4. Oktober 2015  /// Gastkommentar Gesellschaft Leben

Krankmacher Mensch

Angelika Hischenhuber

Entgegen aller Logik betrachtet der Mensch „Kranksein“ als Normalzustand. Er findet es durchaus normal, sich kränklich, abgespannt und unlustig durchs Leben zu schleppen. Mit anderen Mitmenschen tauscht er sich über die aktuelle Wetterlage oder die Flüchtlingssituation aus und jammert über diverse Wehwehchen, die ihn gerade plagen. Gerne auch am Mobiltelefon, zu jeder Zeit, an jedem Ort, es gibt kein Entrinnen. Warum das so ist?

Der Homo sapiens des 21. Jahrhunderts braucht heute vor allem eines: Beweise. Er benötigt Studien, Zahlen, Statistiken, Daten und Fakten, damit er sich zufrieden zurücklehnen und sagen kann: Da bitte, schau her! Die Studien beweisen doch, dass Zucker jetzt wieder der Böse ist, wo doch gestern erst die Margarine von der Butter verdrängt wurde und morgen Stevia der neue Feind sein wird, denn die aktuellsten Studien zeigen gerade, dass momentan Honig schlecht ist. Aber nur bis zur nächsten Studie.

Unser Gesundheitssystem ist technisch gesehen auf dem neuesten Stand, aber menschlich betrachtet, befinden wir uns noch im Mittelalter. Wir hören wieder gerne Flüsterern und Heilern zu, wenn sie unsere Aura deuten oder die unserer Haustiere und uns Aderlässe bei Vollmond empfehlen. Und Ärzte haben gerne keine Zeit. Sie haben hauptsächlich Maschinen. Und Rezeptblöcke. Und Kortison.

Genau wie sich selbst macht der Mensch auch seine Haustiere krank. Hund, Katze und Kaninchen leiden an Überfütterung, Bore-out, Burn-out, Depressionen und Aggressionen, genau wie ihre Besitzer. Sie sind den Menschen ausgeliefert und können sich nicht wehren. Sie werden zu den allerbesten Freunden, zum Partnerersatz, zum Kinderersatz und können diesen Anforderungen oftmals gar nicht gerecht werden. Zu hohe Anforderungen erzeugen Stress. Stress schädigt das Immunsystem.

Ein Tier wird krank, genau wie der Mensch

Geht es unseren geliebten Haustieren schlecht, so geht es unseren viel weniger geliebten Nutztieren noch schlechter. Unvergleichlich das Elend in der Massentierhaltung. Das System „Kuh“ beispielsweise hat sich schon einmal kurz gerächt, mit BSE. Es hat den Kühen nichts genutzt. Kilometerweit wurden alle Rinder beim leisesten Verdacht, egal ob gesund oder krank, einfach ausgelöscht. „Keulung“ nennt man das. Man könnte es auch Karma nennen, wenn man grasfressende Wiederkäuer mit dem Tiermehl von Schafen füttert, an dem sie sich mit BSE anstecken können.

Und so schließt sich langsam der Kreis: Der Mensch produziert Dreck, behandelt seine Mitmenschen wie Dreck, füttert seine Tiere mit Dreck, geht mit ihnen achtlos um wie mit Dreck, isst den Dreck, und dann wundert er sich: Wieso bin ich krank? Wieso sind meine Tiere krank?

Zu viele Impfungen, zu viele unnötige Operationen, zu viel Kortison und zu viele Antibiotika, das sind die Lieblinge der Tierärzte und Ärzte. Sehr viele von ihnen tragen mit dazu bei, dass es Tier und Mensch immer schlechter geht. Der gläserne Mensch ist längst Wirklichkeit geworden. Die Pharmaindustrie gibt den Ton an, denn wer das Geld hat, hat auch das Sagen. Kuhkinder in den toten Bäuchen ihrer geschlachteten Mütter ersticken zu lassen, nachdem man ihnen noch schnell Blut aus den noch schlagenden Herzen abzapft, ist gang und gäbe, da verliert man nicht einmal mehr ein Wort darüber.

Das alles kann nur der Mensch

Deshalb müssen wir genau hinsehen. Wir dürfen die Augen nicht mehr verschließen und müssen etwas ändern. Wollen wir wirklich noch länger warten?

Wir können unser Konsumverhalten ändern. Wir können unsere Lebenseinstellung ändern. Wir können umziehen oder bleiben, weglaufen oder stehenbleiben, jemanden verlassen oder bis zum Ende bei ihm bleiben, unsere Träume leben oder unzufrieden sterben, kämpfen oder aufgeben. Wir können Pelz tragen oder Pelz füttern. Wir können friedvoll sein oder aggressiv, positiv denken oder negativ. Denken wir an den Kieselstein, den wir in einen ganz glatten See werfen. Dein kleiner Stein verändert die ganze Wasseroberfläche, der Spiegel wird zur Welle. Die Welle breitet sich aus. Manchmal tritt sie übers Ufer. Manchmal reiten wir sie. Manchmal verschlingt sie uns.

Wir könnten auch Zoos boykottieren, unsere Mitmenschen informieren, Mitstreiter für eine Sache finden und eine Revolution anzetteln. Wir können die Welt verändern, wenn wir es nur wollen. Oder wir können mit traurigem Herzen und leerem Blick lustlos zuhause vor dem Fernseher sitzen; tagsüber unsere ungeliebte Arbeit verrichten; im Urlaub und in unserer spärlichen Freizeit lieber in unser Handy starren und mit imaginären Freunden in Sozialen Netzwerken kommunizieren oder Spielautomaten füttern, anstatt uns mit echten Menschen, die uns guttun, zu umgeben, Sachertorte zu essen und Kaffee zu trinken, an heißen Sommertagen in kleine von Sommergewittern übriggebliebene Pfützen zu springen und mit unserem Hund zu spielen.

Wir können uns entscheiden, können unsere Gedanken frei wählen, können uns täglich neu orientieren, wir haben immer die Wahl. Was wollen wir essen? Wo wollen wir etwas kaufen? Wer soll unser Freund sein? Wen wollen wir lieben? Wir können „Ja“ oder „Nein“ oder „Vielleicht“ sagen und wir können sogar „Ich weiß nicht“ sagen. Tatsache ist, wir entscheiden immer selbst.

Wir können uns für Dinge einsetzen, die uns wichtig sind. Wir können uns gründlich informieren. Und wir können etwas verändern, oder es lassen. Es liegt nur bei uns.

Darum handeln wir, schauen nicht weg, greifen aktiv ein. Schützen die Schwachen und helfen ihnen. Treten ein für das, woran wir glauben, auch wenn wir manchmal ganz alleine dastehen. Keine Panik! Alles wird gut. Die Lösungen sind denkbar einfach und völlig kostenlos.

Sie heißen Empathie, Achtsamkeit und Liebe. Jetzt.

 

Angela HischenhuberÜber die Autorin:

Angelika M. Hischenhuber studierte Veterinärmedizin an der VMU Wien und leitete zwei Tierarztpraxen in Wien 23 und Wien 13. Sie gab ihre selbstständige Tätigkeit als praktizierende Tierärztin auf und schrieb das Buch „Burn- out beim Hund – von gestressten Menschen, ausgebrannten Hunden, unfairen Methoden und Wegen aus der Krise“. In weitere Folge entstanden „Burn-out bei Katzen – Trend oder traurige Wahrheit?“ und nun „Krankmacher Mensch.“

BODKrankmacher Mensch

Warum Tierärzte nicht heilen, Ärzte nicht McDreamy sind, niemand Syrien sein will und die Antwort nicht 42 lautet; ISBN: 9-78373864-568-2

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