20. August 2015  /// Gesellschaft Textil Wirtschaft

Mode und Nachhaltigkeit – ein Paradoxon?

Mode, wir alle haben mit ihr zu tun und verstehen das Phänomen doch so wenig.

Schon Georg Simmel beschäftigte sich vor 100 Jahren mit dem Thema Mode und definiert sie als etwas, das in erster Linie vom eigenen vergänglichen Charakter lebt. Es scheint offensichtlich zu sein, dass Mode nach dieser Definition wohl kaum mit Nachhaltigkeit vereinbart werden kann, denn Nachhaltigkeit an sich bedeutet ja, dass etwas eine „längere Zeit anhaltende Wirkung“ hat.

Monika Kritzmöller, Dozentin für Soziologie der Universität St. St.Gallen, erklärt, dass das Konzept der Mode in unsere Gesellschaft deswegen funktioniert, weil wir „neu“gierig sind. Obwohl Kleidung oft noch von der Größe her passt, haben wir das Gefühl, dass wir was neues brauchen, dass die Kleidung zeitlich oder vom Stil her nicht mehr passt. Wir suchen aber auch nach Veränderung und sind gierig nach etwas Neuem.

Aufgrund des vergänglichen Charakters wird Mode oft zum Merkmal einer Zeit. Was kommt einem zum Beispiel in den Sinn, wenn man an die 70er Jahre denkt? Blümchen? Eine Mode aus dieser Zeit, die aber als kulturelles Merkmal dieser Zeit absolut zentral geworden ist.

Was müssen wir erTRAGEN?

Mode ist deswegen soziologisch interessant, da sie immer ein Abbild der Gesellschaft darstellt. Sie ist sozusagen der Spiegel der Gesellschaft und zeigt, was diese beschäftigt oder eben auch nicht. Es ist ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur, in welcher wir eingebettet sind und zeigt, was uns wichtig ist oder auch welches ästhetische Empfinden wir haben. Es gibt also sozusagen kein Entrinnen aus der Mode, denn wir sind in ihr eingebettet und werden sie immer erTRAGEN müssen.

Seit der Industrialisierung ist es zusätzlich so, dass sich jeder Mode finanziell leisten kann und deswegen seither Mode sozusagen demokratisiert wurde. Viele meinen jedoch auch, dass dadurch auch eine Art Verwässerung der Mode stattgefunden hat. Denn nur, weil man sich prinzipiell Mode leisten kann, wird noch lange nicht das „Richtige“ getragen und „richtig“ getragen.

Was das „Richtige“ ist, sollte die Mode anzeigen. Doch wie Simmel auch schon vor 100 Jahren schrieb, scheint Mode in einem dauernden Dualismus zwischen Individualität und Zugehörigkeit zu stehen. Wenn eine Mode von allen getragen wird, erscheint diese schnell nicht mehr aktuell. Ein neuer Modetrend entsteht. Hält man sich jedoch aus den Moden raus, wird man normalerweise von der Gruppe ausgeschlossen.

Mode als Individualitäts-, Identitätsbildung und Orientierungshilfe

Gerade heute scheint Individualität eines der wichtigsten Dinge in unserer Gesellschaft zu sein. So hat sich beispielsweise auch die Subkultur der Hipster gebildet, welche Individualität als höchstes Gut definiert hat. Genau diese Bewegung verliert jedoch ihre erstrebte Individualität durch die erreichte Grösse ihrer Subkultur.

Mode kann also kulturelle Merkmale einer Zeit sichtbar machen, sie kann Zusammengehörigkeit und Andersartigkeit kommunizieren und aber auch eine bedeutende Rolle bei der eigenen Identitätsbildung spielen.

Identitätsbildung ist in unserer Gesellschaft für jedermann sozusagen ein Hauptprojekt des eigenen Lebens. Man ist sich heute auch ziemlich einig darüber, dass die Identitätsbildung tagtäglich, bei jeder Entscheidung weitergetrieben wird und dass man selbst eine bedeutende Rolle dabei spielt, wohin man sich entwickelt.

Erving Goffman hat 1959 sein Werk „wir alle spielen Theater“ veröffentlicht, in welchem er die soziale Interaktion von Menschen in einer Theatermetapher erklärt. Er meint, wir stehen auf der Bühne unseres Lebens und spielen jeder unsere Rolle. Auch wenn „eine Rolle spielen“ in unserem Alltagsgebrauch negativ besetzt ist – sie ist im Grunde genau das, was wir sein wollen. Wenn es manchmal nicht so ganz authentisch wirkt, ist wohl die Inszenierung nicht ganz so gut gelaufen.

Wohl wissen wir alle: Selber für seine Identität und für den gesamten Lebensweg verantwortlich zu sein, macht das Leben nicht unbedingt einfacher. Es kann ein enormer Druck sein, sich rechtfertigen zu müssen, für all das, was man tut und lässt. Somit auch, welche Kleidung man trägt. Daraus folgt, viele von uns sich an dem riesigen Angebot an Möglichkeiten orientieren, die uns die Entscheidungen erleichterten. Mode kann somit auch als Orientierungshilfe eingeordnet werden. Als ein Symbol oder eine Idee, mit der man nach Aussen kommunizieren kann, wer man ist und wer sich hinter der materiellen Kleidung versteckt.

Mode als Symbol

Es handelt sich bei Mode um ein Symbol, welches man nicht nur sieht, sondern auch auf der Haut spürt. Ein Symbol, welches eine Aussage (über) eine(r) Gesellschaft oder (über) eine(r) Person zulässt. Vorausgesetzt diese Auseinandersetzung hat zuvor auch stattgefunden. Dann kann Kleidung auch als kulturelles Gut oder als Teil einer Identität oder Persönlichkeit gestaltet werden.

Genau diese Auseinandersetzung scheint in unserer Gesellschaft heute zu fehlen. Wir wissen nicht mehr, was wir tragen. Die meisten von uns fragen sich nicht, wo unsere Kleidung herkommt und wer sie produziert hat. Oft schauen wir sogar ganz bewusst weg. Auch scheint Kleidung kaum mehr idealistische Symbole zu verkörpern, sondern scheint im Allgemeinen einfach ein Massenprodukt geworden zu sein.

Kleidung hat heute Konsumcharakter

Vom kulturellen Charakter sind wir weit entfernt. Nach Simmel hat das vor allem damit zu tun, dass die Auseinandersetzung mit den Dingen, die wir herstellen und nutzen, wegfällt. Es kann daher nur all das zu einer Kultur werden, womit wir uns auseinandergesetzt haben.

Woher kommt diese fehlende Auseinandersetzung? Es gibt verschiedene Theorien, welche darauf eine Antwort geben. Eine Erklärung kommt von Marx, dem Urvater der Konsumkritik ist. Er meint, dass die Industrialisierung (vielleicht verstärkt durch Globalisierung?) zu einer Entfremdung von Produkt und Arbeit geführt hat, welche den Wert des Menschen und des von ihm hergestellten Produktes drastisch reduziert hat.

Ganz so drastisch ist es jedoch nicht. Denn Mode und Nachhaltigkeit passen im Grunde sehr gut zusammenpassen. Und glücklicherweise sieht man heute bereits die ersten Anzeichen dafür, dass sich Träger_innen und Produzent_innen von der Konsumhaltung unserer Wegwerfgesellschaft abwenden und sich beginnen mit der umwelt- und sozialverträglichen Herstellung von Kleidungsstücken auseinanderzusetzen. Und es werden laufend mehr. Denn wir müssen alle dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit nicht nur zur Mode wird, sondern dass Mode nachhaltig wird. Es gilt für jeden von uns, sich beim Kauf von neuen Kleidungsstücken näher damit auseinanderzusetzen: Wer hat dieses Stück designed? Wer hat es produziert? Woraus ist es gemacht? Woher kommen die Stoffe? Welche Reise hat mein Kleidungsstück schon hinter sich? Welche Geschichten stecken dahinter? Was bedeutet mir dieses Stück und wieso passt es zu mir? Durch diese Auseinandersetzung baut man eine völlig andere Beziehung zu den Gegenständen auf, welche man zu besitzen und fühlen beginnt, und nicht nur zu er-tragen.

Jedem Kleidungsstück gebührt Wertschätzung

Auf einmal reichen einem auch weniger Modestücke, die man jedoch zu schätzen und pflegen weiss. So wird die symbolische Bedeutung von Kleidung, also Mode, nachhaltig.

Lasst uns Mode wieder zur Kultur werden lassen, denn Kultur ist nachhaltig. Oder wie Jürgen Habermas zu sagen pflegte: „Kultur ist kritisch, Konsum nicht!“

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