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10. August 2015  /// Gesellschaft Welt Wirtschaft

Klimaforscherin fordert neues Wirtschafts- und Geldsystem

Prof. Dr. Helga Kromp-Kolb ist eine der führenden KlimaforscherInnen Österreichs und Leiterin des „Zentrums für globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ an der BOKU Wien. Sie leitete im Juli 2015, wie auch schon im Vorjahr, die akademische Seite der „Alternative Economic and Monetary Systems“ (AEMS) Summer School – von der N21 bereits in einer Reihe von Artikeln berichtet hat. Christine Ax hat sie kurz vor Ende der Summer School zu einem Interview getroffen:

Was ist der Grundgedanke dieser Sommerschule?

Die grundlegende Motivation ist, dass es an den Universitäten – den Wirtschaftsuniversitäten aber auch den anderen Universitäten – derzeit zu wenig Diversität bei den unterrichteten Ansätzen und Konzepten für Geldsysteme und die Wirtschaft gibt – und auch zu wenig Methodenwissen. Die Universitäten sind sehr auf Modellberechnungen ausgerichtet, und in der Wirtschaft und gerade in gesellschaftlichen Systemen ist das vielleicht nicht die einzige Möglichkeit, zu guten Lösungen zu kommen. Das war der Anlass. Das man hier etwas tun muss! Es bewegt sich schon etwas an den Universitäten, aber eben nicht sehr viel, und diese Summer School ist ein Beitrag der BOKU in diesem Bereich. Dass das jemand macht, der aus den Naturwissenschaften kommt, mag befremdlich wirken, andererseits aber auch nicht. Denn Außenstehende tun sich oft leichter damit, Ungewöhnliches auf die Beine zu stellen, als jemand, der in der Community fest verankert ist und sich womöglich rechtfertigen müsste. Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, ökologische Fragestellungen in diese ökonomischen Überlegungen hineinzubringen. Viele der international sehr anerkannten Ökonomen und Geld-Experten, die wir einladen, machen sich nur wenig Gedanken über die ökologischen Grenzen. Unsere Sorge ist natürlich, dass wir das Wirtschafts- und Geldsystem ändern und die ökologischen Grenzen wieder nicht berücksichtigt werden. Das ist mein Anliegen, und ich bringe es immer wieder ein. Studierende und Lehrende müssen verstehen: Wir dürfen nicht nur das Geldsystem reformieren. Wir brauchen eine Reform, die auch andere Aufgaben mit erfüllt.

Die Studenten kommen aus aller Welt …

(lacht) Erstaunlicherweise ist es schwieriger, Studenten aus Österreich zu bekommen als aus dem Rest der Welt.

… mit welchen Erwartungen und Hoffnungen?

Wir fragen das jedes Mal ab. Ich glaube, dass sie genau deswegen kommen, um ihren Horizont zu erweitern. Manchmal sind die Erwartungen zu hoch gesteckt. Man wird nicht in zwei Wochen zum Experten in allen ökonomischen und monetären Alternativen. Man kann nur die Grundgedanken vermitteln und zeigen, wohin dieses oder jenes Konzept führt, welche Stärken und Schwächen die Alternativen haben, über die wir diskutieren. Die meisten Konzepte sind ja auch noch nicht fürchterlich ausgereift und schon gar nicht erprobt. Das heißt aber auch: Es ist vollkommen klar, dass es noch viel Gestaltungmöglichkeit gibt. Wir versuchen daher auch zu vermitteln, dass es nicht nur darum geht, das beste System – quasi ein Allheilmittel – zu vermitteln. Das gibt es derzeit nicht. Und wahrscheinlich wird es das nie geben. Vermutlich geht es darum, geeignete Systeme für geeignete Probleme zu finden und sich zu fragen: „Wie lassen sie sich kombinieren?“

Sie haben den TeilnehmerInnen Aufgaben gestellt. Morgen präsentieren die Gruppen ihre Ergebnisse. Was erwarten Sie?

Es sind sechs Gruppen, und die Auswahl der Themen war den Studierenden selbst überlassen. Sie haben ein Problem ausgewählt, das ihnen ganz besonders am Herzen liegt. Es sollte natürlich ein Problem sein, das heute schwer lösbar ist, aber durch Veränderungen des ökonomischen Systems oder des Geldsystems lösbar wird. Da die Wahl des Themas erfolgte, als das Geldthema im Vordergrund stand, beschäftigen sich viele Gruppen damit. Zwei Projekte beschäftigen sich mit einem eigenen Geldsystem für Universitäten. Das Geld soll die Interdisziplinarität fördern. Ein andere Gruppe sucht nach Lösungen, wie man mit Hilfe eines Tauschsystems die Situation in Flüchtlingslagern verbessern kann. Eine Gruppe beschäftigt sich mit einem Banksystem, das es finanzschwachen Familien ermöglichen soll, ihre Kinder auf die Universität zu schicken, ohne dass Geld eine Rolle spielt.

Keine Nachhaltigkeit, ohne dass wir das Geldproblem lösen?

Das ist mir bei der Vorbereitung der Summer School 2014 richtig klar geworden. Unser heutiges Geldsystem trägt wesentlich zum Wachstum bei. Nachdem Wachstum in unserem begrenzten Ökosystem auch nur begrenzt möglich ist, ist es ganz offenkundig, dass ein System, für das Wachstum essentiell ist, hier nicht hinein passt. Ich glaube, dass Lietaer da vollkommen Recht hat. Ich bin nur nicht sicher, ob ihm, wenn er von Nachhaltigkeit redet, immer die ökologische Nachhaltigkeit am Herzen liegt, oder ob er nicht doch sehr oft von der Nachhaltigkeit des Geldsystems redet. Nichtsdestotrotz gilt der Begriff sicher für beides.

Bedeutet mehr Geld im Umlauf nicht immer auch mehr Konsum?

Wenn wir wollen, dass die Menschen in der „dritten Welt“ unseren Lebensstandard erreichen, ist das nicht ohne steigenden Konsum möglich. Diese auf Konsum basierende Vorstellung von Wohlstand oder Lebensstandard ist aber auch irreführend. Denn eigentlich geht es um Lebensqualität. Ich glaube, dass Lebensqualität mit einem niedrigen materiellen Lebensstandard vereinbar ist. Wenn das in industrialisierten Ländern verstanden wird und wir von unserem Konsum „herunterkommen“, entsteht mehr Platz für den Konsum der Schwellen- und Entwicklungsländer. Deren Konsum kann dann auf dem Niveau stattfinden, auf das wir uns hier reduziert haben. Wo dieses Niveau genau liegt, hängt von der Zahl der Menschen ab. Deswegen ist die demographische Frage auch so entscheidend.

Die UN hat heute ihre Bevölkerungsprognose nach oben korrigiert. Was bedeutet das?

Das ist auch etwas, das unsere Studierenden hoffentlich mitnehmen: Die Entwicklung der Weltbevölkerung ist kein Naturgesetz, sondern steuerbar. Man kann mit politischen Maßnahmen das Bevölkerungswachstum erhöhen oder reduzieren. Und zwar auch mit Methoden, die mit den Menschenrechten vereinbar sind. Viele europäische Staaten setzen auf Bevölkerungswachstum. Auch weil sie glauben, nur so das Pensionssystem in Zukunft finanzieren zu können. National mag das einleuchten, aus einer globalen Perspektive betrachtet, ist eine solche Politik – übrigens auch für Österreich – katastrophal. Denn wir verbrauchen mehr Ressourcen, als wir in unserem Land zur Verfügung haben. Wenn in Zukunft alle Länder nur noch so viel verbrauchen dürfen, wie sie selber mit den eigenen Ressourcen herstellen können, wird es Österreich schlecht gehen. Es ist viel einfacher Lösungen zu entwickeln, wie man alten Menschen den Lebensabend schöner gestalten kann, als die Probleme zu lösen, die mit zu vielen Menschen auf der Erde verbunden sind.

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