29. Mai 2017  /// Energie Wirtschaft

Japan for Sustainability – Mai

Akteure der Nachhaltigkeit wollen nicht nur das Energiesystem, sondern auch die Gesellschaft umbauen

von Magdalena Vallazza

Fukushima, Smog in Tokyo und viel Plastik – das sind herkömmliche Assoziationen, die mit der ostasiatischen Nation in Verbindung gebracht werden. Es gibt aber auch andere Botschaften: So versucht Japan, sich immer stärker als Nachhaltigkeits-Vorbild darzustellen. Bereits 2013 hatte die Industrienation beim „Global sustainability index“ alle anderen asiatischen Länder abgehängt. Doch bisher funktionierte Umweltschutz in Japan auch nur über Emissionszertifikate, Versprechungen, kurz: den Geldbeutel. Oder?! Ein genauerer Blick lohnt sich.

„Japan for sustainability“ (JFS) ist eine non-profit-group, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Welt über Nachhaltigkeitsthemen aus Japan zu informieren. Dazu berichtet JFS sowohl von kleinen Initiativen der Zivilgesellschaft als auch über Ambitionen von Unternehmen und Betrieben bis hin zum Diskurs und Maßnahmen der Regierung.

Energiewende in Japan?

Besonders spannend ist dabei zum Beispiel der Blick auf die Energieversorgung Japans. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima war zu erwarten, dass die Energiewende heiß diskutiert würde. Doch wie ist die Entwicklung vorangegangen? Vor Fukushima betrug der Anteil Erneuerbarer Energien stetig um die 10 Prozent. Der Anteil stieg wie erwartet in den letzten Jahren, angetrieben vom 2012 in Kraft getretenen „FIT-Scheme“ (Feed-in-Tariff), einer Einspeisevergütung wonach die Energiefirmen zum vertraglichen Kauf von Erneuerbarer Energie zu fixen Preisen verpflichtet sind.  Vor allem die Photovoltaik erlebte dadurch einen Aufschwung, was mittlerweile zu einem etwa 15-prozentigem Anteil der Erneuerbaren am Energie-Mix führte. Demgegenüber scheinen Wind und Geothermie bis dato noch nicht in die Gänge gekommen zu sein. Die Wasserkraft blieb in etwa auf dem gleichen Stand, während die Energieerzeugung durch Biomasseverbrennung etwas anstieg.

Der Bericht von JFS geht in einigen Details noch genauer in die Tiefe und zeigt, dass einige Regionen und auch Unternehmen auf einem guten Weg sind. Bemerkenswert waren auch die Energieeinsparungen direkt nach dem Vorfall von Fukushima. Hier wird gezeigt, dass weniger Energieverbrauch und gleichzeitig mehr Erneuerbare durchaus möglich sind und, dass man auch ohne Kernkraft auskommen könnte.

Warum also scheint der Weg, den Japan nun einschlägt, wieder mehr in die Richtung von Atomkraft zu gehen? Als wirkliche Energiewende kann man die Entwicklungen noch nicht bezeichnen. Denn das Land steckt sich nur wenig ambitionierte Ziele: Ausbau der Erneuerbaren auf 13,5 Prozent bis 2020 und etwa 23 Prozent 2030. Somit wurde das  Zielfür 2020 schon zwischen 2012 und 2015 erreicht.  In den Unternehmen der Energieversorgung und Erzeugung und in der Bevölkerung  tut sich also offensichtlich mehr, als von der regierungsamtlichen Energiepolitik vorgesehen! Warum so zögerlich, Japan?

Nachhaltigkeitstreiber Wirtschaft?

In Japan vollzieht sich, was in auch in vielen anderen Ländern zurzeit der Fall ist: Viele kleine Initiativen aus der Bevölkerung und auch einige Unternehmen ziehen in eine progressive Richtung und fördern das Neue, während die Spitze des Landes dem ebenfalls gerne folgen würde, aber sich dazu noch nicht traut. Etwas entschlossener läuft es bei der Vergabe finanzieller Mittel zur Förderung nachhaltiger Entwicklung bei Unternehmen: JFS berichtet über ein Business-Modell, das vorsieht, nun mehr in „die Guten“ der Unternehmen zu investieren und so eine lebenswerte Zukunft direkt zu fördern. Es entstehen ökosoziale Fonds, deren Gelder solchen Unternehmen zur Verfügung stehen sollen, die 1. die Geldmenge steigern, 2. die Gesellschaft bereichern und 3. die Investoren zufriedenstellen.

„Happiness in exchange for money“ lautet das Motto vom „Sustainable Investment“. Auf den ersten Blick  also ein marktkonformes Modell, das das Wirtschaftssystem in keiner Weise in Frage stellt, ist doch das erste Vergabe-Kriterium rein finanziell motiviert. Aber ein genauerer Blick lohnt sich doch, denn mittlerweile hat sich die Art des Investments geändert: Es wird dabei auf die Crowd und auf Mikrofinanzierungen gesetzt und es gibt Überlegungen, auch NGOs durch solche Investments zu unterstützen. Es zeichnet sich ein Weg ab, der schon ganz sachte einige Züge der „sharing economy“ aufweist.

Leise dreht der Wind also – und man kann hoffen, dass der Kurs folgt. Noch ist das Ganze ein System, das in das aktuelle Wirtschaftssdenken passt und somit für Politik und weite Teile der Gesellschaft legitimiert werden kann. Aber es handelt sich auch um einen Ansatz, der möglicherweise in Zukunft durch die Vielfältigkeit und das Einbinden der Zivilgesellschaft veränderungs- und adaptionsfähig werden und Elemente eines neuen Wirtschaftsmodells darstellen kann. Man gibt die Hoffnung nicht auf, dass die Anbieter und Investoren solcher Fonds nun auch noch erkennen, dass der Fokus nicht nur auf Gewinn liegen kann und die Veränderung auf dem Fuße folgt. Und, dass sich Japan einiges von den alternativen Wirtschaftsmodellen abschaut, die zurzeit überall auf der Welt zu sprießen beginnen oder die Menschen, die auch in Japan selbst schon von einer steady-state-economy überzeugt sind, erhört. Denn auch in Japan gibt es grandiose Beispiele von Menschen, die ihre Ideen zur Veränderung der Wirtschaft mit Initiativen und Projekten der Nachhaltigkeit verwirklichen.

Regionalität ist die Devise

Eines dieser Beispiele für Initiativen aus der Gesellschaft  ist das „Kirari Yoshijima Network“. Mehr als 700 Haushalte in einem Viertel der Stadt Kawanishi sind Teil der „non-profit-corporation“, deren Ziel es ist, ein lokales, gemeinschaftliches Netzwerk zu schaffen. Die Region, welche das Bürgernetzwerk verknüpft, ist klein. Die Population schrumpft und junge Menschen zieht es weg – die daraus folgenden Probleme sind bekannt. Als Lösung wird der stärkere Zusammenhalt der Menschen vor Ort gesehen, durch diesen können sie als Gemeinschaft funktionieren. Dafür begannen 2004 Treffen und Workshops mit den BewohnerInnen, und 2007 wurde das Kirari Yoshijima Network gegründet. Heute sind es fast 30 junge Leute, die im 4-Jahres-Rhythmus in der Koordination der zahlreichen Projekte arbeiten, etwa zu lokaler Produktion und Konsum, gemeinschaftlichen Sport-Events und Workshops.

Eine Besonderheit besteht darin, dass das Netzwerk regierungsunabhängig funktioniert und trotzdem die Organisation der Region unter sich zusammenfasst. Schön ist auch, dass es durch die aktive Beteiligung von BürgerInnen funktioniert, die sich vor dem Entstehen des Ganzen kaum Gedanken um das Zusammenleben und die Gemeinschaft gemacht hatten. Damals regierte eine Lokalpolitik, der die Partizipation nicht am Herzen lag. Das Gehör für die BewohnerInnen, das Ernstnehmen der Wünsche und Ideen, Kritik und Ängste jedes/r Einzelnen und vor allem ihre aktive Mitarbeit hält das Netzwerk zusammen. Heute wird das Netzwerk immer beliebter und bekannter. Das Kirari-Modell verbreitet sich sogar schon durch Workshops über die Art des Zusammenlebens über die Grenzen der Region hinaus. Ein schönes Beispiel, das zeigt, wie gesellschaftlicher Wandel von innen heraus möglich ist!

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