17. Oktober 2015  /// Gesellschaft Textil Welt

Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch: Interview mit Filmemacher

Nazrul Islam Khan kommt aus einer großen Traube Menschen vor seinem Büro und schüttelt meine Hand. In seinem Büro und außerhalb sind alle schwer beschäftigt. Nur noch zwei Tage sind es bis zum Filmstart. Plakate werden aufgerollt und an Männer verteilt, die sie vor Kinos und anderen Orten aufhängen sollen. Eben erst war die Vorführung von Nazruls Film über den Einsturz des Rana-Plaza-Komplexes vom Obersten Gerichtshof für sechs Monate verboten worden. Begründung: Der Film zeichne ein schlechtes Bild vom Textilsektor in Bangladesch. Nachdem die Produzentin eine Petition gegen das Urteil startet, ist der Film zwei Tage später wieder frei. Als ich Nazrul an diesem Tag treffe, glaubt er noch, dass der Film jetzt gezeigt werden kann. Ein paar Tage nach unserem Gespräch ist Nazrul Islam Khan erneut vor Gericht. Der Film darf nicht gezeigt werden.

Warum so viel Trubel um einen Film? Er behandelt den schlimmsten aufgezeichneten Arbeitsunfall aller Zeiten. 2013 starben mehr als 1.100 Menschen beim Einsturz eines mehrstöckigen Fabrikgebäudes. Nazrul machte einen Film darüber. Er erzählt die wahre Geschichte von Reshma Begum, die nach 17 Tagen lebend aus den Trümmern gerettet wurde. Er erzählt die Liebesgeschichte der jungen Frau und gibt den Textilarbeiterinnen so ein Gesicht.

Warum haben sie einen Film über den Einsturz des Rana Plaza – Komplexes gemacht?

Der Einsturz war der größte Unfall in der Geschichte Bangladeschs. Er hat die ganze Welt schockiert. Ich selbst war 17 Tage lang vor Ort  und habe den Vorfall genau beobachtet. Ich habe das Leid der Menschen miterlebt. Deswegen hatte ich den Wunsch, einen Film darüber zu machen und ihn der ganzen Welt zu zeigen, damit mehr Menschen davon erfahren.

Was ist die Botschaft ihres Filmes?

Der Film soll das Bewusstsein in der Bevölkerung erhöhen. In Bangladesch kommen arme Familien vom Land in die Städte, um in der Textilindustrie zu arbeiten. Mit dem Film wollen wir ihnen zeigen, wo sie arbeiten und wie diese Gebäude gebaut sind. Wir wollten auch zeigen, wie die Fabrikbesitzer die Industrie verändern könnten, damit die ArbeiterInnen sicher sind. Außerdem erzähle ich die Geschichte der jungen Arbeiterin Reshma Begum. Dass sie gerettet wurde, war ein Wunder! Der Kern der Geschichte handelt davon, wie sie im Schutt überlebt hat; ihr Kampf und auch ihre Liebesgeschichte.

Die lokale Bangla-Filmindustrie erzählt meistens Liebesgeschichten, die nicht auf einer wahren Geschichte basieren und nicht so kontroverse Themen behandeln. Warum gehen sie einen anderen Weg?

Es gab bis jetzt in diesem Land keinen Film über von Menschen gemachte Katastrophen. Es ist der erste in Bangladesch produzierte Film, der von einer Katastrophe handelt. Es gab in letzter Zeit einige Unfälle in der Textilindustrie, so wie den Brand von Tazreen Fashion, aber wir haben daraus anscheinend nichts gelernt. Als Filmemacher dachte ich mir: Ich habe eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Also wollte ich diesen Film machen, um die Leute aufzuklären, um ihnen bei ihrem Kampf um sichere Arbeitsplätze zu helfen. Ich dachte, wenn die Leute und die Fabrikbesitzer, nachdem sie den Film gesehen haben, etwas aufgeklärter sind, dann ist das all unsere Arbeit und unsere Investition in den Film wert.

Ihr Film wurde am 24. August für sechs Monate vom Obersten Gerichtshof verboten, nachdem er zuvor von der Zensurbehörde zugelassen worden war. Die Textilgewerkschaft BNGWEL hatte eine Petition gegen den Film unterzeichnet.  Sie kritisierte den Film als zu brutal, er verängstige die Textilarbeiter. Und der Gerichtshof verbat den Film mit der Begründung, er würde „ den sensiblen Textilsektor Bangladeschs negativ darstellen“ und das Image des Landes als Produktionsstandort schädigen. Am 6. September wurde er ohne Begründung wieder zugelassen. Was denken sie über das Verbot von damals?

Diejenigen, die gegen mich waren, kannten nicht die ganze Geschichte. Weil die Textilindustrie wegen des Unglücks einige Schwierigkeiten bekommen hatte, bestand die Angst, dass der Film noch mehr Probleme erzeugen und dem Geschäft schaden würde. Aus dieser irrationalen Angst heraus haben sie sich an den Obersten Gerichtshof gewandt. Sie sind vorher nicht einmal zu mir gekommen. Wenn sie das getan hätten, hätte ich ihnen zeigen und erklären können, wovon mein Film handelt. Ich hätte mir ihre Kritik angehört und versucht, Lösungen zu finden. Aber sie haben gegen den Film protestiert, ohne ihn vorher gesehen zu haben.
Eigentlich hätte ich den Film am 4. September das erste Mal gezeigt. Wegen der einstweiligen Verfügung habe ich jetzt schon sehr viel Geld verloren.

Ihr Film schadet der Textilindustrie also nicht, wie Ihre Kritiker sagen?

Ich bin ein Bürger dieses Landes und Filmemacher. Als verantwortungsvoller Bürger dieses Landes habe ich großen Respekt vor unserer Flagge und würde nie daran denken, etwas zu tun, das unserem Land schadet. Ich habe diesen Film gemacht, um die Menschen in meinem Land aufzuklären. Warum sollte ich einer wichtigen Industrie unseres Landes schaden wollen? Was denken sie? Warum sollte ich so etwas tun?

Im Trailer sind die Szenen vom Einsturz wirklich sehr anschaulich und brutal. Warum haben sie diese Darstellungsform gewählt?

Weil es eine wahre Geschichte ist. Als das Gebäude eingestürzt ist, sind Leute gesprungen und unter dem Schutt begraben worden und dort gestorben. Das ist echt. Das ist wirklich passiert. Es gab Körper, die durch den Einsturz zerteilt wurden. Wenn ich aufklären will, muss ich zeigen, was passiert ist. Wie sollen die Zuschauer sonst verstehen?

Wie haben sie den Film vorbereitet, wie haben sie recherchiert?

Eines kann ich ihnen sagen: Es gab sehr viele Dinge, die ich herausfinden musste. Ich rannte von einem Ort zum anderen, um Informationen zu erhalten und das richtige Bild zu zeigen. Ich habe mein Bestes gegeben, und in den Film ist viel Herzblut von mir geflossen.

Ich habe die Katastrophe auch mit eigenen Augen gesehen. Ich war an fast allen der 17 Tage nach dem Unglück dort. Ich habe die Rettungsarbeiten beobachtet. Ich habe die Schreie der feststeckenden Opfer gehört. Ich habe das alles mitgefühlt.

Wenn ArbeiterInnen verschüttet waren, habe ich das Leid ihrer Angehörigen vor Ort miterlebt. Ich habe mit ihnen gesprochen und sie über ihr Leben befragt, woher sie kommen und anderes. Ich habe auch mit vielen anderen Menschen dort gesprochen, die Retter eingeschlossen, und Informationen aus vielen, verschiedenen Quellen zusammengetragen. Danach habe ich mit meinem Drehbuchautor diskutiert und mit tatkräftiger Hilfe meines Regieassistenten den Film verwirklicht.

Würden sie sagen, ihr Film ist kontrovers?

So ein Film ist sehr einflussreich. Besonders wenn er von einer Katastrophe handelt. Ich war sehr darauf bedacht, dass keine Personen, Institutionen, Politiker oder Parteien durch den Film Schaden nehmen. Nach der Katastrophe dauerte die Rettung 17 Tage. Man kann zu Recht sagen, dass das eine große Leistung der Regierungspartei war. Aber das war nicht mein Fokus. Denn hätte ich das getan, hätte die Opposition zu Recht sagen können, dass der Film gemacht wurde, um die Regierung zu preisen. Ich habe den Film aber wie gesagt gemacht, um die einfachen Leute in meinem Land aufzuklären.

Ich zeige den Einsturz des Gebäudes, die Menschen, die in dem Gebäude feststecken und unter den Trümmern begraben sind und erzähle die Geschichte der Menschen, die dort gearbeitet haben, die Situation vor Ort. Ich kenne auch die Geschichte einiger Fabrikbesitzer, aber von ihnen handelt der Film schon deshalb nicht, weil gegen sie derzeit noch ermittelt wird und die Urteile noch ausstehen. Wir wollten eine Vorverurteilung vermeiden. Deshalb haben wir uns auf die Geschichte der TextilarbeiterInnen konzentriert. Ich habe mich darauf beschränkt, ein gutes Produkt zu schaffen, von einem neutralen Standpunkt aus betrachtet.

Was für Filme haben sie sonst schon gedreht? 

Ich habe bisher acht andere Filme gemacht. Mein erster Film heißt „Shopner Bides“. Er zeigt Arbeitsmigranten, die aus armen in reichere Länder ziehen, vor allem nach Europa.

Während meiner Zeit als Regieassistent habe ich eine Nachricht darüber gelesen, dass 32 Menschen auf ihrem Weg nach Europa erfroren sind. Das hat mich sehr berührt. Ich fing an darüber nachzudenken, wie schwierig die Lage derjenigen ist, die aus armen Ländern in die reichen Länder wollen, um dort Arbeit zu finden. Ganz normale arme Leute, die arbeiten wollen. Ich verstehe nicht, warum sie so schlecht behandelt werden. Sie wollen einfach nur arbeiten und mit ihrem Einkommen ihre Familien unterstützen. Warum all diese Grenzen? Das ist es, wovon mein Film handelt. Ich stelle einfach nur Fragen an die Welt.

Ich hatte große Schwierigkeiten diesen Film zu machen und konnte ihn nicht zu Ende bringen. Deshalb will ich nicht mehr darüber erzählen. Nur soviel: Ich hatte bei den Dreharbeiten mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen. Als ich Visa für Russland beantragt habe, um dort zu drehen, wurden uns nur drei Visa genehmigt: eines für mich, eines für den Schauspieler, der die Hauptrolle spielt, und eines für den Kameramann. Sonst niemand. Einfach weil sie es können. Oder weil sie bei so vielen Menschen aus einem armen Land sofort an Schlepper denken.

Aber wie kann ich einen Film mit nur drei Leuten machen? Du siehst, Diskriminierung gibt es überall. In den wohlhabenden Ländern gibt es viel Arbeit. Die Migranten, deren Geschichte ich erzähle, wollen arbeiten. Haben die Menschen denn kein Recht auf Arbeit? Warum werden ihnen so viele Hindernisse in den Weg gelegt? Warum müssen Menschen die Suche nach Arbeit mit ihrem Leben bezahlen? Das ist natürlich ein großes Projekt. Der Film scheiterte letztlich auch an mangelnden finanziellen Mitteln.

Was treibt sie dazu, Filme zu machen?

Ich glaube, Menschen kommen auf diese Erde, um etwas Gutes zu tun. Ich werde nicht ewig leben, aber meine Arbeit wird mich überdauern. Auch wenn das fast immer mit Anstrengungen verbunden ist – es ist nie einfach. Für eine gute Sache werde ich trotzdem tun, was notwendig ist.
Als armes Land haben wir viele Probleme, angefangen bei der schwachen Wirtschaft. Wir müssen so viel mehr Hindernisse überwinden, in jedem unserer Lebensabschnitte. Vielleicht können wir diese Probleme eher lösen, sollte unser Land reich werden.
Wir können allgemein noch so viel mehr erreichen. Wenn nicht diese Generation, dann zumindest die folgenden. Der Schöpfer hat mich schon belohnt, aber die Möglichkeiten, mich weiter zu entfalten, sind noch beschränkt.

Sie wollen in Zukunft einen Film über Fundamentalismus machen. Erzählen sie uns etwas darüber.

Ich habe eine Idee für einen Film über Fundamentalismus, die zurzeit erst 60 Prozent fertig ist – aber ich arbeite daran. Ich finde, dass die Fundamentalisten diesem Land nicht gut tun. Sie predigen auch in keinster Weise den Islam. Stattdessen schaden sie unserer eigentlich friedlichen Religion, weil sie nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben. Ich glaube, dass jede Religion der Welt gut ist. Ich respektiere jede andere Religion, auch wenn der Islam einen ganz besonderen Platz einnimmt. Ich liebe meine Religion.
Diese Leute sind Schlächter, töten Menschen in Moscheen. Das ist nicht der Islam, niemals! Ich arbeite an einem Film, wo es um diese Thematik geht.

Was würden sie jemandem sagen, der meint, sie machten ihre Filme nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Ich will ein Bewusstsein wecken. Menschen machen viele Dinge, selbst ich habe schon acht Filme gemacht. Ein anderer bekannter Film von mir war „Badhu boron“, aber niemand nennt mich den „Regisseur von Badhu boron“, sondern den „Regisseur von Rana Plaza“. Der Film hat wohl einfach den Nerv der Zeit getroffen. Man spricht darüber. Vielleicht haben nicht alle Menschen den Mut, an so etwas zu arbeiten – ich habe ihn. Und damit habe ich auch die Verantwortung und Bereitschaft, etwas Gutes zu tun. Das ist das Wichtigste.

Hier das YouTube Video: Rana Plaza 2015 Bangla Movie Trailer By Symon & Porimoni HD

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