Angelika Wohowski
Bild: Angelika Wohowski
13. Juli 2015  /// Gesellschaft

PENSIONOPOLIS – Paradies der Zwangsarbeit oder Stichtag ins Altenteil?

Ich eile vormittags ins Café Eiles, treffe an einem Tisch Dr. in Irmtraud Voglmayr, Sozialwissenschafterin, Lektorin an den Universitäten Wien, Salzburg, Klagenfurt und Linz und der Universität für Bodenkultur Wien. Irmtraud hat aufgrund ihrer langjährigen wissenschaftlichen Arbeiten äußerst Spannendes zu erzählen. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Altersdiskurse in den Medien, Schwerpunkt Frauen. Ich unterhalte mich sehr gerne mit ihr, sie war ja die Erstbegutachterin meiner Diplomarbeit und sie ist auf so angenehme Weise distanziert, klar im Ausdruck, gibt Raum und beharrt nicht auf Standpunkten, stellt sich nicht über mich, bleibt neugierig und besteht nicht auf allzu wissenschaftlichen Jargon, der doch auch dazu dient sich abzugrenzen, zu klassifizieren, zu kategorisieren. Sprache kann ja so viel!

Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns, Irmtraud geht, aber ich bleibe sitzen und bilde mir schreibend meine eigene Meinung zum Thema: Wie will ich alt werden und wieweit beengen mich strukturelle Zwänge? Wie befreien? Darüber spricht man/frau ungern, es ist ein zu aufwühlendes Thema, das wir lieber verdrängen wollen, solange bis es vor der Türe steht: unser eigenes Alter oder der Tod unserer Angehörigen – da beginnt ein Aufwachen, Erkennen, meistens. Das Alter, das Zusammentreffen von Zeit und Biologie, von Freiheit und Zwang. „Metropolis“ – warum wohl denke ich gerade jetzt an „Metropolis“, den Stummfilm von Fritz Lang, ein beeindruckendes Leinwandepos über Gesellschaftsordnungen, Ausbeutungen und den entmenschlichten Menschen.

Arbeitszwang und Zwangsarbeit

Das inspirierte mich auch zum heutigen Titel dieser Kolumne. Die Instrumentalisierung alternder Menschen (und das betrifft jeden, denn alle altern) beginnt mit dem Bild der erfolgreichen Inhaberin und Zurschaustellung von Sexyness ab Mitte Fünfzig, mit dem jungen Liebhaber flockig an der Seite, bis hin zur Realität der immer größer werdenden Altersarmut. Die Umdeutung alter Begriffe – z.B. Arbeitstrainings – damit Zwänge im Schafspelz daherkommen, hat die Bürokratie schnell im Griff. Die Frage ist die der Freiwilligkeit, ob wir länger arbeiten wollen und können oder ob wir gar nicht mehr können aus physiologischen Gründen wie Krankheit, Abnützung und ganz simpler Erschöpfung. Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt bleibt öffentlich viel zu selten unwiderrufen ein altes Zwangs-Leistungs-Paradigma. Irmtraud sprach es aus. „Wer möchte denn nach 40 Jahren schwerster Hackelei in einem Elendsjob noch weiterarbeiten müssen!“ Wo höre ich jemals die Diktion SKLAVEN? Ich höre sie nicht. Der Schauspieler jüdischer Herkunft, Otto Tausig, sprach in seinem letzten Interview von neuen KZ´ s, wo Menschen unter unmenschlichen Bedingungen für einen Sklavenlohn arbeiten. Mir fallen daraufhin amerikanische Gefängnisse ein, die mit Konzernen kooperieren, um auch das in Haft sitzende Humankapital auszubeuten. Da sind dann Menschen wirklich nur mehr Nummern. Da! Jetzt habe ich ihn wieder, diesen Satz aus Metropolis: „[…] dass die in der Tiefe sich durch Gewalttat ins Unrecht setzen, damit er das Recht zur Gewalt gegen sie bekommt.“

Alles muss auf den Markt, alles muss verwertbar gemacht werden. Unsere Gesellschaft erhebt das Kapital, die Vermarktung aller ihrer Bestandteile bis hin zu „Arsch und Titten“, zu „Sluts and Asses“, zu „Schlitzen und Löchern“, zum Zwang, wobei pornografische und sexistische Zuschreibungen weiblicher und/oder männlicher Körperteile mich maßlos aufregen. Darin zeigt sich tiefenpsychologisch  Selbstverleugnung und Disrespekt gegenüber dem eigenen weiblichen und/oder männlichen Körper. Wie lautete der Mythos der 70er Jahre: Sei ganz du selbst! Irmtraud sprach natürlich über Simone de Beauvoir und Betty Friedan, Ikonen des Feminismus und von zwei zentralen Alterskonstruktionen, der positiven Alterstradition und der negativistischen Sicht, die beide zurückzuführen sind bis in die Antike.

großmütterrevolution

Es lebe die Großmütterrevolution in Deutschland und der Schweiz. Sie wehrt sich gegen alle Klischees .. auch die des Altern

Betty Friedan schuf positive gerontologische Befunde einer Machbarkeit, einer Selbstverwirklichung, „Wahn der 80er Jahre“ meint Irmtraud, der uns jetzt allen auf den Kopf fällt. „Neoliberalistische Ideen bedienen sich im Überfluss der Ware Mensch, die sich bereitwillig für Anerkennung, Erfolg, Schönheitsideal und Konsum zerfleischt. Unsere Kraft ist zwar begrenzt, aber sehr wohl abhängig von der Art der Lebensphase. Alter ist individuell erfahrbar und sehr wohl an gesellschaftliche Konstruktionen gebunden.“ Vor 30 Jahren schufen die Medien, Deus ex Machina, die „Neuen Alten“, heute sind es die „Jungen Alten“. Mit 50+ wird man/frau heute dennoch ganz real als Seniorin angesprochen. Ob wir wohl draufkommen, um welche unsozialen,  gesellschaftszersetzenden und marktkonformen Machtspiele es sich handelt?

Länger arbeiten müssen, heißt jetzt im Neusprech-Jargon „Mitverantwortung an der Gesellschaft“ tragen, das klingt weniger zwanghaft als Zwangsarbeit. Politik weiß ja um die Bedeutung von Sprache. Wer nun aber, fragen Irmtraud und ich, überprüft Arbeitsfähigkeit, und vor allem mit welchen Mitteln? Wir stehen vor einer rigiden Disziplinierung in Richtung Erwerbsgesellschaft, obwohl nur dürftige reale Arbeitsmöglichkeiten für Ältere bestehen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Bumerangeffekt! Irmtraud erzählt mir lachend von den Asphalt-Piraten, Leute, die ihre Möbel einfach auf die Straße stellen, um dort zu liegen, sitzen, plaudern. Das nenne ich Lebensqualität. Be wild! Wir beide können uns auch sehr gut eine autofreie Stadt vorstellen. Das dies zu eindeutig mehr Kommunikation führen würde, liegt auf der Hand. Es gibt großartige soziokratische Gemeinwohlprojekte, in denen es um Teilhabe, Miteinander und um Sharing-Community geht. Das sind die neuen Parteien! Die derzeitigen Konzepte von Politik werden sich in dieser Form möglicherweise nicht mehr halten können. PolitikerInnen spielen dann nur mehr Marionettentheater oder den dritten Zwerg von Links.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass alte Strukturen zerschlagen werden müssen …

Wir freuen uns über Ihren Kommentar

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.