Bundesministerin Johanna Wanka (vorn) mit den Mitgliedern der Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung  (Foto: MR)
Bild: Bundesministerin Johanna Wanka (vorn) mit den Mitgliedern der Plattform Bildung für nachhaltige Entwicklung (Foto: MR)
23. Juni 2017  /// Gesellschaft

Nachhaltigkeit als Lernthema

In Berlin wurde jetzt ein „Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung“ beschlossen

Um zu einer Erde im ökologischen Gleichgewicht und in sozialer Gerechtigkeit zu gelangen, haben sich die Vereinten Nationen im September 2015 das große Nachhaltigkeits-Programm „Sustainable Developement Goals“ mit dem Zieldatum 2030 auf die Fahnen geschrieben. Dass es keineswegs einfach ist, diese Ziele auch in die Köpfe der Menschen zu bekommen, zeigen indes die Anstrengungen im Bildungsbereich. Zehn Jahre lang hat die UN-Bildungstochter UNESCO an einem weltweiten Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (BNE) gearbeitet, auch in Deutschland. Inzwischen  ist das Programm vom Deutschen UNESCO-Komitee in die Zuständigkeit des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) übergegangen. In dieser Woche wurden in einer Sitzung der BNE-Plattform im Berliner Ministerium der für die Umsetzung wichtige „Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung“ verabschiedet.

Wie kommt Nachhaltigkeit in den Lehrplan und ins gesellschaftliche Bewusstsein? Die Urteile über das bisher Erreichte fallen gemischt aus. Bemerkenswert kritisch äußerte sich die entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisation Germanwatch: „Trotz der UN-Dekade für Bildung für nachhaltige Entwicklung von 2005 bis 2014, umfassender Bildungsarbeit, unzähligen BNE-Projekten und Materialien mit auffordernden Handlungsanweisungen konnte die breite Masse der Gesellschaft nicht erreicht werden“, bemerkte Germanwatch in einer Bilanzbroschüre („Wandel mit Hand und Fuß“) und  stellte die Frage: „Warum nicht?“ Es handele  sich jedenfalls „nicht um ein Wissens- oder Einstellungsproblem“.

Der zentrale Anlass, warum das deutsche BMBF in die föderalismuspolitisch nicht unproblematische Rolle gekommen war, eine neue bundesweite Bildungsaktivität zu entfalten,  liegt im neuen Schwerpunkt der Dekade-Fortsetzung, die als Weltaktionsprogramm“ (WAP) für BNE bezeichnet wird: Man will von der punktuellen Projektförderung wegkommen und eine Verankerung des Nachhaltigkeits-Themas in der kontinuierlichen Struktur der Bildungsangebote für alle Altersgruppen erreichen. „Vom Projekt zur Struktur“ lautet das Schlagwort für diese neue Phase. In allen Bildungsabschnitten soll das Nachhaltigkeitsthema verankert werden – von frühkindlichen Bildung über die Schule und Hochschule bis zur Berufsausbildung und Erwachsenenbildung.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) wollte einen Prozess in Gang setzen, in dem die vereinzelt gemachten Projekt-Erfahrungen zu „ganzheitlichen Ansätzen“ weiter entwickelt werden. Der Anspruch sei es, so die Ministerin, Nachhaltigkeit jenseits des kognitiven Wissens auch „im Alltag zu leben“. Das Brett, das dazu gebohrt werden musste, war allerdings dick. Bei der ersten Sitzung der „Nationalen Plattform Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ mit 39  Vertretern aus allen Bildungsfeldern, musste Prof. Gerhard de Haan, Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Leiter der ersten UNESCO-Dekade , einräumen, dass man in zehn Jahren zwar Erfolge erzielt habe: „Aber wir sind nicht weit genug gekommen“.

Als Belege führte er unter anderem das Greenpeace-Nachhaltigkeitsbarometer an. In ihm wurde ermittelt, dass weniger als 50 % der Gymnasiasten in Deutschland noch nie etwas von Nachhaltigkeit gehört hatten. In der Tat kein großer Bildungserfolg. Am Basiswissen muss noch viel gearbeitet werden, wenn die Hälfte der Bürger der Auffassung sind: „Der Klimawandel ist eine Folge des Ozonlochs“. Auch die Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamtes konnte de Haan mit den Worten zusammenfassen: „Nachhaltigkeit wird von der Bevölkerung mehr gefühlt als praktiziert“. Mehr als ein Drittel der Bürger sind der Meinung, sie kauften im Geschäft als Verbraucher nachhaltige Produkte ein – dabei sind  so viele gar nicht auf dem Markt. Auch nach zehn Jahren Dekade steht man weiter vor großen BNE-Aufgaben.

Handlungsleitendes Wissen ist gefragt

Zentral sind aus Sicht des Pädagogik-Professors De Haan drei Ansätze: In den Lehrplänen Schulen muss das Thema Nachhaltigkeit konkret verankert werden. Weiter sind die Lücken in der Bildungskette zu schließen – vor allem in der hochschulischen Ausbildung der Lehrkräfte gebe es „noch große Defizite“. Und am wichtigsten für de Haan: „Wir brauchen handlungsleitendes Wissen – das ist das Entscheidende“.

Der Nationalen BNE-Plattform arbeiteten sechs Fachforen zu. Sie bündelten die Expertise aus den Bildungsbereichen Frühkindliche Bildung, Schule, berufliche Bildung, Hochschule, Non-formales und informelles Lernen/ Jugend und Kommunen und erhielten Impulse aus den zehn Partnernetzwerken BNE.

Zum Fortgang des BNE-Plattformprozesses, in dessen Rahmen im Juli 2016 auch ein großer öffentlicher „Agendakongress“ in Berlin stattfand, erklärte die BMBF-Staatssekretärin und Leiterin der Plattform, Cornelia Quennet-Thielen:

„Früher war der (BNE-) Prozess stärker von der Unesco und der Zivilgesellschaft getragen, weniger vom Staat. Aber in den vergangenen zwei Jahren haben wir dafür gesorgt, dass es in Deutschland einen gemeinsamen Prozess von Staat und Gesellschaft gibt. In der von Bundesministerin Wanka eingesetzten Nationalen Plattform unter meinem Vorsitz arbeiten deshalb 38 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Die Kultusministerkonferenz, die Umweltministerkonferenz, die Jugend- und Familienministerkonferenz sowie die kommunalen Spitzenverbänden haben die Texte beraten. Wir haben den Aktionsplan auch in einem Online-Beteiligungsprozess entwickelt. Die Mitwirkung war überwältigend: Mehr als 600 Menschen und Institutionen haben 8000 Bewertungen zu den Vorschlägen und 700 konkrete Ideen eingebracht.“

Ziele und Empfehlungen des Aktionsplanes

In dem jetzt verabschiedeten Aktionsplan werden 130 Ziele und 349 Handlungsempfehlungen genannt. Nach Angaben des Ministeriums sollen sie dazu beitragen, Maßnahmen der nachhaltigen Entwicklung in den Strukturen der Bildung zu verankern, damit der Wandel zu nachhaltigem Denken und Handeln gelingt. „Es geht darum, dass Nachhaltigkeit stärker Eingang findet in Lehrpläne, Curricula und Ausbildungsordnungen. Pädagogische Fachkräfte wie Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher benötigen dazu Aus-, Fort- und Weiterbildungen. Dies gilt auch für Freiwillige und Nichtregierungsorganisationen, die nachmittags in Schulen und unzähligen Orten des informellen Lernens, vom Museum über den Bürgerpark bis hin zum Sportverein Nachhaltigkeit vermitteln“, wird in der Pressemittelung ausgeführt.

„Bildung ist der Schlüssel für nachhaltige Entwicklung. Der Nationale Aktionsplan BNE stößt in Deutschland eine umfassende Transformation unseres Bildungssystems hin zu mehr Nachhaltigkeit an“, sagte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka in Berlin. „Der Beschluss der Nationalen Plattform ist ein Meilenstein. Nun geht es an die Umsetzung, die nur als Gemeinschaftswerk gelingt. Nachhaltigkeit geht uns alle an.“ Ziel sei es, schon vorhandene Aktivitäten für mehr Nachhaltigkeit, wenn es etwa um Wohnen, Verkehrsplanung, Bewirtschaftung oder Beschaffung geht, mit Bildung für nachhaltige Entwicklung zu verbinden.

 

Weiter führt die Pressemitteilung aus: „Die Texte wurden beraten von der Kultusministerkonferenz, der Umweltministerkonferenz, der Jugend- und Familienministerkonferenz sowie den kommunalen Spitzenverbänden, die Mitglieder in der Nationalen Plattform sind. Sie wird von der Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen geleitet. Erstmals wurde ein Nationaler Aktionsplan in einem so breiten, transparenten und partizipativen Prozess erarbeitet. Über 350 Organisationen und Vertreterinnen und Vertreter aus Zivilgesellschaft, Politik, Bildung und Wirtschaft haben seit September 2015 Texte erarbeitet und diskutiert. Gemeinsam haben sie Wege beschrieben, um die prioritären Ziele zu erreichen. Eine Online-Konsultation öffnete den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern. Nichtregierungsorganisationen haben den Prozess aktiv mitgestaltet.“

Presseöffentlichkeit nicht erwünscht

Die Abschlusskonferenz in Berlin fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Interessierten Journalisten wurde die Teilnahme nicht gestattet. Es gab weder vorher noch nachher eine Pressekonferenz oder ein Pressebriefing. Journlisten wurde nur ein Gruppenfoto erlaubt.

Eine Resonanz in den Medien fand daher bislang nicht statt. Das ist sehr schade für das Thema. Die am Prozess beteiligten Akteure hätten für ihr Anliegen mehr Öffentlichkeit verdient. Das war vom politischen Veranstalter nicht gewünscht.

Der Aktionsplan ist zudem noch nicht publiziert, sondern werde „demnächst hier veröffentlicht“.

BINE in Österreich

Auch in Österreich gibt es umfangreiche Aktivitäten zur Nachhaltigkeits-Bildung. Sie sind auf einer Seite des Österreichischen Bildungsministeriums zusammengefasst.

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