Christine Ax
Bild: Christine Ax
18. September 2015  /// Kultur Leben Wirtschaft

Marthas „Ermöglichungsrock“

Ich bin in Schrems im Waldviertel. 300 Menschen aus aller Welt  der  Einladung Heini Staudingers gefolgt um über eine neue Genossenschaftsbewegung zu sprechen. Mein Auge fällt auf etwas exotisch Schönes. Selten habe ich etwas Schöneres gesehen. Üppig fallen die Falten des brokatähnlichen Stoffes von der Taille bis zum Boden. Leuchtendes Rot, Gelb, Grün vor samtigem Schwarz und dazwischen Gold. Pflanzen, Blumen und Tiere in einander verschlungen. Ein Fest fürs Auge. Das gilt auch für die Frau, die dieses Kunstwerk trägt. Ihre schwarzen Haare sind mit Blumen geschmückt. Neben ihr wirkt alles grau. Und dieser reich bestickte Rock kann mehr: Er erzählt uns die Geschichte eines Dorfes, in dem Menschen einander ein gutes Leben ermöglichen. Er ist ein „Ermöglichungsrock“.

Am Nachmittag erzählt uns die Zapotekin Martha Toledo, wie sie zu ihrem Rock gekommen ist. Schon als kleine Mädchen fangen Zapotekinnen an, sich über Ihren Rock, den sie eines Tages tragen werden, Gedanken zu machen. Sammeln Motive, Farben, Gefühle und Gerüche. Wenn sie alt genug sind, geht es dann ans Werk. Dann muss der Rock wirklich werden. Und zwar so: Das Bild muss aus dem Kopf heraus auf die Leinwand. Dann geht es in die Schneiderei. Dort wird der Schnitt des Kleides diskutiert und die Wahl des Stoffes. Schön muss er sein. Denn jede Zapotekin ist eine Königin. Und praktisch muss der Rock sein. Mitwachsen soll er können oder auch wieder enger genäht. Wie schwer darf er sein?

Endlich nimmt der Scheider maß, fertigt das Schnittmuster und schneidet den Stoff zu. Nun müssen die Ornamente auf den Stoff übertragen werden. Die leuchtend bunten Garne, mit denen der Rock bestickt werden soll, müssen beschafft und ausgewählt werden. Dann endlich wird gestickt. Der Rock wandert von Werkstatt zu Werkstatt. Manche Stickerinnen sind auf Pflanzen spezialisiert, andere auf Tiere und die Dritten auf das leuchtende Gold. Viele Hände haben wochenlang zu tun. Und dann ist der Rock fertig. Marthas Rock.

cax

Das muss natürlich gefeiert werden. Martha hatte lange gespart. So ein Rock ist eine wichtige Investition. Sie wird ihn lange tragen. Viele Geldstücke sind in die vielen Werkstätten gewandert, die sie aufgesucht hat. Ihr Spartopf ist leer und die Taschen der Handwerkerinnen sind voll. Nun muss gefeiert werden. Martha richtet ein Fest aus und bittet alle, ihr dabei zu helfen.

Und siehe da: alle tragen etwas zum Gelingen des Festes bei. Die StickerInnen, die SchneiderInnen, die MalerInnen, die WeberInnen, die HändlerInnen die die Seide und die bunten Garne geliefert haben oder die kostbaren goldenen Fäden. Alle die an diesem Kunstwerk beteiligt waren und die mit dem Geld, das Martha ausgegeben hat, ihre Familie ernähren. Sie tragen Geld zum Winzer und Brauer, zum Fleischer und Bäcker, zum Gemüsebauern, sie kaufen Obst und Gewürze, Reis und Bohnen. Viele haben an Marthas Rock mitgearbeitet und weil alle verdient haben, können sie Geld ausgeben und andere Teil haben lassen. Das große Fest macht alle reich. Auch Martha.

Martha die Händlerin. Am nächsten Morgen steht sie mit ihrem prachtvollen Rock wieder auf dem Wochenmarkt. In einem reichen Dorf, indem die Menschen einander Arbeit geben und jeder auf seine Weise dazu beiträgt, dass die Vielfalt der Künste nicht verloren geht. Mit jedem Rock der entsteht, wachsen hier das Glück, das Vertrauen, die Freundlichkeit und die Vielfalt der Künste. Martha ersinnt ihren nächsten Rock. So wie all ihre Freundinnen.

Manch einer mag das für schöpferische Verschwendung halten. Aber ist es nicht klüger und schöner, einen solchen Ermöglichungsrock zu tragen? Ein Rock, der so viel gute Arbeit ermöglicht, der viele Menschen teilhaben lässt und der dazu beiträgt dass die Vielfalt der Künste weiterlebt. Ist das nicht klüger, als möglichst billig, möglichst viele Kleider zu kaufen, die unter bedauernswerten Umständen herstellt werden in Fabriken, die aus Menschen Maschinen machen,  die schon Morgen nichts mehr wert sind und uns alle zusammen immer nur ärmer machen.

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.