Walter Mathes
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12. Juli 2015  /// Europa Griechenland Wirtschaft

Europa: Eine schrecklich/nette Familie?

Markus Will, Finanzexperte und Privatdozent in St.Gallen, verglich vor einigen Wochen in seinem Blog „Solange du deine griechischen Füsse unter meinen europäischen Tisch stellst …” Europas Lage mit einem Mutter-Sohn-Konflikt. Der ungezogene Sohn (Tsipras) vertraut darauf, dass „Mutti“ (Merkel) ihn schon nicht vor die Tür setzen werden.

Diese aber müsse hart bleiben, schon um die andere schlimmen Kinder (Portugal, Spainen, Italien und Frankreich) zu disziplinieren. Dass wie in einer echten Familie beide ihren Anteil an der Krise haben und an der Lösung mitwirken müssen, meinte Will, der sich schon vor 5 Jahren in seinem Finanzkrimi “Der Schwur von Piräus” mit dem internationalen Währungskrieg beschäftigt hat.

Christine Lagard vom IWF stellt er als Familientherapeutin dar. Sein Rat: „Alexis Tsipras sollte seine griechischen Füße unter dem europäischen Tisch belassen (können), Mutti und ihre Männer sollten ihm die Konsequenzen klar machen und ihre Konzessionen aufzeigen, und dann muss sich der junge Mann entscheiden, für oder gegen die Familie.” Und die Altlasten müssen abgeschrieben werden.

Auch an diesem Wochenende streiten sich die Eltern wieder einmal, wie das Kind am besten zu erziehen ist. Mit mehr Strenge, wie „Papa“ Schäuble und Merkel fordern, oder doch konziliant, wie eher mütterlich aus den sozialdemokratisch geführten Ländern zu hören ist.

Ein zeitweiser Ausstieg aus dem EURO und ein frei floatender „griechischer Euro“, der sich an der Leitwährung des Euro so lange gebunden bleibt, bis die griechischen Wirtschaft wieder stark genug ist, um wieder in den EURO zurückzukehren könnte, in Verbindung mit Investitionsprogrammen und anderen Hilfsprogramme klingt ein wenig nach Taschengeldentzug, um das gewünschte Verhalten doch noch herbei zu führen, während Grüne und Linke sich klar auf die Seite des aufbegehrenden Jünglings zu stellen scheinen.

THE „BIG FAT GREEK DIVORCE“

Auch der Economist bemühte in seiner Titelgeschichte, vor drei Wochen eine Familienmetapher: “The big fat Greek divorce”, und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: “Divorce would be a disaster – for everyone”. Griechenland könne seine Schulden in Höhe von fast seinem doppelten Jahreseinkommen (BIP) zwar loswerden, die Kosten für die Wirtschaft aber seien viel höher – bürgerkriegsartige Konflikte mit unabsehbaren Folgen könnten auf Europa zukommen.

Unter allen Umständen aber, müssten beide die Regeln ihrer Beziehung ändern und aufhören, die Lösung vom jeweils anderen zu erwarten. Noch mehr Druck auf Griechenland würde mehr schaden als nutzen. Die tiefgreifenden Reformen, die der Economist für notwendig erachtet, bräuchten nämlich Zeit.

WIR BEZAHLEN UNSEREN WOHLSTAND SELBST

Aber denken wir noch einen Schritt weiter – bzw. zurück. Warum hat sich Griechenland überhaupt verschuldet und bei wem? Die Verschuldung im Ausmaß von knapp dem 2-fachen der jährlichen Wirtschaftsleistung vor allem auf dem Import von Produkten und Dienstleistungen. Geliefert wurden diese von Ländern, die so wachsen konnten: Mit den wachsenden Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Produkte und Dienstleistungen wurden Einkommen erzielt und Steuern gezahlt. Zu den Gewinnern dieser Entwicklung gehörten vor allem der „Exportweltmeister“ Deutschland aber auch Österreich.

Wenn der „Junge“ jetzt aus dem Euroraum ausziehen würde (oder müsste), ohne seine Rechnungen zu begleichen, bezahlen wir also am Ende unsern eigenen Wohlstand selber.

Wenn jetzt davor gewarnt wird,  Griechenland würde von einer Rückkehr zur Drachme negativ betroffen sein, muss man genau hinschauen und fragen: Wer und wie?

Profitieren würden alle Produzenten, die von sinkenden (Export)-Preisen profitieren oder für Branchen arbeiten, die von einer billigen Drachme profitieren. Allen voran die Tourismusbranche: Der Urlaub in Griechenland würde für alle Ausländer sehr viel billiger. Der teure Euro wäre wie eine Art Schutzschirm für alle KMU, das Handwerk und Kleinproduzenten vor „Billigimporten“ aus dem Ausland.

Schwerer hätten es alle Branchen, auf dem Import von Gütern angewiesen sind. Sie müssten für die Vorleistungen, die sie aus dem Ausland beziehen sehr viel mehr für alles zahlen. Das gilt auch für Medikamente, Milch und fossile Energie, wie Kohle, Gas und Öl. Das wär dann vielleicht ein Anreiz für eine Energiewende auch in Griechenland. Was in Deutschland funktioniert, kann im sonnenreichen Süden nicht verkehrt sein.

In einem ausführlichen Artikel analysiert die Wirtschaftswoche die Sorgen und Überlebensstrategien der griechischen Industrie.

Vielleicht können wir ja schon sehr bald überprüfen, wie Recht oder Unrecht all diese Auguren hatten.

Links:

2 Antworten zu “Europa: Eine schrecklich/nette Familie?”

  1. Im Grunde muss man das „Familienbild“ noch etwas erweitern – die Eurozone ist eher ein „Familienclan“, in dem es jetzt Streit mit einer Familie gibt, weil die nächste Generation übernommen hat und die Regeln ändern will. Angela Merkel ist dann nicht nur „Mutti“, sondern im Prinzip die Chefin des wichtigsten Familienstammes, eben der Germanen. Und der macht sich unbeliebt, weil er am meisten Geld einbringt und deshalb auch auf die Budgets der anderen Stämme schaut, die alle von der grossen europäischen Familie leben wollen.

  2. Lieber Fritz, der Besitzer des griechischen Restaurants in unserer Stadt betätigte mir schon vor Jahren genau deine Analyse! Immer mehr Griechen fahren deutsche Autos (auf Pump) und Merkel freut sich über das deutsche Exportwunder! Bei Rüstungs (un)gütern ist die Lage natürlich nicht anders, auch wenn durch Autos zumindest in Europa derzeit bedeutend mehr Menschen ums Leben kommen als durch Waffen, so verschwendet das Geld hierfür ist!

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