13. Juli 2015  /// Gesellschaft Politik

Rahmah und die Diktatur

Verabschiedet hatten wir uns nicht bewusst, wir waren mit einem wichtigen Übergang in unserem Leben konfrontiert und der Frage wie es weitergeht. So endete die Schule mit der Matura oder dem wesentlich anspruchsvollerem International Baccalaureate, wir hielten strahlend unser Abschlussdiplom in den Händen und flogen in die Welt hinaus. Manche aufs College in die USA, manche zurück mit ihrer Familie in die Heimatländer in Afrika, Asien, Iran, Irak, Israel. Es war eine internationale Schule. Irgendwie hatten Rahmah und ich uns aber aus den Augen verloren und ich bereue es heute, weil ich mich an diesen wichtigen Moment nicht mehr erinnere. Rahmah und ich, wir mochten uns, unsere Herzen haben für einander gepocht, wir saßen so oft in meinem Zuhause, in meinem Jugendzimmer, hörten Musik aus orangefarbenen Kassettenrekordern, Bowie und Stones, und sprachen über die Schule, die Jungs und über die Politik, vor allem die Politik in dem Land aus dem Rahmah kommt, ein Land weit weg und heiß, sehr heiß. Rahmah bedeutet Gnade. Ich wIll jetzt meiner Freundin diesen wunderschönen Namen geben, damit sie ihre Identität friedlich bewahren kann, als auch die ihrer Familie. Nach 35 Jahren skypten wir via PCs und sprachen uns das erste mal wieder. Sie verschwieg mir ihren Aufenthaltsort, aber ich freute mich so, ihre vertraute raue und sanfte Stimme zu hören, mit dem von mir geliebtem arabischen Idiom. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, die Kamera war ausgeschaltet, ich nehme an aus Sicherheitsgründen, wir sprachen es nicht offen aus. Eineinhalb Stunden lang erzählte sie mir die letzten zehn Jahre. Ich war dermaßen betroffen und schockiert. Ich hielt mich für politisch aufgeklärt, zumindest informiert, aber das meiste das ich zu hören bekam wusste ich nicht, nicht in dieser Dramatik, nicht in dieser Grausamkeit, nicht in dieser Barbarei, nicht in dieser fanatisch letzten Konsequenz: die totale Auslöschung der Menschenrechte.

JE SUIS RAMAH

Eines Nachts drangen mehrere Männer in das Haus ein und ermordeten ein Familienmitglied, das sich als politische Aktivistin engagiert hatte. Kurz und bündig erzählt Rahmah: Sie kamen rein und erschossen sie! Es war ein Blutbad. Alle großen internationalen Zeitungen berichteten darüber. Mittlerweile ist auch der einzige Zeuge tot entnehme ich später aus der Presse. Organisiert sich so ein Teil der religiös – fundamentalistischen Gesellschaft, die andere Meinungen nicht zu reflektieren gelernt hat, die kein Bewusstsein dafür hat, dass andere Meinungen ein lebenswichtiger Grundpfeiler für sie selber sein könnte, für eine gerechte Gesellschaft, für eine gleichwertige Gesellschaft, vor allem zwischen Männer und Frauen, für Frieden? Es ist Revolution, Krieg, lacht Rahmah laut auf aber ich kann nicht erkennen ob es nicht doch ein Weinen ist. Ich bin in der Nacht geflohen, my dear, erzählt Rahmah in schnellem Englisch, ein paar Leute kamen zu uns, um uns zu warnen, ich hatte keine Zeit mehr irgendetwas mitzunehmen. Ich lebe jetzt weit weg. Ich habe alles verloren. Ich hatte eine hohen Posten, aber ich ließ von heute auf morgen alles hinter mir, alles, ich habe nichts mehr, meine Familie floh auch aus dem Land das wir lieben, das unsere Heimat ist. Darum wollten wir für Freiheit und Gleichberechtigung kämpfen. Sie wollten mir ein Kopftuch in der Arbeit vorschreiben. Natürlich habe ich es nicht getragen. Da habe ich allerdings mein Leben riskiert und die Konsequenz war, dass ich fliehen musste um zu überleben. Sie wollen keine Frauen die stark sind und sich politisch engagieren – Die Skype-Verbindung wird kurz unterbrochen –

In ihren Augen ist eine Frau weniger wert als ein Tier und sie wird so behandelt, Frauen sind in vielen arabischen Gesellschaften bis heute entrechtete Personen, kaum mehr Wert als Gebrauchsgegenstände, denke ich still weiter, der Arabische Frühling schien ein Aufbruch in die Moderne, Hoffnung auf Demokratie und ein hoher Idealismus lag in der Luft. Rahmah spricht endlich weiter und schildert mir Details, dass viele AktivistInnen und andere Intellektuelle hinter der politischen Wende standen. Alle sprachen vom Aufbau eines neuen Staates mit Menschenrechten für alle und von der Etablierung eines freien Staates, eines Staates, der seine Ressourcen an Öl und Gas zur Entwicklung und zum Wohl der Bevölkerung einsetzt. Wir Frauenrechtskämpferinnen, lacht Rahmah immer noch, sahen uns jedoch plötzlich mitten in einer Gesellschaft, in der Maschinengewehre und Waffen mehr galten als Frauen und Frieden, wir sprachen öffentlich weiterhin über unangenehme Wahrheiten, obwohl sich die Dinge wieder rückwärts und weitaus gewalttätiger entwickelten, wir hielten an dem Ideal fest eine bessere, offenere, die Menschenrechte anerkennende Zukunft für alle zu erkämpfen und dass es ein Verrat an allen gebrachten Opfern wäre, an diesem Traum nicht festzuhalten.

JE SUIS RAMAH

Ich erzähle diese schmerzlich politische Geschichte über meine liebste Freundin Rahmah und mir kommen die Tränen. Rahmah, frage ich sie, brauchst du Geld, nein, sagt sie und ich höre sie lächeln,  ich habe mein Geld auf ausländische Konten gelegt, so naiv war ich nicht, erzählt Rahmah guter Laune, trotz allem. Rahmah, einst meine Königin in der Schule, meine teuerste beste arabische Freundin, أنا أحبك, sie haben euch alles genommen, sogar das Leben. Ja antwortet Rahmah, sie haben mir alles genommen, aber ich fange hier wieder von vorne an, ich habe Kontakte zu Frauenrechtsbewegungen, es wird weitergehen, ich operiere von hier aus. In Rahmahs Stimme schwingt etwas Aufgeregtheit. Was für eine Frau, denke ich, was für eine starke Persönlichkeit, in welcher Gefahr steckt sie, die für Gerechtigkeit und Demokratie ihr Leben einsetzt. Politisch denken und handeln waren innerhalb ihrer Familie selbstverständliche Paradigmen. Meinen tiefsten Respekt für alle, die für Frauenrechte in diesen Gesellschaften kämpfen, sie bezahlen allzu oft mit ihrem Leben, damit ihre Gesellschaften endlich in der Moderne ankommen. Das ist das archaische patriarchale Prinzip: islamistische Extremisten und Muslimbrüder haben das Sagen, sie sind gewalttätig, bereit für jede Art von Grauen, Unterdrückung, Folter und Exekutionen Gefangengenommener.

JE SUIS RAHMAH

Rahmah, sage ich, was hast du durchgemacht, wir besuchten in den 70er Jahren weltoffene internationale Schulen, haben mit sechzehn noch an emanzipatorische Freiheit und Selbstermächtigung geglaubt und sind – jede auf ihre Weise und in ihren politischen Strukturen – eines Anderen belehrt worden. Ich allerdings bin dankbar hier in Österreich leben zu können, auch wenn hier fundamentalistische Strömungen aller Art wieder spürbar werden, ich bin dankbar nie mit dem Tod bedroht worden zu sein und hoffe auch dass dem so bleibt. Wir sind die Kinder der Babyboomer, wir haben die fetten Jahre kennengelernt Rahmah, nicht wahr und jetzt kommen wir in die Jahre und müssen zusehen wie unsere freigekämpften Inseln möglicherweise untergehen und wie mit Blut erkämpfte Rechte wieder ausgehöhlt werden. Du kämpfst mit deinem Leben für dialogische und demokratische Prozesse, die uns aus dem Morast führen und dafür dass arabische und europäische Interessen nicht nur von Profitdenken im Sinne von Plünderung der Bodenschätze und Aufrüstung gestärkt werden sondern vorrangig durch neue Prinzipien die schon vor tausenden von Jahren da waren und zum Teil in Matriarchaten schon gelebt wurden: Egalitäre und herrschaftsfreie Gesellschaften. Konsensdemokratie auf verschiedenen Ebenen. Ich persönlich will weder Patriarchat noch Matriarchat, Menschen sollen als Menschen wahrgenommen werden und nicht als Geschlecht. Und letztendlich: Gemeinsames Wohl aller auf partizipatorischen Grundsätzen innerhalb einer gut aufgestellten und stabilen Demokratie. Die Etablierung einer laizistischen Kultur könnte wohl die wichtigste Rolle sein, auch zu einem guten Stück der Kolonialismus und der Waffenhandel. Hätten die europäischen Besatzer damals in diesen Ländern auf Bildung, Ausbau von Schulen für alle, auf Reformen an der Basis gesetzt und nicht auf Ausbeutung von Menschen und Bodenschätzen und anderer Schätze, die bei uns in den Museen stehen, wäre die arabische Welt vielleicht in der Lage ihre diametral entgegengesetzten Kräfte zu nützen und in Schach zu halten. Wer weiß. Auch in Österreich lebte die Barbarei aus Überzeugung. Aber demokratische Kräfte haben uns wieder in die Mitte gerückt, vom politisch-grausamen Abseits wieder zum Miteinander hin zur Demokratie. Und wir alle hoffen dass es so bleibt. In der arabischen Welt aber sind blutige Volksaufstände und eine Spaltung der Gesellschaft an der Tagesordnung. Rahmah ich hoffe wir sehen uns wieder.

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