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Bild: Christine Ax
27. Juni 2015  /// Spirtualität

MedMob

Bei Gott. Auch wir leben in Widersprüchen!

Das Wetter hat uns in diesem Jahr ziemlich im Stich gelassen. Ich stehe im Berliner Tiergarten am Rande des „Global Stone“-Projektes und freue mich, dass hin und wieder die Sonne durchkommt.  Steine aus fünf Kontinenten wurden unter der Leitung von Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld hier platziert. Jeder Stein hat einen Geschwisterstein zu Hause zurückgelassen. Der österreichische Künstler und Weltumsegler möchte mit dieser Installation die Verbundenheit aller Menschen auf allen Kontinenten sichtbar machen. Die Steine sind geografisch so ausgerichtet, dass sie mit kosmischer Hilfe mit ihren Geschwistersteinen in Verbindung stehen.

Die schön polierte, schwarze Zunge kommt aus Afrika und wird „Hoffnung“ genannt.  Der rosa  Wahlfisch mit den schönen weiß-beigen Streifen ist der „Stein der Liebe“ und lag bis 1997 auf dem Gebiet der Pemón-Indianer in Venezuela. Ausgerechnet der Stein der Liebe sorgt seit Jahren für Verdruss. Es gibt Pemón, die behaupten, er sei heilig und gestohlen worden. Der Geschwisterstein fühle sich jetzt einsam. Und regnen könne es auch erst wieder, wenn er zurück ist. Inzwischen beschäftigen sich das Auswärtige Amt, die Venezuelanische Regierung und die Medien mit dem Fall.

Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld und die Ethnologen, die ihm mit Gutachten zu Hilfe eilen, erzählen die andere Seite der Geschichte. Der Stein wurde ihnen offiziell geschenkt. Außerdem gibt es Dokumente, die das rechtmäßige Verhalten beweisen. Allein: Was vermag ein solcher Schriftsatz, wenn wir uns im Bereich religiöser Vorstellungen bewegen?

Das ist nicht nur im Venezuela der Fall. Das gilt auch für Berlin. Unweit dieser Wiese stehen prächtige Gebäude, in denen Männer in goldbestickten Soutanen uns weismachen wollen, dass es Jungfrauen gibt, die Kinder bekommen. Wir bezahlen sie gut dafür.  Unter der Kuppel des Bundestages gibt es Politiker, die mit Inbrunst das Recht verteidigen, Neugeborene nach der Geburt eine sehr harmlose Hautfalte abzuschneiden. Täglich beschwören seriös aussehende Männer und Frauen  unendliches Wachstum in einer endlichen Welt. Bei Gott! Auch wir leben in Widersprüchen!

FlashMob´s sind eine Erfindung der Web 2.0 Generation

Ich aber bin heute Nachmittag nicht wegen der Steine hier, sondern weil ich der Einladung einer jungen Frau gefolgt bin. Felictas Knitsch kenne ich seit Mai diesen Jahres. Schon bei unserer ersten Begegnung hat sie mir von ihrem Wunsch erzählt MedMobs zu organisieren. Von „Flash-Mob´s“ hatte ich hie und da reden hören. Von MedMob´s nicht. FlashMob´s sind eine Erfindungen der Web 2.0-Generation. Man verabredet sich auf facebook zu einer gemeinsamen Aktivität im öffentlichen Raum. Wer kommt, der kommt.

Die MedMob-Bewegung gibt es seit Anfang 2011.  Inzwischen wird weltweit in 350 Städten öffentlich meditiert, u.a. in Berlin, München, Zürich. Die Einladung zum  achten Berliner „MedMob“ dieses Jahres verdankt Berlin einem Zufall. Felizitas hatte in diesem Frühjahr ein Youtube-Video gesehen, das sie nicht mehr losließ. Es zeigt 300 Menschen aller Altersgruppen, Hautfarben und Religionen wie sie am 28. August 2011 im State Capitol Building gemeinsam meditieren. Ein bewegender Moment. Ich kann ihre Begeisterung verstehen.

Auf dem Einladungsflyer steht: „Let us share a moment in love. Human beings unite in meditation every month at the same time in all big cities across our lovely planet. Be part & feel magic.“ Und: „Triff Dich hier in Berlin in liebevoller Verbundenheit mit Deinen Mitmenschen. Wir gehören keiner bestimmten Religion, Konfession, spirituellen oder politischen Richtung an. Jeder kann nach Belieben kommen und gehen, wie es gerade eben passt. Sitz, lieg, schlaf, bete, meditiere oder levitiere.. Hauptsame Du kommst. “

Dass der Juli-MedMob inmitten des  Gobal Stone Projekt stattfindet, ist auch so ein  Zufall. Felizitas hört von den Auseinandersetzungen um den Stein der Liebe an diesem Nachmittag von uns zum ersten Mal.  Ich sitze im Kreis derjenigen, die wie ich zu früh kamen. Wir plaudern und finden, dass Felizitas den Ort gut ausgewählt hat. Wir fragen uns, ob die liebevollen Gedanken, die heute  in den Äther geschickt werden, dazu beitragen werden, die deutsch-venezuelanische Krise in der causa „Stein der Liebe“ zu befrieden.

Das gemeinsame Meditieren soll übrigens nicht nur uns gut tun, sondern ganz objektiv den Weltrieden und das Glück der Menschheit befördern. Anhänger der Transzentalen Meditation zum Beispiel halten es für wissenschaftlich belegt, dass TM die Kriminialität senkt und Wohlstand, Glück und Gesundheit fördert. Ich weiß nicht so richtig, was ich davon halten soll. Und ich frage mich, ob gemeinsames Beten, Singen oder Stricken – sofern es mit den gleichen Absichten erfolgt – nicht den gleichen Effekt haben kann. (Siehe Kasten).

In seinem früheren Leben war Bhaish-Titali-Joy Bretone

Neben mir sitzt Bhaish-Titali-Joy. In seinem früheren Leben war er Bretone. Dies war ihm bemerkenswerter Weise möglich, ohne jemals Franzose zu sein. Als Jugendlicher wollte er nach Tahiti. Tatsächlich wurde daraus eine lange Reise zum eigenen Selbst. Ein anderes haben wir ja nicht. Mir drängt sich der Eindruck auf, er ist dort tatsächlich angekommen. Der  freischaffende Guru lebt seit mehreren Jahren in Berlin und übt in dieser „wahnsinnig spirituellen Stadt“ die „Kunst des SEINS“ aus.  Bhaisa-Titali-Joy ist an diesem Samstagnachmittag der bunteste Fleck am Horizont.

Nicht nur er, auch Sarah –  Künstlerin und ursprünglich aus Neuseeland – ist seit Stunden hier. Als die Sonne am höchsten stand, waren sie und Bheisa-Titali-Joy  in einer Meditation zugunsten des Chief Raoni vereint. Der Häuptling ist einer der prominentesten Verteidiger des brasilianischen Urwalds und der Völker, die dort leben. Sein Volk wehrt sich schon seit Jahrzehnten gegen die Pläne der brasilianischen Regierung den Fluss Xingu zu stauen um mit Hilfe eines gigantischen  Wasserkraftwerkes dort Elektrizität zu erzeugen. Gegen dieses Projekt hatten im Mai 2008 rund 1000 betroffene indigene Gruppen und Flussanwohner in Altamira erfolgreich protestiert.. Sarah ist dem Chief 1992 auf der Rio+10 Konferenz begegnet. Sie zeigt mir 20 Jahre alte Kollagen und Zeichnungen, die sie nach dieser Begegnung gemacht hatte.

Während wir noch darüber spekulieren, ob und wie die positive Energie des Meditierens der Welt gut tut, füllt sich die Wiese. Immer mehr BerlinerInnen – jung und alt – betreten die Bühne. Man begrüßt sich und setzt sich auf eine der mitgebrachten Unterlagen.

Schon als ich Felizitas zum ersten Mal traf, war sie auf dem Sprung nach Indien. Sie hatte den Auftrag übernommen, vor Ort herauszufinden, welchen Nutzen eine Software  stiften kann, die den Vertrieb einer „Grünen Kiste“ unterstützt. Lokale Produkte schnell und ohne Zwischenhandel, an AbnehmerInnen zu bringen, wäre ein guter Beitrag für eine Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft.

Felizitas

Felizitas gehört zu einer Generation, die mit der Globalisierung groß geworden ist. Man könnte sagen, sie ist das menschlichste Gesicht dieser Entwicklung. Felizitas hat in Christchurch, Neuseeland, Soziologie und Spanisch studiert. Ihre  Freundin in Ägypten. Sie haben Freunde in der ganzen Welt. Indien ist ihren Herzen ebenso so nah, wie der Vorort in Sachsen, in dem  ihre Eltern eine ganze Woche und mit dem ganzen Dorf  die Silberne Hochzeit gefeiert haben. Nachhaltigkeit ist ein Wert, mit dem sie groß geworden ist. Zwanzig Jahre hat ihre Familie hart gearbeitet, um  ihren Traum zu leben: Heute gehört ihnen ein Ferien-auf-dem-Bauernhof mit angeschlossener Gastwirtschaft. Was auf den Tisch kommt, ist aus der Region und mit Raffinesse zubereitet. Politik interessiert Felizitas. Sie ist ein politischer Mensch. Aber das Wichtigste für sie ist, dass wir selber die Veränderung sind, die wir anstreben. Sie will nicht nur über das gute Leben reden, sie möchte es leben. Mit ihrem großen Herzen ist sie mit Haut und Haar auf der Suche nach einer guten (besseren) Zukunft für alle.

Meditation ist für sie der Weg Kraft und Frieden zu finden. Sie sagt, der Weg nach innen hilft ihr, sich von Fremdbestimmung und Konsumwünschen zu befreien: „Wir können nicht immer andere Menschen oder die Umwelt für unsere Unzufriedenheit verantwortlich machen.“ Ohne das große Erdbeben 2011 wäre sie vermutlich immer noch in  Neuseeland. Die bebende Erde hatte ihr kurzzeitig den Boden unter den Füßen weggezogen. Jetzt ist sie seit einem Jahr in Deutschland. Frisch verliebt, wie sie ist, strahlt sie noch mehr Glück und Zuversicht aus, als bei unserer letzten Begegnung.

Jetzt hat irgendjemand das Zeichen zum Meditationsbeginn gegeben. Es wird still. Fünfundvierzig Minuten liegt ein  lautes Schweigen über dem Global Stone Gelände. Vereinzelt hört man Kinder rufen und ein Hupen. Spaziergänger bleiben stehen. Sie reden nur noch leise oder raunen. Manchmal setzt sich jemand dazu oder geht weg. Ein fremdartiger Duft verbreitet sich auf dem Platz. Seltsam was hier so alles wächst. Neben Gänseblümchen und Kleeblätter schießen neuerdings auch Räucherstäbchen aus dem Boden.

Nach 45 Minuten tauchen alle wieder auf. Arme und Beine werden schlenkernd aufgeweckt. Ein Anflug von Verlegenheit macht sich breit. Gut, dass jetzt selbst gebackene Kekse die Runde machen. Meditieren macht hungrig. Wir werden von einem Musiker-Ehepaar eingeladen an einer Mantra-Meditation teilzunehmen. Manche folgen der freundlichen Einladung.  Wenige Minuten später höre ich fremdländische Melodien erklingen. Die meisten gehen genauso leise und unauffällig, wie sie gekommen sind.

Als ich mich verabschiede lerne ich Felizitasitas beste Freundin kennen. Sie war bis vor kurzem in Ägypten und hat den politischen Umbruch so lange miterlebt, bis es für sie gefährlich wurde. Eine weitere junge Frau gesellt sich zu uns. Sie ist zum zweiten Mal dabei und erzählt, dass sie lange Zeit über das Schlechte in der Welt immer wütender wurde. Weil sie es nicht ändern kann. Sie will mit  mit soviel negativer Energie nicht leben. Seitdem sie meditiert geht es ihr viel besser.

Was haben wir falsch gemacht?

Wir sprechen kurz über andere Formen politischen Engagements. Reicht es den Frieden und das Glück in uns zu entwickeln oder sollten wir auch versuchen etwas an den Machtverhältnissen zu ändern? Für diese jungen Frauen gibt es diesen Gegensatz gar nicht. Sie sind sich sicher, dass jeder die Möglichkeit hat als  „Social Entrepeneur“ die Welt zu verbessern. Darin sehen Sie ihre Berufung.

Als ich am frühen Abend in Richtung Bahnhof gehe bin ich  voller Vertrauen in diese Menschen. Alle wollen das Gute in die Welt bringen. Mir fallen Songs und  Sprüche  aus meiner Jugend ein: „Make love not war“ oder  „Freedom is just another word for nothing have to loose.”  Aber gerade weil mir das alles so bekannt vorkommt, frage ich mich, warum in den letzten 40 Jahren trotzdem so viel schief gegangen ist. Was haben wir falsch gemacht?

Links:
www.globalstone.de
www.medmob.org

 

 

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