Jonas Holl
Bild: Jonas Holl
18. August 2015  /// Gesellschaft Reportage Textil Wirtschaft

Mode: Getragen in Wien – Made in ?

Bangladesch ist weltweit der zweitgrößte Exporteur von Kleidung. Nur noch der Riese China liegt weiter vorne. Bangladesch ist mehr als 60-mal kleiner. Dort kommen rund 80 Prozent der Exporterlöse aus der Bekleidungsindustrie. Immer wieder macht das Land wegen der schlimmen Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter Schlagzeilen.

Ab dieser Woche bin ich für sechs Wochen in Bangladesch, um mir dort selbst ein Bild von der Lage zu machen. Letzte Woche war ich noch in Wien unterwegs und habe mit Leuten auf der Straße über Kleidung gesprochen.
Immer wieder stellte ich dieselbe Frage:

„Woher kommt Ihr T-Shirt?“

Jonas Holl„Mode ist nicht so ein Thema für mich. Natürlich interessiert sich jeder ein bisschen dafür. Ich nicht so abartig. Beim Einkaufen habe ich nie nachgeschaut, wo ein Kleidungsstück hergestellt wurde. Natürlich ist man schockiert, wenn man von den Bedingungen hört, unter denen die Kleidungsstücke hergestellt werden. Auf der anderen Seite funktioniert das System halt so. Ich weiß nicht, ob es ein anderes System gibt, in dem man andere Menschen nicht „versklaven“ muss, damit es uns Europäern gut geht. Wenn die Leute hier so wenig zahlen, ist Asien natürlich gezwungen, so billig zu produzieren. Derzeit bin ich Studentin, da ist es schwierig, teuer einzukaufen. Aber wenn ich einmal Geld verdiene, habe ich vor, teurere Kleidung zu kaufen.“

Jonas Holl„Ich kaufe gern modisches Zeug. Bei den fairen Sachen, gefällt mir das oft nicht. Den großen Marken vertraue ich aber nicht.“

Jonas Holl, Textil„Man kennt die Hintergründe. Aber manche Angebote sind einfach verlockend. Bei uns in Deutschland gibt es Primark zum Beispiel, da kaufe ich aber nicht ein. Da hat man schon ein schlechtes Gewissen.“

„Der Preiskampf heutzutage ist das schlimmste Problem, und die Gesetze in den asiatischen Ländern.“

„Ich wüsste nicht, wo ich faire Klamotten kaufen soll, welche Läden solche Produkte anbieten.“ „Weltläden?“ „Ja aber die haben eher so Oma-Sachen. Nicht die Auswahl, die man sonst hat.“

Jonas Holl, Textil„Oh Kleidung, da kommt gleich schlechtes Gewissen hoch! Prinzipiell fände ich es viel besser, nur Sachen zu kaufen, die hier hergestellt werden. Aber wenn man dann in die großen Läden geht, dann schaut man halt doch nicht so genau. Dann kommen die Worte: „Eigentlich“ und „theoretisch sollte man“ – im Konjunktiv – schauen wo es herkommt. Beim Billa und Merkur finde ich das eigentlich ganz gut. Da gibt es Schilder: das kommt aus Österreich. Und da greif ich schon eher zu, auch wenn es ein bisschen teurer ist. Und wenn jetzt in den Klamottenläden auch solche Schilder wären: Hergestellt in Österreich oder Europa, dann würde ich das schon eher kaufen. Ich fände es gut, wenn das besser ausgezeichnet wäre. Das man gleich auf den ersten Blick sieht, woher etwas kommt und nicht immer wühlen muss. Wenn es wo eine extra Ecke geben würde, mit Sachen aus Österreich oder Europa, dann würde ich eher dort gucken, ob es was Schönes gibt.“

Jonas Holl, Textil„Ich glaube es ist vielen Leuten leider einfach wurscht. Oder sie denken nicht so wirklich drüber nach oder können nicht die Brücke schlagen zwischen: Es bin tatsächlich ich, die dieses Leiberl kauft, das ein Mensch dort und dort unter den und den Bedingungen hergestellt hat.“

„Ich glaube, das ist so: Ja, das hört man in den Medien. Ja, das ist Scheiße. Aber ich glaube die wenigsten schlagen diese Brücke, dass sie tatsächlich aktiv an der Situation beteiligt sind. Dass, wenn sie ein T-Shirt von einem Discounter kaufen, dann tatsächlich Menschen von dieser Handlung beeinflusst sind.“

Jonas Holl, Textil„In der Schule haben wir etwas zur Kleidungsproduktion gemacht. Man hat gesehen, dass es ziemlich unfair ist. Es ist aber teuer, wenn man faire Ware kauft. Deswegen kaufen die Leute billige Kleidung. Es ist natürlich nicht gerecht, aber ich glaube die Leute wissen zu wenig darüber, wie es wirklich ist.“

„Ich bekomme immer etwas Schuldgefühle. Kleidung bekomme ich von meiner Mutter, und die kauft nicht fair.“

„Es ist schon etwas unsere Schuld. Wir finanzieren das. Wir könnten uns etwas Besseres kaufen. Wenn mehr Leute bei Fair Trade kaufen würden, könnten die mehr Leute einstellen, und die Arbeiter in den schlechten Fabriken könnten stattdessen anfangen dort zu arbeiten.“

Jonas Holl, Textil„Das Thema weckt Gewissensbisse. Aber wenn man selbst nicht viel Kohle verdient … Ich finde ich es wirklich schwierig. Man muss viel Zeit investieren. Wenn man viel mit dem eigenen Leben zu tun hat, ist es für alle einfacher zum H&M zu gehen. Auch wenn ich das natürlich schrecklich finde.“

Jonas Holl, Textil„Viele Freundinnen von mir achten sehr darauf, wo sie einkaufen. Die gehen dann in Weltläden oder so, wo sie wissen, die Kleidung wurde fair produziert. Eine Freundin von mir kauft ihre Kleidung nur mehr auf Flohmärkten, weil sie nicht will, dass noch mehr produziert wird. Ich würde auch gerne mehr drauf achten, aber es ist eine Kostenfrage. Ich achte allgemein gerne darauf, was ich anziehe. Ich arbeite nebenbei in einem Verkaufsshop, und die versuchen uns gerade diese Standards reinzudrücken, damit wir das den Kunden sagen können. Öko-Tags und so. Die meisten kommen trotzdem aus Asien. Wie das produziert wird, weiß ich auch nicht genau. Aber scheinbar anders.“

Jonas Holl, Textil„Ich kaufe seit einem Jahr nur noch Fairtrade und Second Hand Kleidung. Letzten Sommer habe ich einen Workshop gemacht: Was hat die Näherin in Bangladesch mit mir zu tun? Das hat mich inspiriert zu überlegen, was ich selber machen kann, um etwas zu ändern. Ich kann ziemlich viel verändern, durch die Kleidung die ich kaufe. Ich habe einfach ein besseres Gewissen, wenn ich weiß, jemand bekommt einen fairen Lohn für das, was ich kaufe. Meistens kaufe ich Online, weil es keine richtig coolen Shops gibt. Früher habe ich überall eingekauft und auch in einem normalen Kleidungsgeschäft gearbeitet. Dort habe ich inzwischen gekündigt.“

„Ich bin nicht so konsequent wie David. Bis jetzt hab ich noch keine Sachen gefunden, die mir auch gefallen. Ich kauf nicht unnötig viel, nur wenn ich was brauch. Ich schau auf Qualität.“

Jonas Holl, Textil„Ich kauf selbst nicht viel ein. Shoppen gehe ich nicht viel. Ich bekomme viel Second-Hand-Kleidung von meinen Tanten. Die gehen viel Shoppen, und alle paar Wochen sortieren die den Kleiderschrank aus, und ich bekomme ihr Gewand.“

Jonas Holl, Textil„Nein, kein Foto von mir, es geht ja auch nicht um mich. Ich bin gelernte Schneiderin. Deswegen kann ich es annähernd nachvollziehen, wie es ist, im Akkord zu arbeiten. Ich habe in einer kleinen Firma gearbeitet. Bei der Arbeit stumpft man ab. Trotzdem muss man genau arbeiten. Der Job an sich ist schon Irrsinn. Wochen, Monate, Jahre, immer zehn Stunden lang dieselbe Schulternaht. Das ist noch ein Luxusproblem. Das schlimme ist, dass die Näherinnen in Asien einen Hungerlohn dafür bezahlt bekommen.

Mein Geschäft heißt „Un-Modern„, das ist ein Protest. Wichtig ist mir, dass sich die Leute in ihrer Kleidung wohl fühlen. Meine Sachen kommen aus verschiedenen Ländern. Ich kaufe es von fairen und ökologischen Unternehmen aus Amerika oder Europa. Da schaue ich auf verschiedene Zertifikate. GOTS ist das Bekannteste, steht für Bio-Baumwolle. Genauso wichtig ist die faire Produktion.

Den fairen und ökologischen Labels muss ich auch vertrauen. Ich kann selbst nicht zu den Produktionsstätten hinfahren. Da geht ’s ums Geld. Ich kämpfe selber ums Überleben. Mein Shop ist klein, und ich kaufe in kleineren Mengen zu höheren Einkaufspreisen. Im Endeffekt geht es um die Kohle.

Meine Kunden fragen mich oft, warum ich meine T-Shirts nicht selbst nähe. Natürlich könnte ich das machen: Eine kleine Produktion. Das wäre aber dermaßen teuer, dass ich Luxus-Klientel bräuchte. Ein T-Shirt würde dann nicht 15 €, sondern 70 – 80 € kosten.“

Jonas Holl, Textil„Ich kaufe nur direkt gehandelten Kaffee. Die Röster aus Wien oder Berlin beispielsweise handeln direkt mit den Bauern in Afrika, nicht über die Börse. Die Bauern bekommen dann 300 – 400 % vom normalen Weltmarktpreis. Natürlich zahle ich dann auch drauf. Weil mein Kaffee nicht drei oder vier Mal so teuer ist.“

„Bei der Baumwolle wäre das das gleiche. Kleidung aus bewussten Ressourcen ist sehr teuer. Und es ist mit sehr viel Aufwand verbunden, man muss aktiv danach suchen. Wenn beim H&M, wie bei Lebensmittelgeschäften, stehen würde, dass die Kleidung aus Afrika oder Asien kommt, das wär vielleicht eine Idee, dann würden die Leute vielleicht eher zum T-Shirt aus Österreich greifen.“

Jonas Holl, Textil„Ich habe drei Monate lang eine Radreise in Südostasien gemacht, von Bangkok Richtung Osten, dabei weite Strecken durch Kambodscha. Als ich in der Hauptstadt Phnom Penh ankam, zogen dort bewaffnete Polizisten durch die Gegend. Ein Monat davor sind Menschen auf der Straße erschossen worden, weil sie für höhere Löhne in den Kleidungsfabriken demonstriert haben.

Die Frage ist, ob man überhaupt dort produzieren muss. War ja früher anders. Aber die gesamte Produktion ist abgewandert. Profitieren von dem jetzigen System tun Großkonzerne. So ist es wahrscheinlich nicht mehr lange haltbar. Aber es wird vieles daran gesetzt, das es so bleibt. Meine Schuhe sind ein Positiv-Beispiel, die werden im Waldviertel produziert.“

Jonas Holl, Textil„Unsere Gesellschaft will uns nicht beibringen, dass wir von der Schuld wegkommen können und dass wir produktiv etwas ändern können.“

 

 

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