8. Juni 2017  /// Bewegung Gesellschaft

Österreichisches Klimacamp geht in die zweite Runde

von Magdalena Vallazza

Einige gerade von Bord gestiegene Fluggäste und Ordnungshüter*Innen schauen etwas perplex aus der Wäsche, als sich auf einmal eine knallrote Linie quer durch die Ankunftshalle des Flughafen Schwechat zieht und die Fortbewegung der Menschenmassen etwas ins Stocken gerät. Die rote Linie besteht aus Aktivist*Innen, die rote Anzüge tragen und das Haltmachen vor roten Linien fordern. Rote Linien, die seit einiger Zeit überschritten werden, um Profite immer und immer wieder vor Umwelt- und Klimaschutz, und letztendlich das Gemeinwohl stellen.

Das zweite österreichische Klimacamp, das von der jungen Bewegung „System Change, not Climate Change“ organisiert wurde, ging am letzten Maiwochenende erfolgreich über die Bühne. Von Mittwoch, 24.5. bis Sonntag, 28. 5 fanden sich in der Nähe des Flughafens Wien Schwechat in etwa 240 Personen zusammen, um sich zu vernetzen, auszutauschen, zu bilden, Aktionen zu planen und ein Zeichen zu setzen. In guter Stimmung inspirieren sich gegenseitig Menschen, von denen jede*r einen eigenen Bezug und Zugang zum Thema mitbrachte: Es herrschte ein reger Austausch an Ideen und gegenseitiger Inspiration. Von jung bis alt war jede*r vertreten, einige reisten mit Kind und Kegel an. Im Fokus des Camps stand auch dieses Jahr wieder das Thema der nachhaltigen Mobilität und damit der Brennpunkt dritte Piste am Flughafen Wien. In spannenden Podiumsdiskussionen und Workshops wurde dies genauestens unter die Lupe genommen und vor allem alternative Lösungsansätze für Mobilitätsfragen diskutiert.

Was Komposttoiletten mit Selbstermächtigung zu tun haben

Klimacamps haben im deutschsprachigen Raum eine recht kurze Geschichte und entstanden in Deutschland ab 2006 hauptsächlich als Zusammenschluss gegen Konzerne der fossilen Energiegewinnung und Kernkraft. Heute werden diese immer beliebter und der Trend ist seit letztem Jahr nun auch nach Österreich übergeschwappt. Sie sind das Resultat von Wunsch und Bedarf nach direkter Aktion, erhöhtem politischen Druck  und ein Versuch, selbstorganisiert und gemeinschaftlich zusammenzuleben und sein Wissen zu ökologischen und sozialen Themen zu erweitern. Dabei soll  Umweltbewusstsein, Partizipation und Demokratie vorgelebt werden, Solidarität wurde großgeschrieben.

Foto: System Change, not Climate Change

Ein selbst gebautes Windrad und ein mobiles Solarpanel sorgten für Strom, die Küche produzierte mit ihrem Ofen Terra Preta und band somit 65 kg CO2 über die Dauer des Camps. Themenzelte, Küche und Komposttoiletten wurden mit viel Liebe gebaut und betrieben. „Freie Spende!“ für alle Workshops, die Organisation des Camps und das Essen des veganen Küchenkollektives. Grundsätzlich konnte jede*r Workshops anbieten, daraus ergab sich eine große Heterogenität bei deren Themen, wie etwa Demokratieformen, bedingungsloses Grundeinkommen, aktuelle Politikentwicklung und Marktbasierter Umwelt- und Klimaschutz. Darüber hinaus auch andere Workshops aus dem Bereich Skill-building oder Empowerment, wie etwa Naturkosmetik selbst herstellen, Guerilla Gardening, Gewaltfreie Kommunikation und Aktionsplanung und -umsetzung im Hinblick auf die Kundgebung direkt am Flughafen.

Nach den ereignisreichen Tagen galt jeden Abend: Bühne frei für Aktionstheater, aktivistische Bands, Beatboxing und andere Künstler, die gesellschaftsrelevante Themen aufgreifen. Es gab also eine Bandbreite an Weiterbildungsmöglichkeiten und auch viele Themen abseits der dritten Piste. Trotzdem bildete diese den O-Ton des Camps, nicht zuletzt, weil der ständige Fluglärm andauernd präsent war und einem direkt vor Augen führte, wie viele und in welcher, bisher von vielen unterschätzten Lautstärke die Flieger abheben.

Warum ist die dritte Piste ein Problem?

Die Diskussion um den Bau einer dritten Piste schlug nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das gegen den Bau entschied, hohe Wellen in Politik und Medien. Der Flughafen selbst und die betroffenen Länder Niederösterreich und Wien wollen gegen das Urteil vorgehen und Wettbewerbsfähigkeit eines Wirtschaftsstandortes, so wurde von der ÖAAB vorgeschlagen, soll in der Verfassung verankert werden. Der Flughafen macht derweilen lautstark Stimmung für eine dritte Piste, wobei das Todschlagargument die vermeintlichen Arbeitsplätze und die Abwanderung nach Bratislava  sind. Auch Unwahrheiten wie zum Beispiel ein Stau am Himmel kursieren, derweilen gehen die Flugbewegungen in Schwechat zurück. Das Urteil scheint also noch nicht besiegelt zu sein.  Dagegen stehen Klimaschützer*Innen aus jungen Bewegungen wie System Chance not Climate Change (SCNCC) und fluglärmbelästigte Bürger, die diese Argumente entkräften und Aufklärungsarbeit leisten.

Die dritte Piste ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs, das Problem ist grundsätzlich. Der weitere Ausbau von emissionsintensiven Sektoren wie dem Flugverkehr wirkt entgegen einer Entwicklung zum Erreichen der Klimaschutzziele, jedoch stellt ebensolcher auch Infrastrukturausbau dar, der als wichtig für Wirtschaftswachstum und Wettbewerbsfähigkeit angesehen wird.

Es geht also um die Frage, ob grünes Wirtschaftswachstum möglich ist. Dieser Gedanke des CO2-neutralen Wachstums basiert darauf, dass das emittierte C02 kompensiert wird, das heißt an einer anderen Stelle eingespart oder sequestriert wird. Viele Kompensationsprojekte stehen aber in der Kritik, ohnehin durchgeführt zu werden und somit den Sinn der „low hanging fruits“ nicht gerecht zu werden. Zusätzlich geht der Gedanke des  „green growth“ vor allem im Flugsektor davon aus, dass gänzlich neue Technologien die Emissionen stark eingrenzen. Forschung für neue Technologien soll unbedingt sein, jedoch sollte nicht auf die damit verbundenen Zeithorizonte vergessen werden, zusätzlich zu der Unsicherheit, ob man überhaupt jene Technologien entwickelt, von denen heute ausgegangen wird. Bis dahin bleibt der Flugverkehr einer der schmutzigsten Sektoren. Ob wir all unser schmutziges Wachstum kompensieren können? Nein, wir haben schlicht nicht die Welt dazu. Selbst wenn, bleibt zu bezweifeln, dass ein Freikaufen von Umweltsünden auf Dauer die richtige Lösung ist.

Doch seit wann ist Wohlstand wieder durch Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum definiert? Wer dachte, die Wachstumsdebatte ist ein altes Eisen und Wachstumskritiker haben durch Rohstoffknappheit und Spekulationsblasen Oberwasser, den trifft die Reaktion auf das Urteil um Flughafen und Co wie ein Hammerschlag. Leise hat sich der Wachstumsglaube zurückgeschlichen und ist unrüttelbar, verankerter denn je. Das Urteil stellt jedoch Klimaschutz, ein Ziel, das für wahrhaftigen Wohlstand und Glück sorgt, darüber und piekt die Blase des Wachstumswahns leicht an. Deshalb schäumen die Bewohner der Blase und tun alles um, um das klitzekleine Loch für immer zu verschließen. Wir sollten alles tun, um das Loch aufzureißen. Lasst uns Klimacamps feiern und weiter auf die Barrikaden  steigen.

Foto: Protestaktion
Foto: System Change, not Climate Change

Deshalb geht es am Samstag für die Aktivist*Innen zur Kundgebung gegen die dritte Piste mit einer Raddemonstration direkt zum Flughafen. Die meisten tragen dabei rote Anzüge und verkörpern die rote Linie, an der Schluss ist. „Kein weiter wie bisher, Don’t cross the red line!“ heißt es schon wie einige Wochen zuvor am Climate March Vienna. Mit Musik, leckerem Essen und kraftvollen Reden  und vor allem bei einem Flashmob in der Ankunftshalle wird hier gegen das Übertreten von einigen roten Linien, wie etwa Verfassungsänderungen, die Wirtschaftsinteressen über das Gemeinwohl stellen, den ganzen Nachmittag Stimmung gemacht. Von innen wirkt die Veranstaltung stark, überzeugend. Von außen bleibt sie ein kleiner, bunter Fleck im Grau des Flughafens. Allerdings, ein lauter. Es bleibt also, noch lauter zu werden, Überzeugungsarbeit und Aufklärung zu leisten und zu zeigen: die Zivilgesellschaft schläft nicht.

Links:

Neugierig geworden? Alle Klimacamps im deutschsprachigen Raum im Überblick

Mehr über die Klimabewegungen und verschiedene Lösungsansätze (BUCH): Climate Justice vs. Klimaneoliberalismus?: Klimadiskurse im Spannungsfeld von Hegemonie und Gegen-Hegemonie (Sozialtheorie) von Philip Bedall(ISBN-13: 978-3837628067), Transcript Verlag

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