Nabu
Bild: Naturschutzbund Deutschland
26. Juni 2015  /// Energie Wirtschaft

Lustlose Marktplatzhirsche

Subventionen für unrentable AKWs benachteiligen alle anderen Stromanbieter. Aber die Branche hält still – beinahe.

Schon immer unrentabel

Die meisten AKWs stehen in Frankreich. Dort muss man es wissen. Auf Geheiß des Präsidenten untersuchte der Französische Rechnungshof 2013 die Kosten von Atomstrom für sein Land. Die Summe aller Kosten seit Anbeginn in den 1950er-Jahren wurde durch die Summe der in den Reaktoren produzierten Kilowattstunden (kWh) dividiert. Heraus kam erstaunliches: 1 kWh kostete zwischen 50 und 55 Cent. An den Strombörsen Europas wird sie derzeit um ca. vier Cent gehandelt.

Kein Wunder also, dass die britische Regierung 2014 für den Neubau von 2 Reaktoren in Hinkley Point einen garantierten Einspeisetarif von 12,5 ct/kWh fixiert hatte, der ab Inbetriebnahme (ca. 2023) 35 Jahre lang vom Stromkunden zu bezahlen sein wird. Über die lange Periode gerechnet sind das, weil inflationsgesichert, durchschnittlich 22 ct/kWh.

Ökostrom hingegen kann in Europa aus Wind (an Land) zu Netto-Kosten von 5 bis 9 ct/kWh und solar um 4 bis 10 ct/kWh generiert werden.

Markt geradegebogen

Wenn Stromproduzenten mittels Subventionen anderenfalls überhöhte AKW-Kosten ersetzt bekommen, ist für sie die Welt wieder in Ordnung. Dann können  sie weiterhin ‚Wettbewerb‘ und ‚Marktwirtschaft‘ beklatschen.

Davon profitieren jedoch nur Atomstromproduzenten. Warum läuft die Mehrheit der Konzerne Europas, die keine Atomkraft nutzt, nicht gegen diese Benachteiligung Sturm? Die Antwort ist banal: Fast alle Formen der Stromerzeugung sind subventioniert – nur unterschiedlich in Art und Ausmaß; also hält man lieber still. Denn ohne jegliche direkte oder indirekte Subventionen wäre auch Strom aus Kohle, Erdöl oder Erdgas um einiges teurer, teilweise sogar teurer als Ökostrom.

Strom-Robin-Hood

Anlassbedingt proben die seit Jahren als „Stromrebellen“ bekannten Eigner des Elektrizitätswerks im kleinen Ort Schönau im Schwarzwald wieder einmal den Aufstand: Unterstützt „von unten“ klagt der reine Ökostromanbieter mit eigenem Stromnetz die EU, die im britischen Atomstromtarif nach Prüfung des Falles keine Wettbewerbsverzerrung erblicken konnte.

Unter öffentlichem Druck verlautete dann die österreichische Regierung und danach die von Luxemburg, ebenso klagen zu wollen. Auch die oekostrom AG aus Wien, bekundete mittlerweile, den Rechtsweg beschreiten zu wollen.

Und was taten die wirklichen Marktplatzhirsche Österreichs?

Hm mpf öm

Per Emails nach ihrer Klagslust befragt, immerhin drückt billiger Atomstrom Umsatz, Gewinn und die Dividende ihrer Aktionäre, fielen Antworten aus der Stromwirtschaft – auszugsweise zusammengefasst – folgendermaßen aus:

Stromindustrieverband ‚Österreichs Energie‘: Eine Wettbewerbsverzerrung erscheint durch  (Anm.: nicht näher benannte) „bisher vorgelegte Untersuchungen“ zu wenig fundiert. Zugleich meinte man, nicht beurteilen zu können, ob Atomstrom je wirtschaftlich gewesen sei, weil man „kein AKW betreibe“.

Verbund AG: „Der VERBUND selbst wird sich nicht an der Klage beteiligen, da die Klage bereits von unserem Haupteigentümer, der Republik Österreich, eingebracht wurde.“ Und weiter: „Eine echte Wirtschaftlichkeitsberechnung von Nuklearkraftwerken muss die Gesamtkosten (inklusive Entsorgung, Lagerung etc.) beinhalten.“

kelag: Man werde nicht klagen. Das war präzise geantwortet. Der nächsten Antwort ist vorauszuschicken, dass der deutsche AKW-Betreiber RWE 37,8 % Anteile an der kelag hält: „Was wir mit unseren Eigentümern erörtern, werden wir nicht in der Öffentlichkeit diskutieren.“

Wien Energie: Auf die Frage, ob geklagt werde, einzugehen wurde verzichtet. Womit auch keine Begründung für eine Klage oder Nichtklage übermittelt wurde. Immerhin glaube man daran, dass „ein sauberes, atomstromfreies Europa 2030 möglich sei“ und möchte bis 2030 50 % des in Wien produzierten Stroms erneuerbar herstellen.

Salzburg AG: „Aufsichtsrat und Vorstand der Salzburg AG halten fest, dass die derzeit in den Medien diskutierte Subvention der EU für das geplante britische Atomkraftwerk Hinkley Point C entschieden abzulehnen und zu verhindern ist.“ Ob das ‚verhindern‘ das Mittel der EU-Klage beinhaltet, wurde nicht verraten – also Schweigen.

TIWAG: Sie glänzte mit maximaler Lustlosigkeit: „Leider muss ich mitteilen, dass Vorstandsvorsitzender Dr. Wallnöfer aufgrund terminlicher Verpflichtungen nicht erreichbar und eine Beantwortung der Fragen daher nicht möglich sein wird.“

Und dann Temelin?

Eines weiß die heimische Stromindustrie sicher: Obsiegt die britische Regierung, zieht die tschechische Regierung mit dem bereits geplanten Ausbau des AKWs Temelin wahrscheinlich nach. Wenn daher jetzt die Gelegenheit unterlassen wird, mit möglichst vielen Klägern Druck und Stimmung gegen AKW-Subventionen zu machen, drohen  weitreichende finanzielle Nachteile, gerade für Österreichs Stromkaiser. Dann aber ist es zu spät.

Sparen!

Wie gut nur, dass es wenigstens verlässliche (Strom)Rebellen gibt, die klagen. Denn Subventionen für Ökostromanlagen sind um Hausecken ökonomischer als für AKWs – und ökologischer sowieso.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.