Fritz Hinterberger
Bild: Fritz Hinterberger
30. September 2015  /// Gesellschaft Umwelt Welt

Menschen folgen den Ressourcen

Als ich neulich vom Wiener Westbahnhof zur Ökomesse WearFair Richtung Linz fahre, geht mir durch den Kopf, wie das derzeit so präsente Flüchtlingsthema mit dem Thema Mode und seinen ökologischen und sozialen Rucksäcken zusammenhängt. Irgendwie scheint sich ja bei vielen ein Konsens herausgebildet zu haben, der besagt: Kriegsfüchtling=guter Flüchtling, Wirtschaftsflüchtling: go home!

Aber was sind Wirtschaftsflüchtlinge eigentlich? Menschen aus Ländern, die es nicht schaffen, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, oder Menschen, auf deren Kosten wir leben? Und ist nicht auch wahr, dass es sehr viel weniger Wirtschaftsflüchtlinge geben würde, wenn wir für ein T-Shirt, ein Paar Schuhe oder ein Hemd aus Kambodscha, Äthiopien oder Bangladesch einen fairen Preis bezahlen würden? Anders herum gefragt: Ist es nicht auch wahr, dass wir uns sehr viel weniger Textilien und Dinge kaufen könnten, wenn sie hier bei uns produziert würden?

Das wär vielleicht gar nicht schlecht, hängt doch an einem Hemd oder T-Shirt ein ökologischer Rucksack von mehreren Kilogramm und oft auch 1000 Liter oder eine Tonne Wasser, mit dem die Baumwolle irgendwo auf der Welt bewässert wurde. An einem T-Shirt!

Unser Reichtum basiert auf der „Armut“ und auf den Ressourcen der Anderen. Und – wenn wir den ökologischen Rucksack in unsere Betrachtung mit einbeziehen, ist auch wahr, dass wir die Ressourcen anderer Länder verbrauchen. Der Länder, aus denen ein Teil der „Wirtschaftsflüchtlinge“ kommt, die wir nicht haben wollen.

Die Menschen folgen also den Ressourcen.

Das gilt auch für die Treibhausgase, die für den gefährlichen Klimawandel verantwortlich sind. Wir verursachen davon hier bei uns so viel mehr als die Menschen in Bangladesch, tragen aber kaum die Folgen dieses Tuns. Die Menschen in Bangladesch, das nur wenige Meter über dem Meer liegt, aber wohl.

So sind es die globalisierten Produktionsverhältnisse, die heute Produktion und Konsum determinieren. Internationales Finanzkapital geht dorthin, wo die höchsten Profite erwartet werden – Ausbeutung von Menschen und Natur inklusive. Diese Verhältnisse werden von der internationalen, europäischen und nationalen Politik unterstützt. Regionale Produktion durch kleine und mittlere Unternehmen hat so kaum eine Chance. Mit den Ressourcen kommen also nicht die Arbeitsplätze zu uns.

Natürlich werden die Menschen, die aus Bangladesch und Syrien jetzt zu uns kommen, hier mehr Ressourcen verbrauchen als in ihren Heimatländern. Aber ist das nicht mehr als fair? Ich persönlich finde es immer wieder berührend, welche Freude unsere „Helfer“ diesen Menschen mit ihren Geschenken (oft aus zweiter Hand) machen.

Unser Leben würde es hingegen eher vereinfachen als verarmen, wenn wir in Zukunft das eine oder andere T-Shirt weniger im Schrank hätten. Mögen andere damit glücklich werden! Gleichzeitig geht es aber auch darum, die Produktionsverhältnisse, die dazu führen, zu ändern. Konsum, Produktion und Politik geben jeder und jedem die Möglichkeit dazu, daran mitzuwirken, beim Einkauf, im Betrieb und in der Wahlzelle und – wenn das nicht hilft – mittels einer politischen Bewegung, die diese Verhältnisse zu ändern willens und in der Lage ist.

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