28. November 2015  /// Gesellschaft Umwelt Wirtschaft

„Ich schaffe das“

Ich dachte, er sei ein Flüchtling und die sehr nervöse junge Frau neben ihm,  hoch schwanger, seine Frau. In Passau wurden sie von der Polizei aus dem Zug geholt. Keine Papiere. Da war nichts zu machen. John und ich kamen ins Gespräch. Er arbeitet in Graz in einem Hotel und war auf dem Weg nach Mannheim, um dort einen Freund zu besuchen. Der schmale, liebenswürdige Mann hat Urlaub. Seinen Jahresurlaub: Drei Wochen Ferien, die er am liebsten in Gambia verbracht hätte, mit seiner Familie, seinem Sohn.

Darauf hat er dieses Jahr schweren Herzens verzichtet. Jede Reise nach Hause strapaziert den Geldbeutel nicht nur mit den Ausgaben für den Flug, sondern auch für die Geschenke, die alle von ihm erwarten. Er spart jeden Cent. Denn mit dem kleinen Gehalt, das er verdient, geht er sehr sparsam um. Jeden Monat geht ein Teil des Geldes nach Afrika an seine Mutter. Nicht nur sie, sondern auch seine Geschwister brauchen immer wieder seine Hilfe. Sein Sohn, das einzige Kind, lebt bei seiner Mutter. John möchte keine weiteren Kinder. Dass sein Sohn die Schule besuchen kann und so viel Bildung wie möglich bekommt, ist ihm extrem wichtig.

Monatsgehalt 15 Euro 

John arbeitet im Schichtdienst im Hotel. Putzen in privaten Haushalten macht er auch noch, nebenbei. Wir sprechen sehr offen über Geld. John verdient rund 1000 Euro in dem Hotel. Als  Angestellter in Gambia lag sein Monatsgehalt bei 15 Euro. Davon kann man nicht sparen und schon gar nicht das Kapital für ein eigenes Geschäft erarbeiten. John kommt aus einer gebildeten Familie. Sein Vater war der Leiter einer der großen Highschools und John hat Geografie, Agrarwissenschaft und Geschichte studiert. Er spricht 8 Sprachen. Jetzt  befüllt er täglich die Minibars eines großen Hotels. Sein Cousin hat auch studiert. Jetzt verkauft er Brot.

Learning by doing

Wir finden gemeinsam heraus, dass es in Gambia vor allem ein Bildungsdefizit gibt, oder, in Expertensprache, genau genommen auch ein „MisMatch“-Problem. Viele Männer und Frauen, die keine Schule besucht haben und weder lesen noch schreiben können, haben dennoch einen Beruf, ein Handwerk gelernt. Learning by doing. Es gibt fast nichts, was in den Werkstätten in Gambia nicht repariert und weiterverarbeitet werden kann. Die KfZ-Mechaniker z.B. können nicht lesen, aber sie können blind Motoren auseinanderbauen, zusammenbauen und alle Teile aufarbeiten. Ihnen fehlt aber jede Theorie. Und einen Diagnosecomputer, wie sie neuerdings für Autos benötigt werden, können sie nicht bedienen. Die Digitalisierung der Technik ist für sie existenzbedrohend. Diese Länder brauchen vor allem frugale Produkte: Einfach, langlebig und reparaturfreundlich.

Und dann gibt es dort Ingenieure und Akademiker, die alles wissen und nichts können. Überqualifiziert. Aber die großen Maschinen, die sie in Deutschland kaufen, kann keiner von ihnen reparieren oder warten. Deshalb wird Gambia allgemein für unfähig erklärt und muss von dem Geld, das der Staat nicht hat, Experten einfliegen. Ich denke: Genau. Da ist es wieder. Dieser Schaden, der dadurch angerichtet wird, dass alle Akademiker sein und sich nicht die Hände schmutzig machen wollen. Und dass die mit den schmutzigen Händen niemals die soziale Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Dieser elende Hochmut der Akademiker und Intellektuellen über die Menschen, die mit den Händen arbeiten, der Hochmut des abstrakten Wissens über das implizite Wissen und Können. Da kann man schon sauer werden.

Es fehlen Facharbeiter 

Mehrere Jahrzehnte hat die OECD Jahr um Jahr verkündet, dass es immer noch nicht genügend Akademiker gibt. Selbst Deutschland haben sie diesen Unfug ins Stammbuch geschrieben. Bis dann die Straßen voll waren, im Arabischen Frühling, in Spanien oder Griechenland von hochgebildeten jungen Menschen, die alle keine Arbeit haben, sehr viel wissen, aber nichts können. Auf zehn Architekten kommt eine Fachkraft, die eine Klima- oder eine Solaranlage tatsächlich versteht und warten kann. Auf zehn Marketingexperten kommt einer, der selber etwas herstellen kann.

„Ich schaffe das“

Aber John hat Pläne. Einen Teil seines Gehaltes spart er. Monat für Monat. Denn John wird sich in Gambia selbstständig machen. Er wird ein Restaurant eröffnen. Das Haus steht schon und ein Apartment auch, das er bewohnen kann. Jetzt fehlt noch das Geld für die Küche und die Inneneinrichtung. Er braucht noch einmal  6000 Euro. Er schätzt, dass er dafür noch einmal zwei Jahre arbeiten und sparen muss. Denn das Leben in Graz ist teuer, wenn man so wenig verdient und von dem Wenigen so viel abgeben und sparen möchte. Für eine bessere Zukunft. Aber er ist sicher seiner sicher: „Ich schaffe das“, sagt er mehrfach hinter einander. Das Letzte, was er sich wünscht, ist Mitleid. Und ich weiß, dass er Recht hat. Er arbeite im Schichtdienst im Hotel und hat noch zwei Jobs nebenher: Putzen in einem privaten Haushalt und den Verkauf alter Sachen in Gambia.

Wasser und Strom

Es gibt in Gambia keine Jobs, erzählt er mir. Unmöglich. Aber das größte Problem in Gambia sei die regelmäßige Versorgung mit Wasser und Strom. Es gibt Strom und Wasser. Aber nur manchmal. Die Infrastruktur ist unzuverlässig. Die Regierung bezahlt viel Geld für Anlagen. Aber ein Teil des Geldes landet in den Taschen der Eliten. Die Versuchung ist groß. Ein Minister in Gambia, erzählt John, verdient im Monat etwa 700 Euro. Wer in den Ministerien über große Budgets verfügt, oder als Einkäufer unterwegs ist, muss schon sehr loyal sein, um nicht ein wenig hier und da abzuzweigen. Und er muss nur einmal illoyal sein, um seine Familie und den ganzen Clan ein für alle Mal glücklich zu machen. Und das in einem Umfeld, in dem genau das eher normal ist. Ich versuche mir vorzustellen, wie hart es sein muss, diesem Druck von allen Seiten stand zu halten.

Seine Mutter, erzählt John, geht an 365 Tagen im Jahr um 9 Uhr abends schlafen und steht um 2 Uhr morgens auf, weil die einzige Wasserleitung weit und breit Wasser immer nur zwischen 2 Uhr nachts und 5 Uhr morgens bereitstellt. Jede Nacht. Sie füllt viele Gallonen auf. Für sich, für ihre Kinder. Strom gibt es manchmal zwei Wochen lang nicht. Das Licht spenden Kerzen. Natürlich hat es sich auch bis nach Gambia herumgesprochen, dass Photovoltaik die Lösung wäre. Auch um Pumpen zu betreiben, die das Grundwasser aus dem Boden holen, von dem genug da ist.  Es sind nur wenige Meter Erde, die die Menschen von dem Wasser trennen, das sie so dringend brauchen.

60% seiner Landsleute essen einmal am Tag, nicht öfter. Und sie sind fast immer hungrig. Hauptnahrungsmittel ist Reis mit Saucen und Gemüse. Grobkörniger Reis, denn der füllt schneller den Magen.

„Wir lächeln immer. Wir haben nicht die Wahl.“ 

Die Menschen in Gambia sind sehr freundlich, erzählt John lächelnd und kommentiert es lakonisch mit dem Satz: „Wir lächeln immer. Denn nur wenn wir lächeln, kommt es vor, dass jemand sein Essen mit uns teilt.“

Trotz aller Armut ist Gambia, das früher unter britischem Protektorat war, ein friedliches Land. Es gab bisher keinerlei Unruhen oder Kriege. Gambia hat, wie viele Ländern Afrikas, seine Existenz in den aktuellen Grenzen, Europa zu verdanken. Die Völker, die dort auf kleinem Raum leben, und ihre ursprünglichen Sprachen sind denen im Senegal sehr ähnlich. Senegal gehörte lange zu Frankreich, während Gambia als Kolonie Großbritannien zugeschlagen wurde. Im Senegal sprechen alle Französisch. In Gambia Englisch.

Auf irgendeiner der vielen Konferenzen hat damals ein Politiker auf einer Landkarte mit dem Lineal diesen ganz unerhört graden Strich gezogen, der die nordwestliche Grenze darstellt und so lange gesagt: „Das gehört uns“, bis ihm keiner mehr widersprach.

Die Probleme seines Landes führt John vor allem darauf zurück, dass in seiner Kultur reiche Männer bis vor Kurzem noch beliebig viele Frauen hatten.  Frauen und  Kinder waren Statussymbole. Sein Vater hatte vier Frauen, 11 Kinder und eine große Farm. Nach seinem Tod wurde das Land unter allen aufgeteilt. Jetzt reicht es für niemanden mehr.

Das kleine Land hat heute mehr Menschen, als es mit seiner Art von Landwirtschaft ernähren kann. Es ist kein reines Agrarland mehr, es hat keine nennenswerten Rohstoffe, die es exportieren kann. Es gibt keine Industrien. Es hat schöne Strände. Schön soll es sein, sagt nicht nur John, sondern auch Wikipedia. Sehr schön. Und freundliche Menschen gibt es. Der Boden ist fruchtbar und könnte sehr viel mehr Früchte tragen. Was am meisten fehlt: Strom und Wasser.

Strom und Wasser 

John erzählt mir von seinen Plänen. Dem Restaurant. Es hat eine exzellente Lage. An einer der bedeutendsten Straßen zwischen zwei wichtigen Orten. Ich denke: Ja. Wow. Das kann funktionieren. Ein guter Plan. Wenn John es schafft, dann hat nicht nur seine Familie gewonnen, sondern auch das Land. Wir sprechen darüber, was man alles in kleinen Werkstätten und mit neuen Technologien herstellen und machen kann. Wie viel Wissen im Internet vorhanden ist. Dass selbst „virtual reality“ heute Chancen beinhaltet, weil es praktisches Wissen und Knowhow sichtbar und lernbar machen kann, ohne dass man lesen und schreiben können muss. Eigentlich kann man dort viel machen. Ja, sagt John. Aber: Unser Hauptproblem ist der Mangel an Strom und Wasser. Und wer macht diese?

Eines ist sicher: Gambia braucht HandwerkerInnen. Gambia braucht UnternehmerInnen. Und Gambia braucht mutige Männer wie John, die hart für sich und ihre Familien arbeiten und die Zukunft gestalten. Eine Zukunft der wir eine Chance geben sollten.

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