleicht ein bisschen, vielleicht mehr als ein bisschen, vielleicht auch gar nicht. Die Frage stellt sich mir so nicht. Ich finde, es kommt immer darauf an, wie man sich verhält. Es wird von mir keine halsbrecherischen, gefährlichen Geschichten geben, in denen ich Skandale in Fabriken aufdecke oder so. Zumindest ist so etwas nicht geplant. Ich konzentriere mich auf die Hintergrundgeschichten, auf die Geschichten der Menschen. Am meisten interessiert mich: Was denken die Textilarbeiter über uns, für die sie die Kleidung unter ausbeuterischen Bedingungen herstellen?

Und mein Leben lang habe ich gehört, dass man als Frau Angst haben muss, vor diesem und jenem. Man sollte das nicht machen und nicht immer nur sagen: „Da musst du aber vorsichtig sein!“ Das macht natürlich in mancher Hinsicht auch Sinn. Man muss schon auch realistisch sein. Aber ich will mich nicht einsperren lassen, will keinen Käfig um meine Ideen bauen lassen, nur weil ich eine Frau bin. Das ist mir zuwider. Jetzt habe ich gerade Lust die Geschichte der Textilarbeiter und von Bangladesch zu erzählen. Und darum mache ich es.

Meine Eltern machen keine Freudensprünge, wenn sie hören, dass ich nach Bangladesch reise. Das habe ich ihnen schon erklären müssen, aber sie kennen mich so gut, dass sie wissen, dass es keinen Sinn macht, mich von meiner Idee abzubringen.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?
Zuerst habe ich Bücher gekauft, dann habe ich den Flug gebucht, dann habe ich mich mit Leuten unterhalten, die etwas von dem Thema verstehen und mir Tipps und Kontakte geben können. Ich habe Infos gesammelt und teilweise schon durchgelesen. Ich habe Ideenschlösser in meinem Kopf gebaut und einen Ideenplan auf meinen Schrank geklebt. Mehr nicht. Ich bin keine Expertin zu dem Thema, aber ich werde viel lesen und vor allem vor Ort viel sehen, denke ich.

Warum Bangladesch?
Bangladesch ist eigentlich ein Mini-Land. Aber es produziert enorm viel Kleidung. Nur das riesige China produziert weltweit mehr. Bangladesch ist DAS Land, wenn es um Kleidungsproduktion geht.
Mich interessiert das Thema Kleidung. Jeder von uns trägt sie. Jeder von uns kauft sie. Es geht ja nicht nur um Kleidung, es geht um die Weltwirtschaft, um Kapitalismus, um Ausbeutung, um Nachhaltigkeit und um Gerechtigkeit.

Warum ist dir das Schicksal dieser Menschen nicht gleichgültig? Und was macht es mit dir, wenn du mit all den Problemen konfrontiert bist, die du alleine nicht lösen kannst?

Puh, naja, das Schicksal keines Menschen ist gleichgültig. Vor allem ist es dann nicht gleichgültig, wenn wir als Gesellschaft, in Österreich zum Beispiel, Einfluss auf das Schicksal von Menschen haben. Und das haben wir im Kleidungsbereich. Ich kaufe ein T-Shirt, das ein Mensch produziert hat. Weil ich es so billig kaufe, verdient dieser Mensch nicht genug, um ein halbwegs normales Leben zu führen.

Ja, ich werde mit Problemen und Ungerechtigkeit konfrontiert werden, das stimmt. Ich habe schon vorher Ungerechtigkeit gesehen. Ich habe Freunde im Südsudan, die leben in kleinen Lehmhütten, die bekommen Geldprobleme, wenn sie krank werden. Die sind intelligent und voller Tatendrang und würden gerne eine Ausbildung machen, können es sich aber nicht leisten. Das ist ungerecht. In Österreich bekomme ich fast gratis eine Universitätsbildung und habe ein breites Spektrum an Möglichkeiten.
Ich weiß, dass die Welt ein ziemlich ungerechter Planet ist, und wenn einem das einmal klar ist, trifft einen die Ungerechtigkeit weniger tief. Sie ist trotzdem noch unheimlich und gänzlich falsch.

Worauf dürfen wir uns in den nächsten Wochen freuen? Worüber wirst du schreiben?

Es wird keine Skandal- und Aufdecker-Geschichten geben. Dieses Mal zumindest nicht. Mich interessieren die Menschen von Bangladesch. Mich interessiert, was sie denken. Was denkt eine Textilarbeiterin, die keine 100 € im Monat verdient, aber jeden Tag mehr als 12 Stunden arbeitet, über uns, über diejenigen, die das von ihr produzierte Produkt dann kaufen? Warum sorgen die Fabrikbesitzer nicht für bessere Arbeitsbedingungen, was zwingt sie dazu und wie geht es ihnen damit? Was sagt die Regierung in Bangladesch? Wo gibt es positive Entwicklungen, wohin könnte eine gerechtere Produktionsart gehen? Das sind einige der Fragen, die ich beantworten will. Wie weit ich komme, werden wir in den sechs Wochen sehen. Auf jeden Fall gibt es regelmäßig einen kurzen Blog über alltägliche Erlebnisse von mir in Bangladesch und zweitens ausführliche Artikel zu verschiedenen Aspekten.

Ganz praktisch: Wie wohnst du? Wie geht das? Du sprichst vermutlich kein Bengalisch? 

Die erste Woche werde ich couchsurfen. Ich schlafe also bei Bangladeschis, die auf der Webseite couchsurfing.com einen gratis Platz zum Schlafen anbieten. Danach will ich mir ein billiges Zimmer zum Wohnen suchen.

In Bangladesch spricht man Bengalisch, und wie ich bisher mitbekommen habe, sprechen viele Menschen kein Englisch. Ich will deswegen viel mit Bangladeschis zusammenarbeiten, und hoffe, dass sie auch Lust dazu haben. Meine erste Couchsurferin hat schon Interesse gezeigt.

Welche Kleidungsstücke hast du dabei? Wie geht „nachhaltig“ leben, wenn die jungen Frauen um dich herum jeden Tag ein neues Outfit tragen, das sie sich nur leisten können, weil andere junge Frauen unter fragwürdigen Bedingungen diese Textilien herstellen. Was denkst du über die Widersprüche, in denen wir leben?

Wir leben in großen Widersprüchen. Unser System ist krank. Und wir sind in diesem System gefangen, bis wir ausbrechen. Ich selbst habe bis jetzt, was Kleidung betrifft, nicht nachhaltig gelebt. Ich habe genauso wie alle anderen bei den uns allen bekannten großen Firmen eingekauft. Ich will den Leuten auch nicht sagen, wie sie nachhaltig leben sollen. Ich will drüber schreiben, weil ich denke, dass jeder von uns mit mehr Wissen bessere Entscheidungen treffen kann. Auch ich. Die Reise wird meinen Blick auf Kleidung sicher stark verändern und hoffentlich den von vielen anderen.

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