1. Dezember 2015  /// Bewegung Gesellschaft Lesenswert Politik

Naomi Klein: „Die Entscheidung“  oder „This Changes Everything“

„In ihrem im September 2014 veröffentlichten Buch This Changes Everything: Capitalism vs. The Climate befasst sich Klein mit dem Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Klimawandel. Notwendige Klimaschutzmaßnahmen seien bislang nicht umgesetzt worden, da sie in fundamentalem Konflikt mit dem Ideal freier, nicht-regulierter Marktwirtschaft stünden und die elitäre Minderheit bedrohen würden, die eine Vormachtstellung in Wirtschaft, Politik und Medien haben. Unter anderem zählt sie verschiedene Beispiele von Greenwashing auf.“ Soweit zu den Inhalten von „Die Entscheidung“, wie man sie auf Wikipedia nachlesen kann.

Naomi Klein im Interview

In einem Interview mit dem taz-Magazin zeozwei (http://www.taz.de/!160791/) zeigt sich Naomi Klein selbst nicht glücklich mit dem Titel der deutschsprachigen Ausgabe. Der globale Klimawandel würde einfach das kapitalistische System stärker in Frage stellen als alles zuvor. Um das herauszustreichen, habe sie den ursprünglichen Titel gewählt. Es wäre daher gut gewesen, das auch im Deutschen beizubehalten. Immerhin macht inzwischen ein Dokumentarfilm ihres Mannes Avi Lewis mit dem Titel „This Changes Everything“ auch im deutschsprachigen Raum die Runde. Vorgestellt wird er u.a. am 27. November 2015 im Berliner Haus der Heinrich-Böll-Stiftung.

Klimakrise und Kapitalismus

Die kanadische Autorin und Globalisierungskritikerin sagt zu der oft geäußerten Meinung zu ihrem Buch, es ginge ihr mehr um Kritik am Neoliberalismus bzw. Marktkapitalismus als um den Klimawandel: „Das ist zynisch, als würde ich die Sorge um die Menschheit simulieren. Wer meine Argumentation diskreditiert, nur weil ich schon mal den Kapitalismus kritisiert habe, kritisiert im Grunde meine intellektuelle Konsistenz. (…) Die Frage, warum wir es nicht schaffen, auf diese Klimakrise zu reagieren, läuft nun einmal auf einen Konflikt mit dem Neoliberalismus hinaus.“

Sie wehrt sich gegen den meistens in Nordamerika, aber auch in der deutschen ZEIT geäußerten Vorwurf, sie sei eine „Sozialistin“ mit dem Gegenargument, ihre Gegner würden es sich zu einfach machen: „Die Bewältigung des Klimawandels fordert alle heraus, die den Menschen über die Natur stellen und Natur als grenzenlos verstehen. Es fordert die Rechte mehr heraus als die Linke, aber die Linke ist auch herausgefordert. Und das ist der Grund, warum die nötigen Koalitionen bisher nicht zustande kommen.“

Keine Hierarchie von Problemen, sondern Zusammenhang

Naomi Klein fordert eine vernetzte Sicht und ein verstärktes Zusammenarbeiten von AktivistInnen: „Die Hierarchie von Problemen mit dem Klimawandel als Nummer eins gibt es nicht. Es ist eine schlechte Angewohnheit der Klimabewegung, so rüberzukommen, als würde jeder seine Zeit vergeuden, der sich nicht der Erderwärmung widmet. Das ist arrogant. So als würde man sagen: Was bedeutet schon Armut, wenn sowieso jeder stirbt?“ (…) Manche Umweltschützer übertreiben es mit der Verteidigung der eigenen Domäne und die sagen jetzt: Ach, die Klein hat den Klimawandel doch erst letzte Woche entdeckt. Es war aber nicht so, dass ich das (= den Klimawandel) nicht gesehen hätte oder es mir egal gewesen wäre. Nur: Ich identifiziere mich zu allererst mit der Bewegung für ökonomische Gerechtigkeit und nicht mit der Umweltbewegung. (…)Der Klimadiskurs hatte bisher etwas extrem Fachspezifisches, sodass der Eindruck entstand, das sei nichts für die anderen oder die anderen seien nicht dafür qualifiziert. Dabei braucht es politische Wissenschaftler, Soziologen, Feministinnen und im Grunde jeden. Unsere Bewegungen müssen zusammengehen.“

Postwachstum

Klein spricht sich in ihrem Buch scharf gegen herrschende Wirtschaftswachstumszwänge aus. Der Klimawandel sei mit anhaltendem Wirtschaftswachstum, auch „grüner“ Wirtschaft mit weniger Wachstum, einfach nicht in den Griff zu bekommen. Sie schließt sich namhaften Stimmen wie etwa dem Wirtschaftswissenschaftler Niko Peach an, die schon lange eine Postwachstumsökonomie mit anderen Indikatoren als dem BIP für gesellschaftliches Wohlergehen fordern.

Das ist nun nicht neu, aber konsequent. Klein schärft den Blick dafür, wie das gehen könnte: „Manche Branchen werden schrumpfen, aber andere müssen wachsen. Das sind jene, die emissionsarm sind: der Energiesektor jenseits von fossilen Rohstoffen oder der öffentliche. Und wir werden die Städte umbauen müssen, damit wir unsere Abhängigkeit von Autos loswerden. Die Ironie ist: Wir werden erst einmal viel Kohlenstoff verbrennen, um vom Kohlenstoff wegzukommen. Das sagt auch der britische Klimaexperte Kevin Anderson. (…) Wir können eins mindern: den Konsum und damit den Energieverbrauch. (…) Wollen wir keine brutale Schrumpfung, die unsere Leben ärmlich macht, müssen wir die Berufe stärken, die nicht energieintensiv sind. Lehrer und Krankenschwestern sind Klimaarbeiter. Das übersehen wir allzu oft.“

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