25. September 2015  /// Europa Gesellschaft Umwelt Welt

SDGs: Eine große Herausforderung, auch für uns

Drei Jahre dauerten die Verhandlungen. Das Ziel lautete: die Entwicklung eines Sets globaler Ziele, die die heuer auslaufenden Millenium-Entwicklungsziele (MDGs) ablösen sollen. Anders als diese, werden die neuen Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) alle Bereiche einer nachhaltigen Entwicklung umfassen. Dazu wurde nach der großen Umweltkonferenz Rio +20 im Jahr 2012 ein breiter Konsultationsprozess ins Leben gerufen, mit dem Anspruch, neben PolitikerInnen und ExpertInnen auch zivilgesellschaftliche VertreterInnen gut einzubinden.

Am 25. September ist es soweit: Im Rahmen der diesjährigen 68. UN-Hauptversammlung in New York werden die 17 Globalen Nachhaltigkeitsziele und ihre 169 Unterziele von den UN-Mitgliedsstaaten verabschiedet; umgesetzt werden sollen sie bis zum Jahr 2030. Im Unterschied zu den MDGs richten sich die neuen UN-Ziele nicht mehr ausschließlich an die so genannten Entwicklungsländer, sondern nehmen alle Länder in die Pflicht.

Doch was bedeutet das? Und: Sind nun tatsächlich baldige Lösungen für unsere vielfältigen globalen Probleme in Sicht?

Hunger und Armut bekämpfen: auch bei uns

Dazu zählen immerhin die Bekämpfung des weltweiten Hungers und der Armut, Umweltprobleme wie der Klimawandel und die zunehmende Ungleichheit sowohl zwischen, als auch innerhalb unserer Gesellschaften. Keine Kleinigkeiten also. Die Armutsbekämpfung steht, wie auch bereits bei den MDGs, an erster Stelle. Ganz oben steht der Anspruch, extreme Armut weltweit zu beenden. “Extreme Armut” bedeutet, von weniger als 1,25 US-Dollar am Tag leben zu müssen. Weltweit tun dies nach UN-Schätzungen gegenwärtig rund 836 Millionen Menschen. Das sind zehnmal so viele Menschen, wie in Deutschland leben, und hundertmal so viele wie in Österreich. Die Mehrheit von ihnen wohnt in Südasien und in Subsahara-Afrika. Ihre Zahl war über die letzten Jahr hinweg relativ konstant. Die Bilanz der auslaufenden Milleniumsziele, die den Hunger weltweit halbieren wollten, fällt gerade in dieser Frage leider bescheiden aus.

Ein weiteres Unterziel verpflichtet die Staaten dazu, den Anteil jener Frauen, Männer und Kinder zu halbieren, die nach der jeweiligen nationalen Definition in Armut leben. Bereits dieses Ziel betrifft auch die Industrieländer unmittelbar. In Österreich, einem der reichsten Länder der Erde, galten im Jahr 2014 nach Statistik Austria rund 14 % der EinwohnerInnen als armutsgefährdet. Nach der Definition der Europa 2020-Strategie waren gar über 19 % armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Der Indikator für „Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung“ fasst die drei Kategorien „Armutsgefährdung“, „erhebliche materielle Deprivation“ und „Personen in Haushalten mit keiner oder sehr niedriger Erwerbsintensität“ zusammen.[1] Nach jüngsten Zahlen gelten allein 400.000 Kinder in Österreich als armutsgefährdet und haben damit deutlich geringere Chancen auf heutige und künftige gesellschaftliche Teilhabe als ihre AltersgenossInnen.

Im Vorfeld der SDG-Verabschiedung veröffentlichte die deutsche Bertelsmann Stiftung einen Bericht [2], in dem die Frage aufgeworfen wird, wie es im Vorfeld innerhalb der industrialisierten Länder der Erde mit der Erfüllung der künftigen Vorgaben aussieht. Die Studie kommt zu dem Befund, dass bis dato keines der untersuchten OECD-Länder in allen SDG-Bereichen gut abschneidet und darüber hinaus die Kapazitäten zur Erreichung der neuen Ziele sehr unterschiedlich sind. Darunter fällt auch die Bekämpung der Ungleichheit. Liegen zur Frage der Einkommensverteilung in vielen Staaten noch relativ verlässliche Daten vor, sieht es bei den Vermögen bereits ganz anders aus. Eine Studie der Österreichischen Nationalbank etwa kam im Vorjahr zu dem Schluss, dass die Ungleichverteilung in diesem Bereich um einiges größer ist, als bisher angenommen. Diese Studie basierte aufgrund mangelnder Daten auf einer Umfrage. Wie es scheint, wissen wir hierzulande über Armut besser Bescheid als über Reichtum. Es gilt jedoch, an beiden Seiten mit Maßnahmen anzusetzen.

Umwelt und Soziales gehören zusammen

Positiv zu bewerten ist, dass in den SDGs mehr Wert auf ökologische Aspekte von Nachhaltigkeit gelegt wird. Diese hatten in den Milleniumszielen weit weniger Gewicht. Das ist gut und wichtig, denn soziale und ökologische Fragen sind eng miteinander verbunden. Und gerade auch hier liegt die große Herausforderung bei den Industrieländern, deren Verbrauch an Umwelt und Ressourcen jenen des Globalen Südens weit übertrifft. Zu einem guten Leben für alle gehört eine gesunde Umwelt genauso wie soziale Gerechtigkeit.

Fortschritte messen

Die Frage der Umsetzung hängt auch von geeigneten Daten und Indikatoren ab. Es ist vorgesehen, die Umsetzung der SDGs vorrangig auf nationaler Ebene zu evaluieren. Dies soll Regierungen eine verlässliche Basis für die Bewertung vergangener Maßnahmen sowie für künftiges Handeln und eine entsprechende Budgetplanung liefern. Hier gibt es, wie gezeigt, selbst in Industrieländern noch Baustellen. Aber auch auf globaler und regionaler Ebene gilt es, geeignete und auch verlässliche Messinstrumente zu entwickeln.[3]

Rainer Falk, Herausgeber des Informationsbriefs Weltwirtschaft und Entwicklung, warnt in diesem Zusammenhang vor geschönten Zahlen, die Erfolge herbeirechnen, wo keine sind. Er nennt als Beispiel die offiziellen Zahlen zu Hunger: Laut der UN-Ernährungsorganisation FAO leiden derzeit knapp unter 800 Millionen Menschen an Hunger und chronischer Mangelernährung. Das sind etwa 170 Millionen Menschen weniger als im Jahr 1996. Der Großteil dieses Rückgangs betraf China, wo heute rund 100 Millionen Menschen weniger hungern. Allerdings weist Falk darauf hin, dass die FAO im Jahr 2012 ihre Berechnungsmethode änderte, wodurch sich die Situation heute viel positiver darstelle. Laut Berechnungen nach der alten Methode läge die Zahl der Hungernden heute bei geschätzten 925 Millionen.[4]

Es braucht auch Geld für die Umsetzung

Ein entscheidender Faktor des künftigen Erfolgs oder Misserfolgs der SDG-Erreichung liegt in ihrer Finanzierung. Dieser Punkt war dann auch in den Verhandlungen besonders umkämpft. Das Prinzip der gemeinsamen aber unterschiedlichen Verantwortung nimmt reichere Länder stärker in die Pflicht. Allein im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit hinken diese seit Jahren ihren Versprechungen hinterher. Nur vier EU-Staaten – Großbritannien, Schweden, Dänemark und Luxemburg – stellen die mehrfach zugesagten 0,7% an Entwicklungshilfegeldern zur Verfügung. Vielleicht tragen die in diesen Tagen nach Europa kommenden MigrantInnen auch bei den zuständigen PolitikerInnen zu einem Umdenken bei: Denn nicht zuletzt stehen die Globalen Nachhaltigkeitsziele auch in einem engen Zusammenhang mit den globalen Flüchtlingsbewegungen. Wenn es uns gelingt, gemeinsam für die weltweite Nachhaltigkeit zu kämpfen, werden in Zukunft weit weniger Menschen dazu gezwungen sein, ihre Heimat zu verlassen.

Quellen:

[1]  www.statistik.at/web_de/statistiken/menschen_und_gesellschaft/soziales/armut_und_soziale_eingliederung/index.html

[2] www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_NW_Sustainable-Development-Goals_Are-the-rich-countries-ready_2015.pdf

[3] Sustainable Development Solutions Network 2015: Indicators and a Monitoring Framework for the Sustainable Development Goals.

[4]  baustellen-der-globalisierung.blogspot.co.at/2015/09/beendigung-des-welthungers-bis-2030-wie.html

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