Lebensmittel im Müll: Ein Überblick

Die Gründe warum Lebensmittel statt auf dem Teller im Müll oder anderswo landen sind vielfältig, die Zahlen dazu oft schwindelerregend. Christian Hinterberger hat versucht zusammenzufassen.

Eine Konfrontation mit dem Thema Lebensmittelverschwendung bedeutet zunächst unweigerlich, sich mit Zahlen auseinanderzusetzen. Und die haben es in sich: Ein Drittel aller Lebensmittel, die weltweit produziert werden, gehen verloren oder werden weggeworfen, rechnet die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen FAO vor. Das sind jährlich 1,3 Milliarden Tonnen oder in Geldwerten fast eine Billion US-Dollar. KonsumentInnen in Europa und Nordamerika werfen bis zu 115 Kilogramm Essen im Jahr weg, hunderte Euro pro Haushalt.

„Verlorene“ Lebensmittel und Abfall

Die eingangs erwähnte UN-Ernährungsorganisation FAO unterscheidet zwischen „food loss“ und „food waste“. Unter Lebensmittelverlusten versteht man demnach die Einbußen in der Produktionskette, bevor Nahrungsmittel in den Handel kommen. Von der Ernte bzw. Schlachtung über mögliche Weiterverarbeitung und Transport gehen Lebensmittel verloren. Alles danach wird als Lebensmittelabfall bezeichnet, der entweder durch Handel, Gastronomie oder Konsumenten anfällt. Während vor allem Lebensmittelverlust in vielen Fällen als nur schwer vermeidbar gilt, ist Lebensmittelabfall oft reine Verschwendung. In einer Studie von 2010 im Auftrag der Europäischen Kommission zeigt sich wer EU-weit für weggeworfene Lebensmittel verantwortlich ist. Den großen Anteil machen KonsumentInnen und Herstellung aus, Gastronomie und Handel vergleichsweise wenig (siehe Abbildung).

Grafik_Food_Waste

In ihrer letzten großen Veröffentlichung zum Thema von 2011 listet die FAO wiederum detailreich auf, wann Lebensmittel im Abfall landen oder verloren gehen. Erwartungsgemäß werfen KonsumentInnen in Europa insgesamt gut zehnmal so viele Lebensmittel weg wie in Subsahara-Afrika. Verluste in der Produktionskette und im Handel sind dagegen annähernd gleich. Geht man noch weiter ins Detail zeigt sich etwa beim Bereich Getreide, dass in Europa die KonsumentInnen mit Abstand für die meiste Verschwendung verantwortlich sind. In Subsahara-Afrika geht hingegen ein Großteil bei der Ernte und der anschließenden Lagerung verloren.

Warum Lebensmittel verloren gehen oder im Müll landen, hat also auch damit zu tun, wo sie produziert werden. Während in industrialisierten Ländern Überproduktion, kosmetische Standards oder sogar missverstandene Mindesthaltbarkeitsdaten Schuld tragen, sind in den ärmeren Gegenden der Erde vor allem mangelnde Infrastruktur, verfrühte Ernte oder falsche Lagerung für den Verlust von Nahrung verantwortlich. Die ärmsten Menschen auf diesem Planeten können es sich schlicht nicht leisten, Lebensmittel wegzuschmeißen.

Vom Anbau in den Einzelhandel

Der im März erschienene „Lagebericht zu Lebensmittelabfällen und –verlusten in Österreich“ des Österreichischen Ökologie Instituts zeichnet die derzeitige Situation hierzulande nach. So zeigt sich etwa, dass in der Landwirtschaft neben unvermeidlichen wetter- oder schädlingsbedingten Ausfällen vor allem regulatorische und ästhetische Standards für den Verlust von Lebensmitteln verantwortlich sind. Vergleichbare Untersuchungen aus anderen europäischen Ländern lassen darauf schließen, dass je nach Art bis zu einem Viertel des angebauten Obsts und Gemüses die Felder nicht verlassen. Die konkrete Datenlage ist in Österreich allerdings noch dünn. Ähnlich wenige präzise Zahlen gibt es derzeit in der Weiterverarbeitung: in vergleichbaren Ländern wie Schweden oder Deutschland werden die Verluste jährlich auf rund 20 Kilo pro Kopf beziffert.

Deutlich besser ist die Datenlage im Einzelhandel: eine große Studie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) in Zusammenarbeit mit großen heimischen Einzelhandelsketten gibt verlässlichen Aufschluss darüber, wie viele Lebensmittel dort jährlich weggeworfen bzw. an soziale Einrichtungen weitergegeben werden. Von insgesamt mehr als 110.000 Tonnen, die insgesamt abgeschrieben oder retourniert werden, gehen nur rund 6.600 Tonnen an soziale Einrichtungen. Nicht betriebsintern nachvollziehbar sei allerdings, wie viel „Bruch“, also nicht mehr für den Verzehr geeignete Lebensmittel, unter die Abschreibungen fallen. Auf die Rolle des Einzelhandels im zuvor erwähnten Verlust von besonders Obst und Gemüse in der Landwirtschaft wird auch nicht eingegangen, obgleich neue Produktreihen in den letzen Jahren eine besondere Vermarktung nicht „konformer“ Lebensmittel anstoßen.

KonsumentInnen im Fokus

VerbraucherInnen ganz vom Handel zu trennen gestaltet sich im Grunde auch schwierig. Schließlich spielen auch Sonderangebote und Werbung eine Rolle, wenn eigentlich nicht gebrauchtes Essen im Müll landet. Auch die scheinbare Verwirrung darüber, was ein „Mindesthaltbarkeitsdatum“ (MHD) aussagt, hat Umfragen zufolge einen Einfluss. Entgegen mancher Meinungen, ist das MHD kein Gradmesser für den Verderb eines Lebensmittel sondern lediglich eine Garantie des Herstellers für das Behalten von Eigenschaften wie Geschmack, Konsistenz, Aussehen usw. In der Regel ist es noch vor dem eigentlichen Verfallsdatum angesetzt.

Auch für die Umwelt nicht folgenlos

Landwirtschaft und Nahrungsproduktion mit all ihren Facetten von der Düngerherstellung bis zur Verpackung machen bis zu einem Drittel der menschlichen Treibhausgas-Emissionen aus. Tatsächlich würde Lebensmittelverschwendung in einem Länder-Ranking der größten Emittenten weltweit auf Platz 3 hinter China und den USA rangieren. Ähnlich sieht es beim Wasserverbrauch aus. Gehen allein 92% des sogenannten Wasser-Fußabdrucks auf Kosten von landwirtschaftlicher Produktion, bedeutete das 2007 für nicht gegessene Lebensmittel eine Verschwendung von 250 km3 sogenannten Blauwassers – also Grund und Oberflächenwassers – oder etwa fünfmal so viel Wasser, wie der Bodensee fasst. Wieder in ein Länder-Ranking eingebettet, liegt man mit diesem Wert gar an erster Stelle, noch vor den Milliardenstaaten Indien und China.

Umso wichtiger ist es also, dass sich international Menschen, Organisationen und Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen – aber auch politisch kommt das Thema langsam ins Rollen.
Mehr dazu nächste Woche.

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