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7. Dezember 2015  /// Bewegung Kultur Ressourcen Umwelt

Landraub: Film und Diskussion an der Universität für Bodenkultur

Globale Land- und Agrarinvestitionen nehmen zu. Land Grabbing ist vielerorts bittere Realität.

Am 2. Dezember 2015 fand der Film- und Diskussionsabend „Landraub“ mit Christian Brüser (Filmemacher), Martin Gerzabek (BOKU-Rektor), Brigitte Reisenberger (FIAN) und Lorenz Probst (BOKU-Centre for Development Research) statt. Florian Leregger war vor Ort und berichtet.

Landraub auch in europäischen Staaten

Der zunehmende Wettlauf um Land- und Agrarinvestitionen bringt Herausforderungen mit sich. In Zeiten globaler Ressourcendegradierungen, Bevölkerungszunahme, Klimawandelfolgen, sich verändernder Konsum- und Produktionsmuster sowie Profitmaximierungs- und Spekulationsabsichten steigt das weltweite Interesse an Landkäufen. Landraub – also die unrechtmäßige Aneignung von Land bzw. Boden durch Investor/innen mit negativen Folgen für die örtliche Bevölkerung – ist vielerorts bittere Realität. Nicht nur in sogenannten Entwicklungsländern, sondern auch in Staaten wie etwa der Ukraine, Rumänien oder der Türkei erreichen Investitionen mit oftmals zusammenhängender Entziehung jeglicher Lebensgrundlagen, Vertreibung und Entmachtung lokaler Gesellschaften ungeahnte Ausmaße.

Intransparenz

Über die dahintersteckenden Motive, Ursachen, Risiken und Folgen gibt es bereits zahlreiche Abhandlungen. Diese an dieser Stelle auszuführen, würde den Rahmen sprengen. Pearce (2012) fasst zusammen: Die Weltbank schätzt die Gesamtzahl dieser Deals auf 47 Mio. Hektar (2010). Das „Global Land Project“ nennt 63 Mio. Hektar, die „Land Deal Politics Initiative“ spricht von 80 Mio. Hektar (2011) und Oxfam geht von insgesamt 227 Mio. Hektar aus. Eine aktuelle Übersicht gibt unter anderem auch Landmatrix (2015). Aufgrund hoher Intransparenz solcher Landgeschäfte ist festzuhalten, dass das tatsächliche Ausmaß nicht exakt festzustellen ist.

Zunehmender Einsatz gegen Landraub

Dass zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und wissenschaftliche Einrichtungen seit Jahren auf Fälle von Landraub aufmerksam machen bzw. sich für den Zugang zu Land einsetzen, ist bekannt. Dass Regierungen und supranationale Organisationen gegen Land Grabbing aktiv werden, ist für viele Personen möglicherweise neu. So stimmte beispielsweise der Österreichische Nationalrat im Jahr 2012 dem Entschließungsantrag hinsichtlich „Maßnahmen gegen modernen Landraub in Entwicklungsländern“ zu. Darin wird die Bundesregierung aufgefordert, in ihren Einflussbereichen gegen negative Formen der Landnahme einzutreten. Diese Forderungen beinhaltet den Einsatz „für international verbindliche Standards bei Ankauf und Pacht von Land und für Sanktionsmöglichkeiten“ auf Ebene der UNO, das Engagement für „nachhaltige Produktion zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung“ sowie den Ausbau des Schwerpunktes „Ländliche Entwicklung“ im Rahmen der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (Österreichisches Parlament, 1118/A(E) XXIV. GP). Immer öfter berichten auch breitenwirksame Medien über Landraub. Personen des öffentlichen Lebens melden sich zunehmend im Sinne des Schutzes der betroffenen lokalen Bevölkerungen zu Wort – etwa auch Papst Franziskus im Rahmen seiner Afrika-Reise vor wenigen Tagen. Ende November 2015 kritisierte er den Landraub in Kenia zutiefst und warnte eindringlich vor den „Konsequenzen einer neuen Art des Kolonialismus“ (ORF 2015).

Film „Landraub“ von Kurt Langbein und Christian Brüser

Im September 2015 feierte der österreichische Dokumentarfilm „Landraub“ in den Kinos seine Premiere. Viele Beobachter/innen meinten, der Film käme zur richtigen Zeit, um die Öffentlichkeit über das Phänomen Land Grabbing zu informieren und somit das Bewusstsein weiter zu schärfen. Im Film werden aktuelle Beispiele aus verschiedenen Ländern gezeigt, in denen großflächige Land- und Agrarinvestitionen durch andere Staaten und „Big Player“ massive Nachteile für die Bevölkerung vor Ort mit sich bringen. So dokumentieren Langbein und Brüser mit ihrem Team beispielsweise die Folgen von Agrarinvestitionen in Europa, Palmölproduktion in Asien, Gemüseanbau in Afrika sowie Zusammenhänge von Agrarförderprogrammen und Plantagen für Zucker- und Biospritproduktion.

2. Dezember 2015: Film- und Diskussionsabend an der Universität für Bodenkultur (BOKU)

Über 550 Interessenten kamen am 02.12.2015 an die BOKU. (Facebook) Das Thema bewegt. An diesem Mittwochabend lag im Gutenberghaus der BOKU im 18. Wiener Gemeindebezirk Spannung und Vorfreude in der Luft. Der Hörsaal GH01 war voll mit interessierten Personen, die sich über das Phänomen Land Grabbing informieren wollten. Alle warteten gespannt auf die Vorführung des Films „Landraub“ und auf die anschließende Diskussionsrunde mit dem Rektor der BOKU Martin Gerzabek, Filmemacher Christian Brüser, NGO-Vertreterin Brigitte Reisenberger von FIAN und Moderator Lorenz Probst vom BOKU-Centre for Development Research. Es ist nicht alltäglich, dass ein noch laufender und erst kürzlich erschienener Kinofilm öffentlich ohne Eintrittsgelder gezeigt wird. Im Rahmen des BOKU-KINOs gelang es den Organisatoren (BOKU-Ethikplattform, ÖH-BOKU, BOKU-Centre for Development Research und dem Institut für Umwelt, Friede und Entwicklung) dennoch. Es machte sich bezahlt. Im Anschluss an den Film wurde angeregt über Themen wie etwa Landnahmen in Europa, landwirtschaftliche Entwicklungen in Ländern des globalen Südens und Bioökonomie diskutiert.

„Keine nachhaltige Entwicklung ohne Partizipation der lokalen Bevölkerung“

Gerzabek stellt eingangs fest, dass Landraub vielerorts nicht zu leugnen ist. Dabei spielen in der Regel politische, sozioökonomische und technische Faktoren eine Rolle. Aus diesem Grund ist es oft schwierig, Lösungen zu finden. Eine der Lösungsmöglichkeiten sieht Gerzabek in der Umsetzung einer nachhaltigen Bioökonomie. Er hält aktuelle Probleme wie etwa Unterernährung, technisch gesehen, für relativ einfach lösbar. So sehe Gerzabek in afrikanischen Staaten großes Potential, mit traditionellen Methoden künftig die Ertragseffizienz deutlich zu steigern. Es gebe beispielsweise vielerorts hohe Ernteausfälle und unzureichende Lagerhaltung. In der Pflanzenzüchtung werde es künftig notwendig sein, sich verstärkt über Aspekte der Energie-, Wasser- und Nährstoffeffizienz Gedanken zu machen. Kleinbauern und Kleinbäuerinnen hält er für zentral und betont abschließend: „Es gibt keine nachhaltige Entwicklung ohne Partizipation der lokalen Bevölkerung.“

 „Diese Entwicklung fördert Landraub und verletzt Menschenrechte auf der ganzen Welt“

Reisenberger widmete sich eingangs den zahlreichen sozialen Bewegungen, die sich weltweit für das Menschenrecht auf Nahrung und für den Zugang zu Land einsetzen. Für sie spielen lokale Kleinbauern und Kleinbäuerinnen die wichtigste Rolle, um das Ziel der Ernährungssouveränität erreichen zu können. Es brauche politische und ökonomische Rahmenbedingungen, die eine selbstbestimmte Entwicklung vor Ort zulassen würden. Dies sei aktuell nicht der Fall. Reisenberger merkte an, dass Land Grabbing vielerorts traurige Realität sei – nicht nur in Ländern des globalen Südens. Sie befürchtet, dass sich unter dem Deckmantel der Bioökonomie oftmals nicht-nachhaltiges Handeln verstecke und führte Beispiele nationaler und internationaler Fonds und Banken an. „Diese Entwicklung fördert Landraub und verletzt Menschenrechte auf der ganzen Welt.“ Für die Bekämpfung von Land Grabbing wünsche sie sich gerechte Verteilung von Ressourcen, agrarpolitische Reformen und die Einhaltung von Menschenrechten im Sinne der lokalen Bevölkerung in betroffenen Ländern.

„Es braucht mehr Mut zum kritischen Denken in der Gesellschaft“

Brüser skizzierte seine Erfahrungen im Zuge der Dreharbeiten und beschrieb einige Hintergründe der dokumentierten Fälle im Film, wie etwa die günstigen Landverkäufe in Kambodscha. In diesem Zusammenhang hinterfragte er die Rolle der Europäischen Kommission bzw. ihre Doktrin des  Freihandels. Abschließend forderte er, dass alle Menschen etwas gegen negative Entwicklungen der Globalisierung unternehmen könnten. Es brauche viel mehr positive Beispiele. Dazu zählten vor allem Aktivitäten auf wissenschaftlicher, politischer und persönlicher Ebene. Dafür wünsche er sich mehr Mut zum kritischen Denken in der Gesellschaft.

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