Grüß Göttin
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7. Juli 2015  /// Leben

MATRILINEARES BIO-G´SCHÄFTL ZWISCHEN BELVEDERE UND FAVORITEN

Chiara hat eine psychotherapeutische Ausbildung. Sie verkaufte einige Zeit EM, effektive Mikroorganismen, und sie leitete ein Sozialprojekt bis sie Ende 2008 hier an diesem lauten, stinkigen Eck, mitten in der Stadt, zwischen konservativen österreichischen selbsternannten „Ureinwohnern“ des Belvedere-Vierten und den fälschlich bezeichneten „Zugewanderten“, über dem Gürtel im 10ten, ihren Laden öffnete. Chiara Filler implementiert hier an diesem sich sozial scheidenden Eck einen kleinen feministischen Kosmos, ein notwendiges matriarchales Öko-Licht. Begriffe wie nachhaltig, regional oder bio seien sehr fehl interpretiert meint Chiara, in den Bio-Supermärkten liegt Ware von Laborhybriden, das bringt mehr Ertrag, enthält mehr Wasser, wiegt mehr, aber hat weniger Nährstoffe. Chiara sagt, es sei eigentlich ein Ganztagsjob, sich klar zu werden über die Frage: Was ist denn in Wahrheit wirklich bio?

Bio ist nicht gleich bio

Mir ist aufgefallen, dass das Thema Samenqualität durch das TTIP Freihandels- Abkommen ganz real bald in aller Munde sein wird. Die Bauern sind größtenteils nur mehr Handlanger der Konzerne. Bio Austria schreibt auf seiner Website, dass der Import von Futtermitteln genehmigungspflichtig sei. Wie viele Genehmigungen tatsächlich dafür ausgestellt werden, erfahre ich über die Website nicht. Wer kontrolliert wen? Eine nicht unwichtige Frage im ganzheitlichen, ökologischen Ansatz. Die Unterschiede werden deutlicher, wenn man sich zum Beispiel die Demeter-Seite ansieht, da liegen die Kriterien auf der Hand, dieser Ansatz ist umweltfreundlich, mit ethischen und philosophischen Konzepten im Hintergrund. Gängige „Bio-Produkte“ scheinen nur kosmetischer Ersatz zu sein, damit die Ware vom (unkritischen) Konsumenten schuldfrei als etwas angeblich Besseres eingekauft werden kann. Sich persönlich zu organisieren und tatsächlich nachhaltig zu konsumieren, bedarf eines sehr intensiven Einsatzes an Recherchen und Informationen. Jede und jeder sollte sich auf einschlägigen Websites die Zeit dazu nehmen. Oder: Guerilla Gardening! Chiara empfiehlt mir die Seite www.ochsenherz.at. Der Ochsenherz Gärtnerhof ist ein gemeinschaftlich getragener Landwirtschaftsbetrieb in Gänserndorf. Dort pflanzt, pflegt und erntet man Bio-Gemüse in Demeter-Qualität. Es gibt Inseln, es gibt Organisationen, es gibt Betriebe abseits der Konzerne.

Die Verantwortung trägt jeder Einzelne und die Gemeinschaft.

In Chiaras Laden reden wir beide viel über die Macht der großen Strukturen und temperieren unser hitziges Gemüt mit einem Glas kühlen Bio-Champus. Chiara, die Inhaberin dieses einzigartigen Laden-Unikats, einer Krämer-Spezies, die vom Aussterben bedroht ist, empfängt mich Samstag am späten Nachmittag in ihrem Laden, der so persönlich mit ihrem Tun und der Hilfe ihrer Gründerin verwoben und gewachsen ist; das bekomme ich unmittelbar und sehr lebendig zu spüren. Hier geht es nicht bloß um charmantes Bio & Co, es geht um Menschen mit ökologisch-ökonomischen Ideen und Zielsetzungen und dem beständigen Wunsch, es möchten Erde und Mensch zueinander finden.

Wurst und Buch

Chiara legt auch Bücher zu den Themen Feminismus, Matriarchat und Ökologie auf. Sie werden, wie die hängenden wunderbaren Würste an den Haken daneben, gerne gekauft und gelesen. „Wurst und Buch“, was für ein wunderbares, schmackhaftes Ensemble! Das wäre ein geeigneter Name für Chiaras Laden. Als Wurst- und Buch-Fresserinnen sind wir uns in einem Punkt völlig einig: Elende Tierhaltung aus Massen-Mastbetrieben wollen wir unter keinen Umständen unterstützen. Die Folgen durch Verzehr dieses Fleisches, das durch Antibiotika und Hormone zum Wachstum vergewaltigt wird, sind wissenschaftlich belegt eine Qual für Vieh und Mensch.

„Matri“ steht bei Chiara für mütterliche Ordnung, für Matriarchat, für faire Ökologie, für Gewaltfreiheit, Solidarität, Subsistenz, für eine Kultur des Teilens und Schenkens und für die Ansicht, dass es kein unbegrenztes Wachstum gibt, wie uns ja so gerne vorgegaukelt wird. Ich füge dem noch hinzu, dass auch der Feminismus die realisierte und gelebte Wertigkeit der Frau an sich ist, dass Feminismus bedeutet, sich zu emanzipieren im Angesicht der Männer. Und Feminismus bedeutet auch, Ressourcen zur Verfügung zu haben, die auf rechtlich abgesichertem Boden stehen. Feminismus bedeutet sicher nicht, Männer zu verachten oder ihnen aus dem Weg gehen zu müssen, sage ich deutlich. Chiara runzelt die Stirne, ich erkenne ihren Zweifel. Ich antworte: „So oft hörte ich die Menschen sagen: «Aha, sie studieren feministische Politik, sie sind wohl eine Alice Schwarzer.» Nein, sage ich darauf, ich bin die Jella Jost und ich rede feministisch Tacheles, weil meine Geschichte voll von Unterdrückung und Gewalt ist.“

Kommunikation als Erfolgsrezept

Zurück zu Chiara. Sie sorgt sich um den weiteren finanziellen Erhalt, der wegzukippen droht. Es braucht frischen Wind und es braucht vor allem ein Finanzierungsmodell, um einen ihrer Mitarbeiter voll anstellen zu können, aber eigentlich braucht es zwei Personen in Vollzeit, um den Laden zu führen. So etwas mache man/frau nur mit Hingabe, sagt Chiara. Es sei ihr erster Laden, sagt sie voller Liebe. Samstagabend steht sie noch immer im Gschäft´l und macht die Auslage, während sie von ihren lieben und treuen StammkundInnen spricht. Kommunikation sei alles, sagt sie. Ihr Laden ist zum Treffpunkt geworden, das ist oft schön anstrengend, nickt Chiara, die Leute wollen reden, denn in Supermärkten und Megastores herrscht die Leere der Einsamkeit, des Lärms und der Beschallung. Deshalb kommen alle so gerne in dieses kleine Grätzl-Universum. Da schaut man/frau sich gerne in die Augen.

Chiara denkt daran, den Laden hinten auszubauen, sogar ein kleines Café-Gärtchen wäre denk- und machbar! Gibt es möglicherweise ArchitekturstundentInnen, die Chiaras Laden effektiver gestalten wollen und Pläne zur Verfügung stellen würden? Gibt es strukturelle Möglichkeiten, einen Mindestarbeitsplatz zu einem Vollarbeitsplatz zu erweitern, denken wir beide laut. Schließlich können doch hunderttausende Menschen mit prekären Jobs nicht ewig «MindestarbeiterInnen» bleiben. Wo liegen die ausgewogenen Alternativen zwischen Mindest und Mega?

Chiara greift zu einer kleinen reifen, orangefarbenen Bio-Mango, sie sieht vollkommen anders aus als welche, die es im Supermarkt zu kaufen gibt. Wir öffnen sie behutsam. So etwas Köstliches habe ich noch nie gegessen. Meine Geschmacksnerven sind lustvoll sensibilisiert und das ist gut so. Auf zu Wurst & Buch: Alltäglichem Abstumpfen in Psyche und Physis entgegensteuern, und zwar jetzt. Geld dorthin zuführen, wo es Sinn macht, wo es direkt zu den Leuten kommt. Erde gut – alles Gut.

 

http://erdegut-allesgut.at

Erde gut – alles Gut

Favoritenstrasse 37

1040 Wien

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