16. Februar 2016  /// Schwerpunkt Wachstum im Wandel

Nachhaltigkeit ist besser als Business-as-Usual

Der Klimawandel ist Realität. Die Ökosysteme weltweit sind unter Stress, Energie- und Ressourcenschonung unvermeidbar. Gleichzeitig wächst die Wirtschaft immer langsamer, die Arbeitslosigkeit steigt. Entscheidend ist, wie Europa mit diesen Herausforderungen umgeht: eher reaktiv oder offensiv.

Setzt Europa dieser Dynamik eine weitsichtige Politik entgegen, verwandeln sich Engpässe und Zwänge in Chancen. Die zentrale Aussage des europäischen POLFREE-Projekts lautet: Eine positive wirtschaftliche Entwicklung ist möglich, dabei entstehen zugleich neue Jobs; im Ergebnis eröffnen sich Spielräume für sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit. Eine proaktive Politik macht wirtschaftliche und soziale Innovationen erst möglich, sowohl in der Produktion wie im Konsum. Umgekehrt: Lässt man die Dinge laufen, münden ökologische Knappheiten unweigerlich in eine Negativspirale für Europa und die Welt.

Drei Jahre lang haben die POLFREE-Wissenschaftler unter der Leitung von Paul Ekins vom University College London (UCL) mit Partnern aus den Niederlanden, Deutschland und Österreich an dem Projekt gearbeitet. Aus Österreich war das Sustainable Europe Research Institute (SERI) daran beteiligt. Ein Business-as-Usual-Szenario zeichnet gleichsam die Nulllinie der zukünftigen Entwicklung. POLFREE belegt, dass umweltpolitische Untätigkeit erhebliche ökonomische Risiken mit sich bringt: Der Klimawandel gerät außer Kontrolle, die Nahrungsmittelpreise steigen und die Wirtschaft verlangsamt sich weiter, die Arbeitslosigkeit nimmt zu.

Bert Beyers
Das Team hinter POLFREE. (Foto: Bert Beyers)

Wege in eine nachhaltige Zukunft finden

Die Frage liegt auf der Hand: Wie könnte denn eine gute, eine nachhaltige Entwicklung verlaufen? Und lassen sich dafür Eckpunkte finden? Die POLFREE-Wissenschaftler haben vier konkrete Nachhaltigkeitsziele für 2050 entwickelt. Sie betreffen den Verbrauch von Ressourcen, Wasser und Fläche sowie den Ausstoß von CO2. Daran können die lösungsorientierten Szenarien gemessen werden.

Das europäische POLFREE-Projekt hat mehrere Positiv-Strategien entworfen, wie die angesprochenen Ziele erreicht werden können. Aber wie soll man das beurteilen? POLFREE nutzt dazu ein Computermodell, das die globale wirtschaftliche Entwicklung beschreibt. GINFORS modelliert Dutzende von Branchen, ihre Interaktion durch weltweiten Handel, ja sogar die Gewohnheiten der Konsumenten in verschiedenen Ländern und Kulturen. Diese detaillierte und tiefgreifende Analyse mit Millionen von Daten ermöglicht Aussagen über die künftige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung. Ein weiteres Computermodell (LPJmL) zeigt die Begrenzungen der globalen Vegetation und agrarischen Flächen, insbesondere die der Produktion von Getreide. Selbstverständlich ist GINFORS keine Glaskugel, die historische Ereignisse wie den Fall der Berliner Mauer prognostizieren kann. Die Stärken des Computermodells liegen vielmehr darin, dass es die grundlegenden ökonomischen Entwicklungen und Handlungsspielräume beschreibt.

Mit Hilfe von GINFORS lassen sich auch die Wirkungen von rund 30 verschiedenen sozio-ökonomischen Steuerungselementen verstehen, zum Beispiel Steuern und Subventionen. Dabei geht es um direkte wie indirekte Folgen, auch um nicht gewollte (Bumerangeffekt), wie sie für komplexe Systeme charakteristisch sind. GINFORS half dabei, maßgeschneiderte policy mixes für die POLFREE-Szenarien zu entwickeln.

Drei idealtypische Szenarien leuchten den Zukunftsraum aus. Der günstigste Fall ist der einer internationalen Kooperation (Szenario 1: Global Cooperation): Die anspruchsvollen Umweltziele werden in der EU wie auch global erreicht. Einkommen und Beschäftigung liegen in den meisten Ländern deutlich über denen eines Business-as-Usual. Zu den Verlierern gehören nur die großen Ressourcenexportländer.

Wagt die EU einen umweltpolitischen Alleingang, kann sie mit einer eher konventionellen Politik (Szenario 2: EU Goes Ahead) einen Vorteil (first mover advantage) gegenüber dem Rest der Welt erzielen. Es kommt zu hohen Einkommens- und Beschäftigungsgewinnen. Im Fall einer alternativen Bottom-Up-Politik (Szenario 3: Civil Society Leads) ergeben sich leichte Einkommensverluste gegenüber einem Business-as-Usual. Auf der Positiv-Seite stehten eine sehr hohe Zahl an neuen Jobs sowie Freizeitgewinne und Zeit für soziales Engagement. In beiden Fällen (Szenario 2 und 3) werden die Umweltziele für Europa erreicht.

Ein umweltpolitischer Alleingang der EU kann die globalen Probleme nicht lösen, sondern allenfalls entschärfen. Allerdings könnte die EU zum Vorbild (front runner) werden. Ihre ökonomischen Erfolge könnten die anderen Länder – insbesondere die wichtigen Schwellen- und Entwicklungsländer – veranlassen, Europa auf dem eingeschlagenen Weg zu folgen.

Die POLFREE-Szenarien sind ihrer Konstruktion nach idealtypisch. Schon deshalb steht fest: Die Zukunft wird anders verlaufen. Und trotzdem, eines der wichtigsten Ergebnisse von POLFREE ist, dass die Zukunft so verlaufen könnte. Die Szenarien sind konsistent und belastbar, nicht zuletzt wegen ihrer Fundierung durch GINFORS. Europa könnte zum Beispiel einen Alleingang wagen – und würde davon auch noch profitieren. Eine selbst gewählte positive Zukunft ist möglich. Die Wege der Szenarien sind gangbar – und führen zum Erfolg. Das zu wissen bedeutet sehr viel.

Warum Fokus auf natürliche Ressourcen?

Spätestens seit dem Erdgipfel von Rio 1992 steht der Klimawandel auf der umweltpolitischen Agenda ganz oben. Ziel ist es nach wie vor, die Erwärmung der Atmosphäre auf maximal 2 Grad zu beschränken. In den letzten Jahren wurden aber neben dem Klimawandel in wissenschaftlichen Top-Journalen wie Nature und Science noch weitere globale Umweltgefahren als planetarische Grenzen (planetary boundaries) identifiziert. Vier von neun dieser Grenzen sind bereits überschritten. Neben dem Klimawandel gehören dazu das Artensterben, die Landnutzung und die Störung biogeochemischer Kreisläufe. In vielen Regionen der Welt sind die Ökosysteme bereits massiv unter Druck, etwa durch den Wasserverbrauch oder die Ozonkonzentration in der Atmosphäre. All diese Prozesse hängen in der einen oder anderen Weise mit dem permanent ansteigenden Ressourcenverbrauch sowie dem Flächenverbrauch für nachwachsende Ressourcen zusammen: Ressourcenextraktion beeinflusst die Integrität der Ökosphäre und damit die Biodiversität und verursacht zugleich Emissionen, die sich wiederum negativ auf die Umwelt auswirken.

Wie lauten die Ziele von POLFREE – und warum?

Da sich planetarische Grenzen nicht unmittelbar in ökonomische Modelle umsetzen lassen, wurde GINFORS einerseits mit LPJmL des Potsdam Instituts verknüpft und andererseits wurden physische Variablen identifiziert, in die die planetarischen Grenzen in Form von quantitativen Zielen übersetzt und mit den wirtschaftlichen Variablen des Simulationsmodells verknüpft werden können:

  • Der Verbrauch nicht-nachwachsender Rohstoffe wie Erze, Sand oder Kies (Raw Material Consumption, RMC) soll auf 5 Tonnen/Kopf reduziert werden.
  • Das von Europa weltweit beanspruchte Ackerland soll im Vergleich zu 2005 um 30% verringert werden.
  • Der Wasserausschöpfungskoeffizient soll auf 20% reduziert werden.
  • Die CO2-Emissionen der EU sollen um 80% gegenüber dem Niveau von 1990 sowie global um ca. 60% gegenüber dem aktuellen Niveau verringert werden, um das 2 Grad Klimaziel zu erreichen.

Was geschieht, wenn es einfach so weitergeht?

Im Referenzszenario steigen die Preise für fossile Energieträger und Erze bis 2050 deutlich an. Noch teurer werden allerdings Nahrungsmittel. Zugleich steigt die Weltbevölkerung bis 2050 um ein Drittel. Und in den Schwellenländern essen die Menschen mehr Milchprodukte, Fleisch und Fisch – wodurch die Nachfrage nach Futter für Nutztiere weiter steigt. Da die Agrarflächen begrenzt sind, kommt es zu einem extremen Anstieg der Nahrungsmittelpreise. Darunter leidet insbesondere der arme Teil der Bevölkerung, nicht nur in den Entwicklungs- und Schwellenländern, sondern auch in den Industrienationen. In der Folge bleibt vom Haushaltseinkommen immer weniger übrig, die Nachfrage nach anderen Produkten sinkt. Das schlägt sich in fallenden Wachstumsraten nieder, nicht nur in der EU, sondern weltweit. Ein Business-as-Usual führt zu einer globalen Erwärmung zwischen 4 und 6 Grad. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Rohstoffen steigt von 6,8 Tonnen jährlich auf 9,1 Tonnen – bei deutlich größerer Weltbevölkerung. In der Folge geraten die globalen Ökosysteme immer weiter unter Druck.

Bernd Meyer von der „Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung“ (GWS) erklärt (Englisch):

Wie unterscheiden sich die drei lösungsorientierten Szenarien von einander?

Die Szenarien bewegen sich an zwei Grundfragen entlang. Erstens, gelingt es, eine internationale Kooperation zum Schutz der ökologischen Trägersysteme (Klima, Wasser, Anbauflächen etc.) zu erreichen? Im Szenario Global Cooperation wird diese Frage mit Ja beantwortet. In den beiden anderen Szenarien lautet die Antwort Nein. Frage Nummer zwei: Wer sind die treibenden Kräfte der Entwicklung? In Global Cooperation wie auch in EU Goes Ahead  wird der Wandel eher von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten getragen (top down). In Civil Society Leads sind es die Bürgern selber und die Zivilgesellschaft, die die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft in die Hand nehmen (bottom up). Als Konsumenten wie als Anbieter ändern sie ihre Wertvorstellungen und ihr Verhalten. Das traditionelle Wachstumsdenken lassen sie dabei hinter sich.

Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse von Szenario 1 (Global Cooperation)?

Durch starke internationale Kooperation und den Einsatz entsprechender policy mixes werden alle Nachhaltigkeitsziele global bis 2050 erreicht. Im „policy mix“ sind nur Instrumente vertreten, die ohne großen Aufwand implementiert werden können, um internationale Akzeptanz zu erzielen. Damit bleiben zum Beispiel Emissionsrechte ausgeschlossen. Generell sorgt eine ökologische Steuerreform dafür, dass das Aufkommen von Umweltsteuern durch Senkung anderer Steuern kompensiert wird. In der Folge sind die Ressourcenpreise deutlich niedriger als im Business-as-Usual-Szenario, das gilt insbesondere für Nahrungsmittelpreise. Einkommen und Beschäftigung liegen global und in der EU höher als in der Referenz. Verlierer einer solchen Politik sind allerdings Exporteure von Ressourcen, zum Beispiel Russland und Brasilien.

Paul Ekins vom University College London (UCL) erläutert Szenario 1: Global Cooperation (Englisch):

Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse von Szenario 2 (EU Goes Ahead)?

Die EU übernimmt die Führung und erreicht die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele vor allem durch ökonomische Instrumente. Sie werden allerdings so gewählt, dass keine Wettbewerbsverzerrungen gegenüber den Nicht-EU-Ländern entstehen. Auch hier werden Umweltsteuern durch geringere Steuern an anderer Stelle kompensiert. Die Nicht-EU-Länder verfolgen keine Ressourcen-, sondern ausschließlich Klimapolitik, allerdings mit geringem Engagement. Im Ergebnis wird die Erdatmosphäre um 4 Grad wärmer. Das reale Bruttoinlandsprodukt in der EU liegt um 12% höher als im Business-as-Usual-Szenario, außerdem entstehen 3,4 Millionen mehr Jobs. Für Europa ergeben sich dadurch erhebliche wirtschaftliche Vorteile (first mover advantage). Exporte nehmen zu, Importe eher ab. Die Ressourcenpreise bleiben allerdings hoch, auch für Nahrungsmittel. Grund: Die neue EU-Politik hat nur geringe Auswirkungen auf die globale Nachfrage.

Raimund Bleischwitz vom University College London (UCL) erläutert Szenario 2: EU Goes Ahead (Englisch):

Wie lauten die wichtigsten Ergebnisse von Szenario 3 (Civil Society Leads)?

Auch dieses Szenario beschreibt einen weitgehenden Alleingang der EU. In der Klimapolitik kommen ebenfalls eine CO2-Steuer, eine Quote für erneuerbare Energien in der Stromerzeugung und eine Förderung der Elektromobilität zum Einsatz. Aus eigenem Entschluss verzichten die Europäer immer mehr auf das eigene Auto. Trotz aller Anstrengungen steigt die globale Durchschnittstemperatur um 4 Grad – Europa ist einfach zu klein, um den globalen Ausstoß von Klimagasen maßgeblich beeinflussen zu können. In Europa allerdings werden in Civil Society Leads EU-weit fast alle Nachhaltigkeitsziele erreicht. Allerdings nimmt der Materialverbrauch weniger stark ab als in EU Goes Ahead. Die Menschen arbeiten weniger, gleichzeitig engagieren sie sich mehr ehrenamtlich, auch Eigenarbeit nimmt zu. Diese Umverteilung der Arbeit bringt der EU zusätzlich 17 Millionen Beschäftige – die höchste Steigerung von allen Szenarien. Der private Konsum fällt, das Bruttoinlandsprodukt stagniert. Im Jahr 2050 liegt es etwa 20% unter dem Niveau des Referenzszenarios.

Jill Jäger erläutert Szenario 3: Civil Society Leads (Englisch):

Wie sind die Szenarien entstanden?

Die Grundidee des Projekts wird im Namen bereits deutlich. POLFREE steht für Policy Options for a Resource-Efficient Economy. Das Ziel ist eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise mit Fokus auf Energie und natürliche Ressourcen. POLFREE hat also einen normativen Ansatz. Weil es sich um eine komplexe und langfristige Aufgabe handelt, wurde der Zeithorizont mit 2050 ausreichend weit gewählt. Und um die Zielvorstellung handhabbar zu machen, wurden mit TeilnehmerInnen aus ganz Europa qualitative Visionen erarbeitet und die Zielvorstellungen auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Zahlen hinterlegt (sogenannte „headline targets“, siehe oben). In einem weiteren Schritt wurden nun Wege (Szenarien) entwickelt, wie die vorgegebenen Ziele erreicht werden können. Sei es auf globaler oder europäischer Ebene, mit eher konventionellen politischen Strategien oder neuen Formen (governance). So entstanden die drei lösungsorientierten Szenarien, plus Business-as-Usual- oderReferenzszenario. Das Computermodell GINFORS schließlich war das Werkzeug der Wahl, um die sozio-ökonomischen Instrumente (policy mixes) auszuwählen und zu justieren – und schließlich zu überprüfen, ob die veranschlagten Wege tatsächlich die geforderten Ergebnisse bringen.

Die Ergebnisse des POLFREE-Projekts werden auch bei der Konferenz Wachstum im Wandel 2016 diskutiert werden. Mehr zur Session „Scenarios for Europe Using Much Less Resources“ finden sie hier.

Mehr unter polfree.seri.at und www.polfree.eu

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