20. Mai 2016  /// Bewegung Kultur Umwelt

Kunst und Kultur für freie Flüsse

Immer mehr Kunst- und Kulturschaffende mischen sich gesellschaftspolitisch ein. Jenseits von Partei- und Tagespolitik. Es rüttelt im Gebälk unserer Gesellschaft, die seit Jahren mit multiplen Krisen konfrontiert ist. Die oft sehr feinfühligen Kunst- und Kulturschaffenden nehmen diese Erschütterungen, die sich ankündigen, natürlich wahr. Was im realen Leben oft noch fehlt, wird künstlerisch oft schon reflektiert und durchgespielt. Zum Beispiel vor Kurzem im „brut“ in Wien, wo ein Kapitalismustribunal stattfand (N21 berichtet).

Rückzug in die vermeintlich idyllische Natur und Abkehr von gesellschaftspolitischen Fragen ist eine Strategie, die derzeit auch für Kunstschaffende oft nicht mehr funktioniert, denn die Probleme kommen hinterher. Es hilft nichts, als sich diesen bzw. GegnerInnen zu stellen. KünstlerInnen tun das mit künstlerischen Mitteln.

Wegscheid am Kamp & die Eremitage

Im schönen Kamptal im niederösterreichischen Waldviertel haben sich in den letzten Jahren viele Kunst- und Kulturschaffende angesiedelt. Im kleinen Ort Wegscheid machen sie schon einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung aus. Auch eine Galerie wurde 2014 in Wegscheid gegründet: die Eremitage. Sie steht lokalen und einheimischen KünstlerInnen ebenso offen wie international Tätigen. Der Betreiber ist Clemens Feigel. Er sieht die Galerie in einem „Spannungsverhältnis von Realität und Idylle“. „Hier ist Raum für Künstlerinnen und Künstler sowie Projekte mit einer gewissen Kompromisslosigkeit im Umgang mit den Erwartungshaltungen des Marktes und dazu mit einer reflektierten Selbstverliebtheit ebenso wie einer Gelassenheit gegenüber dem eigenen Wahnsinn“, sagt Clemens Feigel über die Eremitage.

Der Kamp (vom keltischen „campos“ = gewunden), der noch eine kleine freie Fließstrecke hat, ist aktuell wieder einmal von der Energiegewinnungslobby bedroht: Die niederösterreichische EVN plant einen Ausbau des bisher fast unbeachteten bestehenden Kleinkraftwerks Rosenburg. 2,5m Staumauererhöhung, 1,5m tiefe Ausbaggerung flussabwärts sind geplant. Der Rückstau würde sich auf 1600m verlängern und den Lebensraum seltener hier heimischer Tiere und Pflanzen fluten. Mehr dazu auf der Homepage der Aktionsgruppe „Lebendiger Kamp“.

„Energiepolitisch bringt das fast gar nichts, aber es würde dem Kamp von seinen letzten 15 unberührten Kilometern noch zwei weitere Kilometer nehmen. ‚Wie soll sich so ein Kleinkraftwerk rechnen?‘, fragte ich Experten. Die Antwort macht einem fassungslos: Durch die Ökoförderung! Kurz gesagt, wir finanzieren mit unseren Steuermitteln zur Ökoförderung die Zerstörung einer geschützten Landschaft durch einen Konzern in Landesbesitz“, so Clemens Feigel.

Ausstellung „Das Leben ist ein freier Fluss“

Von 5. März bis 1. Mai 2016 war die Ausstellung  „Das Leben ist ein freier Fluss“ in der Eremitage zu sehen. Zahlreiche namhafte und ortsverbundene Künstlerinnen und Künstler nahmen mit ihren Arbeiten Stellung, warum die Erhaltung solcher einzigartiger wilder Räume wie der freien Fließstrecke des Kamp auch für uns zum Menschsein unerlässlich ist. Prominentester vertretener Künstler war der Schweizer Daniel Spoerri.

Mittleres Kamptal -Lokalaugenschein
Doris Knecht liest aus ihrem Buch „Wald“. (Fotocredit: Matthias Schickhofer SUPPORTINGCHANGE)

Finissage mit Lesung

Zur Finissage der Ausstellung am 1. Mai las die bekannte Autorin und Journalistin Doris Knecht aus ihrem jüngsten Buch „Wald“, der international tätige Riverwatch-Flussexperte und Filmemacher Ulrich Eichelmann sprach über die Bedeutung von unverbauten Flüssen für menschliche Gesellschaften. Der Fotograf und Autor Matthias Schickhofer dokumentierte die Veranstaltung, die gut besucht war – auch von einigen „Einheimischen“.

Niederoesterreich / Oesterreich - Das naturnahe mittlere Kamptal ist als "Flussheiligtum" (gemeinsame Erklärung WWF und Umweltministerium) und als Europaschutzgebiet gewidmet, weil es eines der letzten unverbauten Flusstäler Oesterreich ausserhalb der Alpen ist. Die EVN will dennoch ein altes Kraftwerk bei Rosenburg abreissen und durch einen gößeren Neubau inkl. höherer Staumauer und Ausbaggerung des Unterwassers ersetzen. Dieses Neubauprojekt wird aber irreführend als "Revitalisierung" bezeichnet. Naturschutzbund und WWF lehnen dies aber ab und fordern statt dessen einen Rückbau bzw. eine Bestandssanierung ohne weitere Eingriffe in das Naturparadies.
Der deutsche Naturschützer und Filmemacher Ulrich Eichelmann war ebenfalls zu Gast in Wegscheid am Kamp. (Fotocredit: Matthias Schickhofer SUPPORTINGCHANGE)

Auch wenn die sehenswerte Ausstellung „Das Leben ist ein freier Fluss“ nun vorbei ist, lohnt ein Besuch in der Eremitage in Wegscheid, deren Garten übrigens ein Kunstwerk für sich ist. Und auf jeden Fall lohnt sich eine Wanderung entlang des Flusses Kamp ab Wegscheid! Hier beginnt auch der Themenweg „Anima Florae“, welcher von der Künstlerin Sonia Gansterer feinfühlig gestaltet wurde. Lohnenswert ist es auch, die KünstlerInnen und anderen AktivistInnen bei ihrem Kampf für den Erhalt des Kamp zu unterstützen.

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