26. Juni 2015  /// Unternehmen Wirtschaft

Mit der Natur pleite gehen?

Buchhaltung_Preußen

 

Doppelte Buchführung und wirtschaftliche Bilanzen gibt es seit über 500 Jahren. Erfunden wurden sie im Umfeld der ersten Wirtschaftsmächte in der Renaissance, namentlich Venedig, Genua, aber auch der Hanse und der Fugger. Im Kern geht es dabei darum, festzustellen, ob Einnahmen die Ausgaben über die Zeit hinweg decken, oder ob man von der Substanz lebt, also Kapital verbraucht anstatt es zu vermehren oder erhalten.

Vor 500 Jahren ging es den Kaufleuten vor allem darum, selbst ihre komplexen Geschäftsbeziehungen im Auge zu behalten. Als mit dem Aufstieg der Aktiengesellschaften vor etwa 150 Jahren vielen Menschen bei spektakulären Pleiten ihr Geld verloren, kümmerte sich auch der Staat um die Aufstellung korrekter Bilanzen.

Wer keine ordentlichen Bücher führte, wurde nach preußischem Landrecht  „bei ausbrechendem Zahlungsunvermögen“ als fahrlässiger „Bankerutierer“ mit bis zu 3 Jahren  Zuchthaus- oder Festungsstrafe belegt – eine Vorläuferbestimmung des heutigen Insolvenzrechts. Dass die Feststellung dieser Ordentlichkeit zum Beispiel bei halbfertigen Projekten oder Immobilien kein einfaches Unterfangen ist,  weiß jeder Wirtschaftsprüfer und belegen einschlägige Strafverfahren bis hin zu Untersuchungsausschüssen etwa im Zusammenhang mit der früheren Kärntner Landesbank Hypo Alpe Adria.

Die Insolvenz an sich ist nicht strafbar – nur ihre vorsätzliche oder fahrlässige Herbeiführung, etwa wenn bei der Erstellung der Bilanz geschlampt wurde. Aber: die Aufstellung einer Bilanz sorgt durch ihre verpflichtende Veröffentlichung auch dafür, dass sich die Allgemeinheit ein Bild davon machen kann, ob eine Insolvenz droht und schützt so Außenstehende davor, Geld in ein Unternehmen zu investieren, das dabei ist, sein Kapital aufzubrauchen und das seiner Gläubiger dazu.

Nachhaltigkeitsberichte und Gemeinwohlbilanzen

Das Prinzip der doppelten Buchführung wurde vor etwa 75 Jahren auch auf ganze Volkswirtschaften angewendet: die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Als dann vor etwa 30 Jahren die Idee der Nachhaltigkeit Furore machte, wonach heutiges Handeln nicht auf Kosten künftiger Generationen gehen soll, kam auch die Idee auf, dies unter dem Prinzip der Kapitalerhaltung zu diskutieren. Unsere Generation dürfe ihr Kapital nicht verbrauchen – und zu diesem Kapital gehöre auch die Natur.

Heute hat sich dieser Gedanke weit verbreitet. Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen gehören nicht nur zum guten Ton sondern werden künftig aufgrund einer EU-Richtlinie auch verpflichtend. Die Regeln für solche nicht-finanziellen Berichte sind aber weit weniger konkret als die zur finanziellen Bilanzierung. Sie wurden im wesentlichen von privaten Organisationen entwickelt, wie der Global Reporting Initiative (GRI).

Dabei geht es in recht umfassenden Regelwerken darum, möglichst konkret zu erfassen, wie groß der CO2-Ausstoß ist, den ein Unternehmen verursacht oder   wie häufig sich die MitarbeiterInnen im Krankenstand befinden. So könnte auch TEPCO nach der Atomkatastrophe von Fukushima einen Nachhaltigkeitsbericht verfassen, der den Richtilinen entspricht, solange die von dem Unternehmen verursachten Schäden nur umfassend und transparent beschrieben werden.

Etwas weiter geht da schon Christian Felber, Spiritus Rector, der „Gemeinwohl“-Bewegung, die die Aufstellung von Gemeinwohlbilanzen fordert und sich darum bemüht, dass auch ihre Methode in den Katalog derjenigen aufgenommen wird, die den Kriterien der EU für nicht-finanzielle Unternehmensberichte genügen.

Auch diese Gemeinwohlbilanzen sind aber keine Bilanzen im engeren Sinn, die anzeigen, ob ein Unternehmen dazu beiträgt, das Kapital der Allgemeinheit zu vermehren oder zu reduzieren, sondern ein Punkteschema, das in umfassender Weise anzeigt,  in welchen Bereichen Unternehmen dem Allgemeinwohl dienen und in welchen nicht.

Eine eindeutige Bewertung des Beitrags eines Unternehmens zu ökologischen und sozialen Gegebenheiten, „Soll“ und „Haben“ wie es im finanziellen Bereich Usus ist, liefern also beide Ansätze nicht. Allerdings arbeiten WissenschaftlerInnen an der Universität von Santiago de Chile an einer „klassischen“ Gemeinwohl-Bilanz mit Aktiva und Passiva. Die Methodik ist noch in der Entwicklung. „Ziel ist, dass das umfassende ethische Verhalten von Unternehmen in Punkten messbar, vergleichbar und damit belohnbar – oder negativ sanktionierbar – wird. Die Wirtschaftsprüfung der Zukunft wird eine ganzheitliche sein, die finanzielle (Mittel-) und ethische (Ziel-)Indikatoren integriert“, so Felber.

Entwicklungsbedarf gibt es derzeit allerdings nicht nur bei der Methode der Mess- und Bewertungsinstrumente, sondern zum Teil auch noch bei den Indikatoren:

Manchmal sei nicht einmal klar, ob die Erhöhung oder Verringerung eines Indikators einen Fortschritt bedeute, meint etwa Christine Jasch, die sich in der österreichischen Kammer der Wirtschaftstreuhänder um das Thema Nachhaltigkeit kümmert. Weniger Krankenstände können sowohl ein Indiz dafür sein, dass die MitarbeiterInnen gesünder werden als auch dafür, dass sie sich aus Angst vor Kündigungen weniger oft krank melden.

Planetare Grenzen und ökologische Insolvenz

Ähnlich ist es im Umweltbereich, wo selbst Umweltschützer oft davor zurück schrecken, die Kriterien zur Messung des Umweltverbrauchs soweit zu vereinfachen, dass er sich auf einer Skala messen lässt, die ausdrückt, ob ein vorgegebenes Ziel erreicht wird oder nicht. Dennoch haben namhafte Wissenschaftler in den wichtigsten Fachzeitschriften der Welt wie Nature und Science solche Zielvorgaben für die von Ihnen so genannten „planetary boundaries“ vorgeschlagen und Anfang Juni beschäftigte sich ein Forum internationaler Forscher in Zürich damit, wie solche Grenzen in die Berechnung der Umweltauswirkungen von Produkten und ganzer Volkswirtschaften einbezogen werden können: vom Ausstoß klimarelevanter Gase über den Wasserverbrauch und die Versauerung der Meere bis zum weltweiten Artensterben.

Immerhin haben sich die Staats- und Regierungschefs der 7 wichtigsten Industrienationen von Angela Merkel, dazu bewegen lassen, die Erhöhung der globalen Temperatur auf maximal 2 Grad Celsius als politisches Ziel anzuerkennen.  Daraus lassen sich nun Werte für den globalen CO2-Ausstoß ableiten, die dann in konkretes Handeln und auch Zielwerte für jeden Einzelnen und jedes einzelne Unternehmen umzusetzen wären. Die vom Ökosystem langfristig tragbare Obergrenze von 400 ppm wurde bereits überschritten und steigt weiter.

Pro Kopf und Jahr müsste dazu der vom Menschen verursachte CO2-Ausstoß auf etwa 2 Tonnen reduziert und 2050 auf einem absolutes Minimum stabilisiert werden. Darum geht es im Dezember bei der Klimakonferenz in Paris. Der Klimawandel ist aber nur einer von neun von der Scientific community anerkannten planetaren Grenzen.

Ca. 150 Milliarden Tonnen an Ressourcen werden jährlich aus der Erde geholt oder geerntet. Diese Zahl sollte auf etwa ein Drittel reduziert werden, um langfristig 10 Milliarden Menschen auf diesem Planeten ein lebenswertes Leben zu ermöglichen.  Für eine durchschnittliche Österreicherin oder Deutschen bedeutet das die Verringerung auf ca. ein Zehntel desheutigen Ressourcenverbrauchs. This is certainly not peanuts. Aber es wird international daran gearbeitet, das auch zu erreichen.

Aus solchen Zielvorgaben Grenzwerte für die „ökologische Insolvenz“ eines Unternehmens abzuleiten, ist noch ein weiter Weg. Während es zumindest mathematisch noch einfach ist, die maximal tolerierbaren CO2-Emissionen auf durch die Weltbevölkerung zu dividieren und so auf den Soll-Verbrauch eines Menschen zu kommen, ist die Frage nach der tolerierbaren Umweltbelastung eines Schuhs oder einer Mahlzeit schon nicht mehr so einfach zu beurteilen.

Darf etwa eine Veganerin das, was sie beim essen einspart bei ihrer nächsten Urlaubsreise verprassen? Ist es positiv zu beurteilen, wenn der „ökologische Rucksack“ eines Unternehmens, das umweltfreundliche Produkte herstellt steigt, weil mehr davon nachgefragt wird. Schwierige Fragen, die bei der Umsetzung der EU-Richtlinie zur verpflichtenden Berichterstattung großer Unternehmen über ihre auch nicht-finanzielle „Nachhaltigkeit“ jetzt beantwortet werden sollten.

Es sollte aber das Ziel sein, dass sich die planetaren Grenzen in der Buchhaltung jedes Unternehmens wiederspiegeln und nicht-nachhaltiges Verhalten letztlich vom Markt verschwindet. Bei der finanziellen Gebarung hat es Jahrhunderte gedauert, bevor aus unternehmerischer Rechnungslegung rechtliche Vorgaben wurden. So lange sollte es bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht dauern, um ein ökologisches “bankerutieren“ und damit den Bankrott der Natur zu verhindern.

Dabei ist es im Umweltbereich noch verhältnismäßig einfach, globale und regionale Belastungsgrenzen zu definieren. Nachhaltigkeit hat aber auch eine soziale und ökonomische Dimension. Und dafür ist die Wissenschaft noch weit davon entfernt, allgemein anerkannte Maßstäbe zu finden, anhand derer Unternehmen verglichen und eine „soziale Insolvenz“ festgestellt werden könnten. Das bedeutet aber nicht, dass es grundsätzlich unmöglich wäre.

 

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6 Antworten zu “Mit der Natur pleite gehen?”

  1. zunächst: einen super Artikel haben sie da veröffentlicht
    ich interessiere mich für das Thema „Umweltauswirkungen von Produkten“
    und suche nach einem Ansatz für eine entscheidungsorientierte Produkt-Preis-Bildung, so dass die Preise eine steuernde Wirkung haben und die planetaren Grenzen eingehalten werden können (Preis-Standard-Ansatz)
    – deshalb schlage ich einen Knappheitspreis vor für CO2, Rohstoffnutzung, Stickstoff, etc. vor + Transportaufschlag
    – jedoch nicht auf LCA-Basis und auch nicht als Öko-Label sondern als zu bezahlenden Produkt-Preis
    – so dass der Preis nicht mehr allein Angebot + Nachfrage zum Ausgleich bringt, sondern gleich auch noch die globalen Grenzen berücksichtigt
    –> Kennen sie Ansätze, die in diese Richtung gehen?
    bis auf den Ansatz von Schachtschneider (ökologisches Grundeinkommen) hab ich noch keinen entdeckt und Schachtschneider bleibt eher an der Oberfläche und hat keine Ansätze zur konkreten Preis-Berechnung und Abwicklung

  2. Es wird Zeit, dass es auch eine ökologische Insolvenz gibt, wenn ein Unternehmen nicht gut mit den Ressourcen der Natur haushaltet.
    Ausgehend von einem ökologisch-orientierten Warenkorb eines gemeinwohl-orientierten Erdenbürgers könnte für eine Volkswirtschaft wie Deutschland/Österreich oder die EU hochgerechnet werden, was an Produkten und Dienstleistungen noch tragbar wären.
    Daraus ergeben sich max. Absatzzahlen für z.B. Autos in dem Land. Jedes mehr produzierte Auto kostet dann das dreifache der Produktionskosten für das Unternehmen und so ist es schnell auch real insolvent… Nur mal als Hirngespinst, wobei das schon nach Planwirtschaft riecht.
    Die Frage ist, wie man das rechnerisch umsetzen kann…
    Oder über die ökologischen Auswirkungen. Nur welchen Maßstab nimmt man da als Basis.
    Prinzipiell geht es schon darum auf Konsumentenseite zu verzichten und das fällt persönlich schwer. Morgen gibt es ein schickes Notebook bei Hofer, das ich nicht unbedingt brauche, aber mich anspricht… Ökologisch ist es a Schmarrn und würde mein Umweltkonto belasten…
    Ja, so ein privates Umweltkonto wie ein Geldkonto, mit dem ich bezahle… Pro Monat bekommt ein Erdenbürger seinen Anteil an CO2 Äquivalent gutgeschrieben und mit jedem Einkauf wird der entsprechende Anteil an CO2 auch runtergebucht. Bei 0 kann nicht mehr eingekauft werden…
    Das ist jetzt auf der Kundenseite und noch nicht auf Unternehmer-Seite… Wenn ginge sowas vielleicht bei den Lieferanten und eine Verteilung nach Branchen. Thyssen bekommt etwas mehr gutgeschrieben als die Großbank von nebenan…
    Schwierig, wie das konkret umgesetzt werden kann… aber danke für den Aufschlag und Impuls.

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