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18. Mai 2016  /// Politik Schwerpunkt Ernährung

Lebensmittel im Müll: Gegen die Verschwendung!

Lebensmittelverschwendung ist kein unbekanntes Problem, Zivilgesellschaft und Politik suchen nach Lösungen. Tun sie das gemeinsam, zeigt das oft mehr Wirkung – so wie etwa zuletzt in Frankreich. Fortsetzung des ersten Artikels über „Lebensmittel im Müll“ von letzter Woche und Teil unseres Ernährungs-Schwerpunkts.

Die Zahlen dazu, wie viele Lebensmittel auf der ganzen Welt weggeworfen werden, sind erschreckend, auch im Hinblick auf rund 800 Millionen Menschen die immer noch Hunger leiden – vor allem in den ärmsten Regionen unseres Planeten.

Tatsächlich gibt es aber auch im „Westen“, wo am meisten Lebensmittel im Müll landen, genug Menschen, die auf Unterstützung in der täglichen Lebensmittelversorgung angewiesen sind. Im Vereinigten Königreich etwa vermeldet „The Trussel Trust“, Betreiber von über 400 „Food Banks“ genannten karitativen Essensausgaben, eine Rekordnutzung ihrer Einrichtungen, in den USA gelten Millionen von Menschen als „food insecure“, haben also keinen durchgängigen Zugang zu Essen.

Aufkeimende politische Unterstützung in Europa

Warum also nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen? In Frankreich bekommen entsprechende karitative Einrichtungen seit Februar dieses Jahres politische bzw. legislative Unterstützung. Geschäfte mit einer Ladenfläche von über 400 Quadratmetern müssen in Zukunft Verträge mit einschlägigen Organisationen unterschreiben, die sie zur Weitergabe aus dem Regal genommener Nahrungsmittel verpflichten. Ist das bis Februar nächsten Jahres nicht passiert, sieht das neue Gesetz Geldstrafen von einigen Tausend Euros vor. Auch die Behandlung weggeworfener Lebensmittel mit Bleiche und andere Methoden, Essen ungenießbar zu machen (und sie dadurch etwa vor „Lebensmittelrettern“ zu bewahren), steht damit unter Strafe.

Einen anderen Weg geht Italien, wo Nahrungsmittelspenden an karitative Einrichtungen durch Steuererleichterungen und vereinfachte Bürokratie angestoßen werden sollen. Auch Lebensmittel die ihr Mindeshaltbarkeitsdatum schon überschritten haben, dürfen nun bei einwandfreiem Zustand weitergegeben werden. Die Europäische Kommission kündigte indes in Referenz zu den Globalen Nachhaltigkeitszielen der UNO (SDGs) an, Lebensmittelabfälle im Handel und bei den KonsumentInnen bis 2030 zu halbieren. Eine neue EU-Plattform zu diesem Arbeitsbereich ist im Entstehen. So soll es etwa auch um die veränderte Anwendung von Mindesthalbarkeitsdaten gehen.

In Deutschland wurde genau dieses Thema schon länger von Ernährungs- und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt aufgegriffen. In der ZEIT hieß es vor gut zwei Monaten, er „gehe davon aus, dass in wenigen Monaten der Entwurf einer entsprechenden EU-Richtlinie vorliege“. Der WWF Deutschland setzte sich vergangenes Jahr in einer Petition für politisches Handeln für weniger Lebensmittelverschwendung ein, und die Unterschriften im Herbst an Schmidt übergeben.

In den USA gibt es schon seit Ende der 90er-Jahre Gesetzgebungen, die Lebensmittelspender vor Klagen schützen – eine Tatsache, die dort allerdings immer noch viel zu wenig bekannt ist. Auch Steuererleichterungen sollen ProduzentInnen und Handel zur Weitergabe von Essen anregen, oft scheitert das jedoch vor allem bei kleineren Betrieben an unsinnigen Regelungen – wie etwa der britische Comedian John Oliver in seiner Polit-Satire „Last Week Tonight“ erläutert.

, in Österreich allerdings eher weniger

Auf eine ORF.at-Anfrage an die österreichische Bundesregierung bezüglich neuer Gesetze auf dem Gebiet antwortete man, dass die Ausgangslage im Vergleich zu Frankreich eine andere sei. Freiwillige Weitergabe an Institutionen existiere bereits und Gesetze zum Deponierungsverbot von organischen Abfällen im Gegensatz zu Frankreich ebenso. Bewusstseinsbildung bei KonsumentIn, Handel und Produktion sei Gebot der Stunde. Das bestätigt auch das Ministerium für ein lebenswertes Österreich (Umweltministerium), dessen branchenübergreifende Plattform „United Against Waste“ etwa will vermeidbare Abfälle in Küchenbetrieben bis 2020 um die Hälfte reduzieren

Die Grünen wiesen als Oppositionspartei trotzdem darauf hin, dass Vermeidung der Weiterverwertung noch vorzuziehen wäre, während FPÖ und NEOS ebenfalls auf verstärkte Bewusstseinsbildung setzten und sich gegen Verbote aussprachen. Dem gegenüber steht die Umweltschutzorganisation Greenpeace, die in einer neuen Petition  einen „konkreten österreichweiten Umsetzungsplan zur Halbierung der Lebensmittelabfälle bis 2030“ fordert.

Zivilgesellschaft und Gemeinden als Vorreiter und politische Wegbereiter

Dass man für Lebensmittelverschwendung und die Unterstützung Bedürftiger eine zusammenhängende Lösung finden könnte, befand man schon 1982 in New York. Als erste Institution dieser Art bringt „City Harvest“ auch heute noch täglich tausende Kilos ansonsten verschwendeten Essens aus Gastronomie, Handel und Produktion zur bedürftigen Bevölkerung der Millionenmetropole. Rund zehn Jahre später wurde die Idee mit der ersten von heute über 900 „Tafeln“ in Deutschland aufgegriffen, die einige Jahre später auch in Österreich Verbreitung fanden. Tausende ehrenamtliche Helfer sammeln und verteilen „überschüssige“ Lebensmittel an tausende Menschen. Solch „klassische“ Organisationen werden aber laufend durch Foodsharing-Plattformen und andere innovative Instrumente ergänzt.

So hat in Dänemark die KonsumentInnen-NGO „Stop Spild Af Mad“ durch Kampagnen zur Bewusstseinsbildung und Zusammenarbeit mit Unternehmen maßgeblich dazu beigetragen, dass in den letzen fünf Jahren rund ein Viertel weniger Essen im Müll gelandet ist – damit ist man in Europa führend. Unterstützung für die Organisation kommt neben KonsumentInnen inzwischen auch aus Politik und Wirtschaft, als Teil des EU-Projekts „FUSIONS“ haben sich die Dänen mit zahlreichen anderen Organisationen zum Thema vernetzt und arbeitet an Innovationen im Bereich „food waste“ auf europäischer Ebene.

Auch die französische Gesetzesnovelle kam nicht schnurstracks aus dem Élysée-Palast. Schon 2013 wurde eine ähnliche Vorgabe in der belgischen Gemeinde Herstal umgesetzt. Unter anderem davon inspiriert, startete der französische Lokalpolitiker Arash Derambarsh seine Kampagne und fand prominente Befürworter und die Unterstützung tausender BürgerInnen – und schließlich einstimmig beider Kammern des französischen Parlaments.

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