Das Leben ist keine Generalprobe (Film)
Bild: Das Leben ist keine Generalprobe (Film)
26. Mai 2017  /// Bewegung Wirtschaft

Rückenwind für die Genossenschaftsbewegung

(cooppa. Schrems im Mai 2017)

Vor genau 2 Jahren, im Mai 2015 wurde beim „Pfingstsymposium“ der GEA/Waldviertler Schuhwerkstatt in Schrems von über 200 Menschen beschlossen, eine neue Genossenschaftsbewegung ins Leben zu rufen. Das dort beschlossene »Maimanifest für eine neue Genossenschaftsbewegung« gibt die inhaltliche Orientierung des Verbandes wieder.

Einige haben schon gar nicht mehr daran geglaubt. Ende 2016 kam aber der Bescheid aus dem Wirtschaftsministerium: der Förderungs- und Prüfungsverein gemeinwohlorientierter Genossenschaften, ist offiziell anerkannt.

Viele Menschen wollen Wirtschaft unter dem Blickwinkel der Kooperation neu denken und leben. Die Verbandsgründung ist eine Reaktion auf diese starke Sehnsucht nach gemeinsinnigem Wirtschaften und nach einer Stärkung des Grundwertes der Kooperation in unserer Wirtschaft. Der Verband will diesen Menschen einen verlässlichen Rahmen für genossenschaftliche Projekte anbieten und dem vorherrschenden Prinzip des Shareholder-Values den Member-Value entgegensetzen – nicht allein denen zu dienen, die das Geld geben, sondern den Mitgliedern und dem Gemeinwohl.

In einer Woche, zu Pfingsten 2017, findet in Schrems die Nachfolgekonferenz statt. Jetzt geht es an die Umsetzung! Wie geht Gemeinwohl-orientiertes, gemeinsinniges  und gemeinsames Wirtschaften. An die 20 ImpulsgeberInnen werden im Open Space das Thema mit über 100 Teilnehmerinnen behandeln.

Frithjof Bergmann, Pionier der „Neuen Arbeit“ kommt auf seiner vermutlich letzten Europareise zum Pfingstsymposium nach Schrems. Sein Thema: Eine Gesellschaft ist möglich, die aufhört, den Götzen „Beschäftigung“ anzubeten und stattdessen erkennt, dass das Gegenteil von Lohnarbeit nicht Faulheit ist, sondern vielmehr das Zurückfinden in die eigene Kraft, die uns durch 300 Jahre Kapitalismus weitgehend ausgetrieben wurde.

Aber es geht auch ums mögliche Scheitern: Klaus Werner-Lobo liest aus „Frei und gefährlich – Die Macht der Narren“ und lässt den Clown raus: Clowns und Narren fallen, scheitern, verlieren … und stehen immer wieder auf. Sie akzeptieren, dass sie verletzlich sind und befreien sich damit von inneren und äußeren Zwängen. Wir lieben Clowns wie Charlie Chaplin – weil sie etwas zeigen, was wir selbst verstecken: Dass wir, jeder und jede von uns, immer wieder fallen, scheitern, verlieren, ein Leben lang.

Und zum Abschluss wird Heini Staudinger, Ruch- und Finanzrebell, Prinzipal und Spiritus Rector der ganzen Veranstaltung mit allen zum legendären Bill-Gates-Pool (bekannt aus Film und Fernsehen) wandern und will damit den Abschluss des Symposiums zum Beginn einer neuen Ära machen.

Noch sind Plätze frei! „Wir wollen miteinander füreinander Rückenwind sein und werden.
Wir wollen eine lebensbejahende und keine zerstörerische Wirtschaft. Spürt ihr schon den Wind …!“ so Staudinger. Details, Programm, Anmeldung: symposium.rueckenwind.coop

Warum überhaupt Genossenschaften?

Genossenschaften sind Kapitalgesellschaften ähnlich wie Gesellschaften mit beschränkter Haftung oder Aktiengesellschaften, bei denen die Unternehmer nicht mit ihrem gesamten Vermögen, sondern mit ihrer Einlage, seien es 50 oder 50.000 € – und einer Haftung die das Einfache oder mehrfache eines Geschäftsanteils ausmachen kann. Das regeln die Mitglieder in eigener Verantwortung in der Satzung ihrer Genossenschaft.. Die Genossenschaft verkörpert mit ihren Grundprinzipien von Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstgestaltung aber wie keine andere Rechtsform den Gedanken der Zusammenarbeit als Grundlage für das wirtschaftliche Überleben des Einzelnen.

Menschen und Organisationen, die an einem bestimmten Unternehmen Interesse haben, etwa der Vermarktung von Bio-Lebensmitteln oder der Erzeugung eigener Energie, Architekturbüros, Ärzte, Künstler, Energieversorgungsunternehmen, Bauprojekte u.v.a. können als Genossenschafts-Mitglieder unmittelbar zusammen wirken, Ressourcen bündeln und einander durch Arbeit, Know how  und/oder Kapital unterstützen. Mitglieder einer Genossenschaft können neben Unternehmern oder Kapitalgebern auch Kunden oder Lieferanten sein,  denen eine gedeihliche Entwicklung  eines gemeinsamen Unternehmens am Herzen liegt.

Um eine Genossenschaft zu gründen, braucht es (ähnlich einem Verein) mindestens 2 Genossenschafter und eine Satzung.. Um wirtschaftlich tätig zu werden, braucht es einen gewerblichen Geschäftsführer – dieser kann auch Vorstand sein – und schließlich die Aufnahme in den Revisionsverband. Anders als etwa eine GmbH braucht eine Genossenschaft kein Mindestkapital und auch keinen Notariatsakt.

Ein paar Beispiele

Da ist zB „Architektur:lokal“, ein Zusammenschluss dreier Tiroler Architekten, die sich die Förderung traditioneller alpiner Baukultur zum Ziel gesetzt hat. Konkrete Bauprojekte, aber auch die Sanierung und Revitalisierung alter Bauern- oder Gasthäuser gehört genauso dazu wie einschlägige Bildung und Forschung.

Spannend ist auch die Geschichte der neu gegründeten Genossenschaft BIO-SPHÄRE Süd- Ost, mit der Österreichs ältester Bioladen, der vor fast 40 Jahre als Familienunternehmen auf 15 m2 begann auf neue, zukunftsfähige Beine gestellt wird. Der enorm gewachsene Betrieb will damit kleine Läden durch die Übernahme von Verwaltungsarbeiten und Lagern oder geschulte Personalressourcen im Notfall (zB. Krankheit der Inhaber) unterstützen.

Aber wozu brauchen wir dafür diese Vereinsmeierei?

Die Gründung einer Genossenschaft wird in Österreich erst wirksam mit ihrer Eintragung ins Firmenbuch. Diese Eintragung setzt voraus, dass die GenossenschaftsgründerInnen dem Firmenbuchgericht die Aufnahmezusage eines Genossenschafts-Revisionsverbandes vorlegen können.

Derzeit gibt es die Revisionsverbände des Raiffeisensektors, den Revisionsverband des Volksbankensektors (Schulze-Delitzsch), den Revisionsverband gemeinnütziger Bauvereinigungen und – nach wie vor – den Revisionsverband österreichischer Konsumgenossenschaften (siehe dazu die Webseite der Vereinigung aller Revisionsverbände, dem künftig auch der Förderungs- und Prüfungsverband gemeinwohlorientierter Genossenschaften angehören wird: www.vor.or.at).

»Wir möchten mit unserem neuen Verband den ursprünglichen Werten der Genossenschaftsbewegung einen kräftigen Impuls geben«, sagt der Obmann des neuen Verbandes, Heini Staudinger. Schaut man nämlich in die Geschichte des Genossenschaftswesens zurück, zeigt sich, dass die Friedrich Wilhelm Raiffeisen oder Schultze-Delitsch in Deutschland oder Robert Owen in Schottland und viele andere ganz ähnliche Ziele verfolgten wie wir heute.

Die wichtigsten Aufgaben eines Genossenschaftsverbandes sind zum einen die Aufnahme neuer Genossenschaften und zum anderen die Bestellung von RevisorInnen für die alle zwei Jahre durchzuführende Prüfung seiner Mitgliedsgenossenschaften (bei Genossenschaften mit mehr als 40 MitarbeiterInnen ist die Revision jährlich durchzuführen). Im Rahmen der Revision ist neben der Rechtmäßigkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit der Genossenschaft insbesondere auch zu prüfen, ob die Genossenschaft ihren „Förderauftrag“ erfüllt, d.h. ihren  Zweck erfüllt, „die Wirtschaft und den Erwerb ihrer Mitglieder“ zu fördern (§ 1 Genossenschaftsgesetz). Dazu gehört für uns insbesondere auch die Orientierung am Gemeinwohl, die den Interessen der Mitglieder nicht widerspricht, sondern sie ergänzt, sagt Josef Stampfer, Genossenschaftskenner und Pionier der Primärbankenbewegung – und einer der Impulsgeber beim Schremser Symposium.

Rückenwind für die Bewegung!

Die Gründung des neuen Revisionsverbandes verfolg das Ziel, dem großen Potential der Genossenschaft einen kräftigen Impuls zu geben und den vielen engagierten Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich außerhalb der bestehenden Verbände unter dem Leitbild gemeinsinniger Wirtschaft genossenschaftlich zu organisieren, sagt Staudinger.

Dieser Szene möchte der neue Verband Rückenwind geben und ist unter www.rueckenwind.coop für Interessierte erreichbar. Dazu gehört auch die Konkretiserung und Operationalierung der schon im Mai-Manifest von 2015 fest gehaltenen Ausrichtung der Wirtschaft aufs Gemeinwohl und damit auf Werte wie Menschenwürde, Solidarität, Subsidiarität, Transparenz, kulturelle Vielfalt und Mitbestimmung, ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit.

Oder, wie Heini Staudinger es gerne in Anlehnung an die französische Revolution von 1789 formuliert: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Ökologie und Spiritualität. Der Verband organisiert dazu im Zusammenhang mit der Revision eine gemeinsame Reflexion von Verbandsmitgliedern untereinander, bei der sie sich über Entwicklung des Gemeinwohls im Sinne eines gegenseitigen Benchmarkings und voneinander Lernens miteinander austauschen.

Mit den Ideen und Konzepten der Genossenschaft als Rechtsform solidarischen Wirtschaftens soll eine Neuorientierung des wirtschaftlichen Handelns geschaffen und so,  Zivilcourage, Demokratie- und Wirtschaftsverständnis  in der Gesellschaft gefördert werden –  im Sinne eines guten Lebens für alle!

Eine ausführliche Darstellung vieler Genossenschafts-relevanter Fragen beantwortet Josef Stampfer in seinem Interview mit dem Rasenna-Magazin.

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